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Der Jugendbund · 1926-08-26 · 15 (26.8.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
15 (26.8.1926)
Date
1926-08-26
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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■ammengehallen durch Gewalt, Zwang, Gesetz, in der die Menschen hauptsächlich ihren eigenen persönlichen Interessen nachgehen: der heutige Staat. Im ersten haben wir den organischen Typ des Zusammenlebens, in dem der Geist der Gemeinschaft in allen ihren Gliedern lebendig wirkt, im zweiten den mechanischen Typ, in dem sich die einzelnen innerlich überhaupt nicht beteiligt fühlen. In der Gemeinschaft sind die Menschen verbunden trotz allen Getrenntheiten, in der Gesellschaft getrennt trotz allen Verbundenheiten. Gemeinschaft ist das dauernde und e> hte Zusammenleben, Gesellschaft nur, ein vorübergehendes und scheinbares. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß unser Ich sich nur in der wahren Gemeinschaft vollenden kann, und daß wir darum versuchen müssen, das, was wir einmal waren und nun verloren haben, uns wiederzuerringen: eine Gemeinschaft, frei ron äußerem Zwange, 'der immer echten Gemeinschaftsgeist ertöten wird, eine Gemeinschaft, die zwar zunächst nicht natürlich gewachsen, aber doch innerlich gewollt, erarbeitet, gebaut sein und dann den Nährboden für ein späteres natürliches Wachstum abgeben kann. Was können wir dazu tun? — Wir müssen den neuen Menschen schaffen, den die Gemeinschaft braucht, und zwar scheint mir das erste dabei zu sein: an uns selbst zu arbeiten, selbst so zu leben, wie es die wahre Gemeinschaft erfordert. Wir sind ja alle noch Individualisten, trotz unsrer Einordnungssehnsucht. Wir setzen alle noch unsre eigenen Interessen über die der Gesamtheit. Das muß anders werden. Wir müssen uns mit einem neuen Geist erfüllen. Wir müssen diese Gemeinschaft mit unsrer ganzen Kraft und in jeder unsrer Lebensäußerungen wollen, wir müssen uns um sie bemühest wie um unsre eigenen und liebsten Angelegenheiten. Und wir dürfen dabei nicht einer Gefahr erliegen, die für uns Juden besonders oft verhängnisvoll wird: wir dürfen nicht in der Theorie stecken bleiben. Wir erleben es oft, daß ringende Menschen sich ein System zurechtzimmern, in dem sie von ihren Zweifeln gedanklich zwar befreit werden, daß sie sich aber mit dieser Hingabe an die Theorie begnügen und in die Wirklichkeit ihres Lebens nichts davon übertragen. Selbsterziehung also wäre das eine. Das zweite ist: Arbeiten an andern. Wir müssen, wo wir es nur können, den Versuch machen, die allgemeinen Vorstellungen von unsrem Verhältnis zur Welt zu ändern und in bezug auf die Aufgabe zur Synthese umzuformen. Dies kann in gewöhnlicher Einwirkung geschehen, aber es gibt auch noch eine andre Möglichkeit, nämlich die, durch Gemeinschaft zur Gemeinschaft zu erziehen. Ich denke hier z. B. an die moderne Gemeinschaftsschule, die im allgemeinen allerdings noch Aufgabe der Zukunft ist, besonders aber an die Jugendbewegung, die in der Idee der Gemeinschaft gipfelt und innerhalb der wir starke Ansätze und selbst schon Erfolge bemerken können. Ich will damit natürlich nicht sagen, daß die Jugendbewegung heute' im allgemeinen vorbildlich zu nennen ist; im Gegenteil, es gibt starke Entartungen, und der rechte Weg ist meist noch nicht gefunden. Aber es ist doch nicht zu leugnen, daß von Menschen, die aus der Jugendbewegung hervorgegangen sind oder mit ihr in Verbindung stehen, heute die stärksten Anregungen und Verwirklichungen ausgehen und daß die Jugendbewegung schon vereinzelt den neuen Typ Mensch geschaffen hat, den wir für das Leben in wahrer Gemeinschaft brauchen. Und wer sollte den« auch zuerst an die Verwirklichung des Zieles gehen, wenn nicht die Jugend, die in die Zukunft weist, die Träger der Idee sein und sie der Nachwelt überliefern muß. Wir kommen deshalb für diejenigen innerhalb der Jugend, die den Weg allein nicht finden können — und das sind die meisten — zu der Forderung, sich der Jugendbewegung anzugliedern, sich in ihr seelisch zu erschließen, zum Nehmen und zum Geben, und für diejenigen, die sich mit innerer' Selbstverständlichkeit dazu berufen fühlen, kommen wir zu der Verpflichtung, den andern Führer zu sein. Und wenn wir nun, nachdem wir die Vorausetzung dazu, den neuen Menschen betrachtet