Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1926-08-26 · 15 (26.8.1926) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
15 (26.8.1926)
Date
1926-08-26
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492456-6352473-6352492--0191-4928392
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Erziehung zur Gemeinschaft Von Lucie Walter. (Referat aus einem Zyklus über „Erziehungsfragen" im JJV. Dresden.) Man hätte eigentlich die Behandlung des Problems, über das wir jetzt sprechen wollen, des Problems der Gemeinschaft, •n die Spitze all der Referate stellen müssen, die sich in unsrem Kreise mit Erziehungsfragen befaßt haben. Denn Gemeinschaft im Sinne der Verbindung von Menschen untereinander ist letzten Endes Ausgangspunkt jeder erziehlichen Einwirkung, weil die Voraussetzung aller Erziehung, das Sittlichkeitsprinzip, auf Beziehung von Mensch zu Mensch beruht und dort am reinsten zum Ausdruck kommt, wo sich Pflichten des einen auf Grund von Rechten des andern ergeben. Und auch unter dem Gesichtspunkte der natürlichen Ordnung, die den Menschen mit dem Augenblicke seiner Geburt schon hineinstellt in eine Gemeinschaft, in die Familie, ihn dann weiteren Bindungen entgegenführi und sie alle zu mitbestimmenden Faktoren seiner Entwicklung werden läßt, auch unter diesem Gesichtspunkte bleibt Gemeinschaft Ausgangspunkt der Erziehung. Diese Seite des menschlichen Zusammenschlusses, Wert und Bedeutung der Gemeinschaft, durch die, bewußt oder unbewußt, erzogen wird, wie Familie, Schule, Ehe, überhaupt der Einfluß jeder Berührung des einzelnen mit seiner Umgebung auf ihn, ist hier in der Diskussion bereits verschiedentlich gestreift worden. Ich möchte mich heute nicht damit beschäftigen, sondern mich ausschließlich der andern Seite des Problems .zuwenden, der Frage: Ist Gemeinschaft auch Ziel der Erziehung? Ein Blick auf die Geschichte zeigt, daß es jedenfalls Zeiten gegeben hat, in denen sie es war. Ich denke hier, um nicht weiter zurückzugreifen, an das Mittelalter, in dem man von einer Individualseele im heutigen Sinne überhaupt nicht reden konnte. Es war eine Periode der Einheit und inneren Geschlossenheit. Eine religiöse Lebensansicht, eine religiöse Erziehung ordnete alles Irdische einem überirdischen Ziele, überindividuellen Mächten, dem Göttlichen unter, das auf Erden in der Gemeinschaft von Menschen seine Verwirklichung fand. In diesem Sinne wurde einem jeden sein Platz in einem festen Kreise angewiesen, hatte jeder seine Zunft, seinen Stand, seine Heimat, in der er wurzelte. Es geschah alles um der Gemeinschaft willen, nichts, um dem Individuum zu dienen. Aber auf diese Periode der stärksten Ausprägung des Verbundenheitsgefühls folgte dessen völlige Vernichtung. Das Zeitalter der Renaissance entdeckt die Persönlichkeit, hebt sie auf den Schild und gibt den Rahmen ab für Männer vom Schlage Cesare Borgias, die rücksichtslos ihre Persönlichkeit auswirken und ihr alle und alles dienstbar machen. Im Zeitalter des Barock vertieft sich diese subjektive Gefühlsbetontheit in einer Weise, die am besten durch Ludwig XIV., „L'ctat c'est moi", illustriert wird. Gegen diese barocke Ichgesinnung setzt unter dem Zeichen der Naturwissenschaft eine Gegenbewegung ein. Man legt das ScBwergewicht von der Persönlichkeit fort auf die Gesetzlichkeit, unter der Natur, Well, Mensch stehen, und betont somit das gleiche wie. die Zeit vor der Renaissance. Aber während der mittelalterliche Mensch sich mit seinem ganzen Sein unbewußt diesem Ueberindividuellen hingab, ist die jetzige Einordnung eine ganz bewußte und nur verstandesmäßige. Gott ist überall; er ist das Gesetz. Zu dieser Erkenntnis kam man rein gedanklich; das Fühlen blieb davon unberührt. Die notwendige Begleiterscheinung dieser Einstellung war, daß ihr jede Tiefe fehlte. Sie bildete gewissermaßen die Oberfläche einer Weltanschauung, unter der die alte Ichgesinnung heimlich weiterschwelte, bis sie schließlich, als die naturwissenschaftliche Bewegung ihre Kritiker fand find als zu flach ver-* worfen wurde, mit verdoppelter Gewalt hervorbrach und von neuem dem Individuum zur Herrschaft verhalf, das jetzt, bewußter denn je, jede Gesetzlichkeit leugnete, die nicht in ihm selbst lag. Es ist dies der Punkt, an dem wir vor einiger Zeit angelangt sind, und durch die nach der entgegengesetzten Seite tendierenden Probleme, die die sozialen Umwälzungen allein