Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 14 (12.8.1926)
- Date
- 1926-08-12
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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oft einer der wunderbaren Aussprüche über irgendwelche schwere Kämpfe im Innern weghelfen? Wie krampfhaft wollen wir uns oft an etwas festhalten, uns Mut holen, stärken. Würde es uns nicht neu beleben, wenn wir von so viel Macht und Stärke lesen würden, von soviel Göttlichem, Erhabenem, wenn wir lesen würden, wie immer Gott Israel behütet hat; würde uns nicht ein Gefühl des Beschütztseir.s, des Geborgenseins überkommen? Warum lesen Millionen von Menschen diese Bibel immer wieder? Warum hat sie bei Menschen wie Goethe höchste Ehrfurcht erregt? Warum verdanken ihr selbst viele Christen unendlich viel, und viele von uns Juden, denen sie als Veunacivrnis übergeben wurde, kennen sie nicht? Leichtsinnig lassen wir den wertvollen Schatz liegen. Ich spreche natürlich nur von einem gewissen, aber großen Teil der Juden. Und viertens: In der Bibel finden wir die ältesten historischen Denkmäler der Menschheit. In der Weltliteratur nimmt diese Bibel als „bedeutsamstes, bewunderungswürdigstes Buch, voll unvergleichlicher poetischer Schönheil" den ersten Rang ein. Kein Buch ist je soviel gelesen worden, so vielmals übersetzt worden wie die Bibel. Für alle Arten von Menschen, alle Religionen, alle Völker, ohne Unterschied des Bildungsgrades ist sie von größtem EinfluQ gewesen. Sie ist von einer unglaublichen Vielseitigkeit, mit einem Wort, sie ist eine Heilige Schrift. Und nach all diesem frage ich nicht mehr: Dürfen wir sprechen über sie, bevor wir sie gelesen haben? Ich frage: Können wir es verantworten, wenn wir sie nicht lesen? Können wir das? Wir werden sie also lesen und dann uns fragen: Würden wir so leben, wie es hier vorgeschrieben ist, wären wir dann besser oder schlechter, wäre dann die Welt reicher oder ärmer? Ich denke, wir könnten die Frage leicht beantworten und würden unsere Konsequenzen daraus ziehen. Es gibt Menschen, die auf dies alles zur Antwort geben: Ja, aber wir wollen frei sein; wir wollen keine Gesetze anerkennen, wir wollen tun, wie wir es selber, für richtig halten, Freiheit vor allem. Darauf kann man sagen: Und glaubt ihr tatsächlich, daß ihr überhaupt frei leben könntet und ganz gesetzlos? Und wißt ihr denn nicht, daß derjenige, der nichts hält, sich von allem frei macht, daß er gar nicht frei ist, daß er \iel schwerere Ketten noch trägt und an diesen zusammenbrechen kann; daß der Arme sich selbst betrügt, indem er sich frei wähnt? Der, nur der allein ist wahrhaft frei, der stolz sich freiwillig den urewigen Gesetzen unterwirft. Und es gibt andere, die sagen: Ja, aber ich glaube gar nicht, daß ein Gott lebt. Du glaubst nicht, daß ein Gott lebt, ein Wesen ohne Anfang und Ende, eine Urkraft, etwas, das wir nicht verstehen, aber doch fühlen, die ewige Wahrheit, das immer Wechselnde und doch einzig Bestehende, das glaubst <hi nicht? Du glaubst aber doch, daß die Erde um die Sonne kreist, schon unendlich lange, daß Frühjahr kommt, dann Sommer, Herbst, Winter und wieder Frühling, lachender Frühling. Du glaubst doch, daß Nacht kommt nach dem Tage und wieder Licht und wieder Dunkel, daß Knospen aufblühen im Sommer und verwelken, wenn ihre Zeit vorbei ist, sterben und wiederkommen und noch schöner blühen. Und du kennst das Licht, ohne das nichts leben könnte, das alle ernährt; und du kennst das Meer, das tiefe, von dem ein Teil des Wassers verdunstet, aufsteigt und wieder hinunterkommt als Regen und wieder aufsteigt. Und du kennst doch den Mond und all die vielen leuchtenden Gestirne, die schon seit unendlich langer Zeit ihren Weg gehen und immer denselben, von ihm vorgeschriebenen Weg. Du kennst auch Blitz und Donner. Und wenn in tiefer Nacht bei einem Gewitter ein Blitz sekundenlang die Gegend grellblau erleuchtet und die hohen mächtigen Bäume tief gebogen sind und wieder wütend in die Höhe gerissen werden von einem furchtbaren Sturm, erweckt dann dieses dämonisch schöne Schauspiel weniger Furcht und demütige Bewunderung in dir, weil du weißt, daß der Blitz ein starker elektrischer Funke ist, in dem sich die entgegengesetzten Elektrizitäten zweier Wolken vereinigen? Fühlst du nicht unendlich klein und nichtssagend bei einem so mächtigen Naturschauspiel, und wird dieses Gefühl geändert, indem du weißt, wie diese Erscheinung entsteht? Nein! Niemalsl Du glaubst nicht an Gott, sagst du, und wer hat denn den Regenbogen erschaffen, der so leuchtend in den herrlichsten Farben ausgespannt ist über dem Himmel? Und diese tiefe aufatmende Ruhe' und der köstliche feuchte Erdgeruch nach dem Gewitter? O, sage mir doch