haben, das letzte Ziel, den großen Menschheilsverband ins Auge fassen und uns trafen, wie sich seine Verwirklichung vollziehen kann, so ist dies nicht so zu denken, daß die einzelnen Menschen von sich aus zu ihm zusammentreten — dieser Zusammenhang könnt« immer nur ein loser sein, weil jede Unmittelbarkeit der Beziehungen fehlen würde —, sondern es könnte nur so sein, daß dieser Verband, ebenso wie jede Gemeinschaft aus ihren einzelnen Gliedern, den Individuen besteht, sich aus einzelnen Zellen» Organismen, aus kleinen lebendigen Gemeinschaften zusammensetzt, die, in sich fest zusammengeschlossen, ihr Verbundenheitsgefühl hinausströmen lassen in die Gesamtheit, Es ist die* die Theorie, die z. B. von Gustav Landauer und Martin Buber vertreten wird. Vom kleinsten angefangen, vom Zusammenschluß von zwei oder wenigen Menschen, vollzieht sich der Aufbau stufenweise über Gemeinschaften einer Vielheit, deren Bindungen mannigfacher Art sein können, bis zum' Gemeinwesen, als dessen Surrogat Unser heutiger Staat zu betrachten ist. Und alle cticse Gemeinwesen, denen wiederum' schon durch Seelenart und Lebensform der Völker, * die sie umschließen, natürliche Grenzen gesetzt sind, bilden zusammen die große Menschheit. Und wie es im Wesen der Gemeinschaft überhaupt liegt, die Besonderheit der Individualität nicht zu unterdrücken, sondern sich in ihr zu vertiefen, so wird auch der große Menschenbund durch die Verschiedenheit und Vielfältigkeit seiner Glieder nur um so reicher. Und reicher wird zugleich auch der einzelne Mensch, der nun in unmittelbarer Arbeit am Nahen und Nächsten sich so gleichzeitig auch das Ferne zu eigen macht. Jeder wirke also in der Kulturgemeinschaft, in die er gestellt ist, und jede Kulturgemeinschaft gebe ihren besonderen Ton her zur großen Menschheitssinfonie. Und was daraus für uns als Juden folgt, ist das: uns ganz der jüdischen Gemeinschaft hinzugeben als der, die uns an innigsten umfängt, und in unserm echtesten Judentum zugleich unser reinstes Menschentum zu entfalten. Und noch ein andres folgt aus unserm Judesein: Das Judentum hat der Menschheit im Messianismus diese Idee der Vollendung des Menschengeschlechts überhaupt erst geschenkt, und außerdem hat es uns in der sozialen Gesetzgebung der Thora den Weg gewiesen, auf dem man zu ihr gelangen kann. Das Judentum ist also der erste Repräsentant von Idee und Verwirklichung zugleich. Wollen wir diese Tradition, die bei uns erstarrt Ist, in unsern Reihen wieder lebendig werden lassen, so bedeutet das für uns die Pflicht, den andern Völkern von neuem voranzugehen auf dem Wege zum letzten Ziele, das unserm ureigensten Wesen entspricht, den andern Führer zu sein zur Idee und zur Verwirklichung. Aus Briefen L > . . Nicht zu Unrecht wurde auf der letzten Führertagung des Bezirksverbandes die Forderung einer „größeren Aktualität" erhoben, und sicher ist, daß jene „größere Anzahl" von Mitgliedern nicht nur manches Blatt der Bundeszeitschrift, sondern auch manchen Vortrag im Verein nicht verdauen konnte. Wenn wir nun auch zugeben müssen, daß wir, um auch den geistig hoch potenzierten und für den Verband wert- Vollen Gliedern Fesselndes bieten zu können, nicht ganz auf das kritisierte „Niveau" verzichten können, so müssen wir doch das Unterschiedliche in der Aufnahmefähigkeit zu nivellieren suchen. Dies können wir nur dann erreichen, wenn wir mehr noch als bisher darauf bedacht sind, größeres Interfür die Vereinsarbeit bei allen Mitgliedern zu wecken. Wir können bei manchem Vorstand von einem heiligen Egoismus sprechen und vielleicht variieren: Ihr tut und habt so viel für uns getan, daß uns zu tun fast nichts mehr übrig bleibt! Der Vorstand sollte bei den einzelnen Mitgliederl an das Verantwortlichkeitsgefühl appellieren und eine größere Arbeitsteilung der Vereinsgeschäfte vornehmen. Er soll dafür sorgen, daß möglichst wenige Mitglieder den Verein als Ruhestätte nach des Tages Müh' und Last ansehen. An jedem einzelnen soll der Versuch gemacht werden, ihn für die intensiv« Vereinsarbeit zu gewinnen. Gewiß werden wir auch dann nicht soviel Führer wie Mitglieder haben — und Gott bewahre uns vor solchem Zustand —, aber wir werden ans jedem das Wertvollste für das Vereinsgedeihen herausholen können. Es kann keinem zur MITärbeit willigen Mitglied genügen. — 3 —

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