schon von außen her an uns heranbringen, ist nun zugleich der Zustand geschaffen worden, der in seiner Zugespitztheit Klarheit und Entscheidung von jedem einzelnen unsrer Generation verlangt. Sollen und wollen auch wir das Individuum als Ziel der Erziehung anerkennen? Es ist dies eine Frage, die nicht zu trennen ist von unsrer Weit- und Lebensanschauung, deren Beantwortung davon abhängt, ob wir unsrem Leb.en einen Sinn geben und welchen. Nun Rann man natürlich von einer einheitlichen psychischen Struktur der Menschen in unsrer so komplizierten Zeit nicht reden, aber es scheint doch so, als ob die Mehrzahl derjenigen, die das Leben ernst nehmen, seinen Zweck und Sinn im einzelnen schon nicht mehr erkennen können, als ob sie ihn vielmehr' in etwas über diesen Hinausweisendem, etwas weniger Endlichem erblicken: in der menschlichen Vervollkommnung, in der Einheit und Vollendung der ganzen Menschheit. Dieses Ziel aber kann nur in innigem Zusamroenschluße aller und durch ihn erreicht werden. Kein einzelner, so heißt es einmal in dem kabbalistischen Buche Sohar, kann das Vogelnest — das ist der Ort des Messias, das Symbol für diese Vollendung der Menschheit —« erreichen, aber hundert Männer vereint können es, wenn sie, einer auf die Schultern des andern steigend, eine himmelansteigende Leiter bilden. Was aber hier im Hinblick auf das Ideal gefordert wird — der menschliche Zusammenschluß —, das bleibt genau so unerläßlich, wenn wir die Wirklichkeit, die natürliche Veranlagung des Menschen, zur Grundlage machen. Wir empfinden, daß unser Ich in seiner Isoliertheit unzureichend ist, daß wir, auf uns selbst gestellt, am Leben zerschellen. Wir fühlen es alle, daß in seelischer und geistiger Berührung mit andern — vorläufig allerdings fast nur im Rahmen persönlicher Beziehungen — Kräfte in uns frei werden, die für uns Quellen reinsten Glückes bedeuten. Wir fühlen, daß tief in uns göttliches Allsein liegt, das allein in der Gemeinschaft sich zu entfalten vermag; wir fühlen, daß erst in der Gemeinschaft wir ganz wir selbst werden, daß unser Ich sich erst in der Gemeinschaft erfüllt. Einsamkeit ist Reife, hat Martin Buber einmal gesagt, Gemeinschaft ist Vollendung, Dieses Wort beleuchtet zugleich die Spannung zwischen Individuum und Gemeinschaft. Gemeinschaft bedeutet keine Aufhebung der Persönlichkeit, sondern sie braucht sie, tun sich in ihr zu verwirklichen, ebenso wie die Persönlichkeit der Gemeinschaft bedarf, um sich in ihr zu vollenden. Vertiefte Gemeinschaft bedeutet also zugleich vertiefte Persönlichkeit, und umgekehrt, und ernstes Arbeiten an der Persönlichkeit ist in diesem Sinne auch immer. ein Arbeiten an der Gemeinschaft. Ja, vielleicht ist es sogar notwendig, daß die Persönlichkeit sich eine Zeitlang aus der Gemeinschaft löst, um sich ganz zu entfalten, ihren eigenen Wert herauszuarbeiten, ebenso wie in der historischen Entwicklung die Ichgesinnung sich vier Jahrhunderte lang, herausgerissen aus der Gemeinschaftsidee, auswirken mußte, aber nur, um dann wie diese das nun fest gewonnene Ich wieder einzuordnen in den großen Zusammenhang. Ich sagte vorhin, daß wir das beglückende Kräfte auslösende Gefühl des Zusammengehörens heute fast nur als persönliche Begebenheit zwischen Mensch und Mensch, also in der Liebe und der Freundschaft, kennen. Ja, ist das wirklich so, wird man fragen, heute, im Jahrhundert des Sozialismus, im modernen sozialistischen Staat, in dem doch der Gemeinschaft gelebt wirdl Und wenn es so ist, warum? Daß es so ist, wissen wir wohl alle aus eigener Erfahrung. Und warum? — Weil wir heute eine Gemeinschaft im eigentlichen Sinne überhaupt nicht mehr haben. Um den Begriff der Gemeinschaft schärfer herauszuarbeiten, möchte ich dies an Hand einer Einsicht der neueren Soziologie verdeutlichen, deren grundlegende Formulierung von Ferdinand Tönnies stammt. Tönnies macht einen scharfen Unterschied zwischen den beiden Begriffsbezeichnungen Gemeinschaft und Gesellschaft, die in der deutschen Sprache zu Unrecht fast immer synonym gebraucht werden. Unter Gemeinschaft versteht er eine innere, natürlich gewachsene, gewordene Verbundenheit, innerlich zusammengehalten durch gemeinsamen Geist, gemeinsame Arbeit, Kulturgüter, Sitte, Glaube, gemeinsame Gesinnung, unter Gesellschaft dagegen eine von außen gemachte Verbindung, rein äußerlich zu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.