nicht, daß der Regenbogen durch Brechung des Lichts entsteht. Warum bricht sich das Licht? Wer hat diese Gesetze au fgestf 11t? „Meinen — 11 Bogen setze ich in die Wolke, und er sei zum Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde." So sprach der Herr zu Noah. Und du kennst die kleinen lustigen Waldbäche, die über Wiesen springen, an Dörfern vorbei, und es gesellen sich viele Geschwister dazu und sie fließen immer breiter durchs Land an Städten vorbei, tragen Lasten und münden endlich ins Meer, das sie alle aufnimmt. Du kennst die Fische im Wasser, das muntere Reh, die lustigen Vögel und auch Würmer, Schlangen. Du kennst alle die feinen Gräser und mächtigen Bäume, die buntfarbenen Blumen und leuchtenden Schmetterlinge, und du kennst dich selbst, du Menschenkind, wirst geboren in Schmerzen, lebst mit Schmerzen und stirbst in Schmerzen, und doch, wirst auch geboren durch Liebe, und lebst mit Liebe und wirst hinweggenommen'in Liebe. Liebe ist Anfang und Ende, Ursprung und Ziel. Um ans Ziel zu kommen, mußt du zum Ursprung zurück, denn alles ist ein ewiger Kreislauf. Und du glaubst nicht an Gott?, frage ich .dich wieder. Glaubst nicht an den Schöpfer all dieser Herrlichkeit? Glaubst nicht an den göttlichen Kreislauf und die Liebe, die allumfassende, mächtige Liebe? - Und man könnte weiter fragen: Du sprichst von Liebe und Glück, und es gibt doch auch so viel Schmerz. Gewiß, das ist ja eben das größte Glück, daß es soviel Schwerz gibt. Denn was wären wir ohne ihn? Er ist die Triebfeder in uns für alles Hohe und Gute, er sitzt als Stachel in unserer Faulheit und Lässigkeit, er treibt uns weiter, und nach vorhergegangenem Leid empfinden wir die Freude doppelt. Ja, er ist die Vorbedingung der Freude, Mutter der Seligkeit, und im tiefsten Schmerze haben wir ja die Gewißheit, daß Er bei uns ist und uns hilft, wenn es uns zu schwer ist zu trafen. Ur.d wir wissen, daß Er uns diese Prüfung nur schickt, um unsere Kraft zu messen, daß Er ^ns kämpfen läßt, damit wir siegen, und wenn wir unterliegen, wieder kämpien und immer wieder,"" bis wir gewonnen haben, Sieger sind. Und durch diese Kämpfe werden wir immer stärker und geübter, Er schicke uns dann immer größere Versuchungen und tiefere Schmerzen, der Kampf wird immer heißer und das Unterliegen immer gefährlicher, aber der Sieg, der Sieg wird immer herrlicher und strahlender. Wenn er alle Schmerzen von dir nähme, du würdest sie bald zurückrufen, denn dann würdist du das Glück so gewohnt sein, daß es dich nicht mehr freuen könnte und eigentlich kein Glück mer)r wäre. Wir Jakob mit dem Engel, wirst du mit deinen Schmerzen ringen und sie nicht lassen, bis sie dich gesegnet haben, und sagen: „Nicht Jakob-sollst du fortan heißen, sondern Israel, denn um den Vorrang gekämpft hast du mit göttlichen Wesen und mit Menschen, und hast obgesiegt." Und auch wir wollen uns alle diesen herr- . liehen Namen Israel erringen, deshalb sollen wir uns nicht fürchten vor dem Schmerz und ihn fernhalten. Wir wollen mit ihm kämpfen die ganze Nacht,-wie Jakob mit dem Manne kämpfte, dervon Gott geschickt—wjir. Der Mann ist der Schmerz und ist von Gottl Und man könnte sagen: Es gibt aber so wenige Menschen, die sich richtig mit dem allen beschäftigen, die wahrhaft im Sinne der Thora leben, die den anderen ein :Vorbild* sein können. Natürlich, eben darum sollst du, gerade du nun eintreten und den anderen ein Vorbild sein. Und alles aus Liebe zu Got, ihm, der dir diese gewaltige Kraft in die Brust gelegt hat, der dir diese wunderbaren Gebote gegeben, die Thora geschenkt hat, der es in deine Hand gelegt hat, dich ihm würdig zu zeigen. i Höre, Israel, der Ewige ist dein Gott, der Ewige ist. einzig. Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzT Seele und mit ganzem Vermögen. Und es seien diese meine Worte, die ich dir heute gebiete in deinem Herzen. Du sollst sie einschärfen deinen Kindern und davon reden, wenn du sitzt in deinem Hause, wenn du gehst auf dem Wege, wenn du dich niederlegst und wieder aufstehst. Binde sie zum Zeichen an deine Hand, trage sie als Stirnband zwischen deinen Augen, schreibe sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore. Martin Buber schreibt wörtlich in einem seiner Bücher: „Als ich ein Kind war, las ich eine alte jüdische Sage, die ich nicht verstehen konnte. Sie erzählte nichts weiter als dies; „Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger Bettler und wartet. Es ist der Messias." Damals kam ich zu einem alten Manne- und fragte ihn: Worauf wartet er? Und der alte Mann antwortete mir etwas, was ich damals nicht verstand und erst viel später verstehen gelernt habe, er sagte: „Auf dichI" Und diese treffende Antwort gilt für uns alle.