Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 14 (12.8.1926)
- Date
- 1926-08-12
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Jüdische Uraniagesellschaft Wien In Gründung. Von Dr. Glanz, Wien. Das jüdische Lernen hat in den letzten Jahrzehnten eine eigentümliche Entwicklung durchlaufen. Während wir qtif der einen Seite unser eigenes Schulwesen vernachlässigen, kann die jüdische Jugend nur schwer den Weg zur jüdischen Lehre bahnen. Und wenn die organisierte Gemeinschaft der Ellern diesen Weg nicht mehr so beschreitet, wie in früherer Zeit, so ist es Aufgabe der jüdischen Jugend, ihre Selbsterziehung mit eigener Kraft zu besorgen. Dies ist einer der Grundgedanken, der uns bewegt, eine jüdische Vortragstätigkeit mit Lichtbildern zu beschreiten, in einem Plane und in einem Ausmaße, wie er bisher in jüdischen Kreisen nicht gekannt wurde. Der unmittelbare Anlaß zu unserem Vorhaben ist die starkepädagogische Absicht, die Inhalte des Judentums in ganz bestimmt prägnanter Form einer Jugend zu zeigen, die auch die Grundbegriffe des Judentums nicht versteht oder gar meistens mißversteht. Schon die Anfänge des Judentums als Volk und Religion, die Bibel und unsere jüdische Literatur, können erst dann wieder verstanden und gefühlt werden, wenn sie in einer' der Jugend gemäßen Form gestaltet und zur Anschauung gebracht werden. Es ist nichts so schwierig, als die jüdische Geschichte in sich zu verlebendigen. Man kannte zwar einwenden, daß die jüdische Abstammung an und für sich das Erlebnis des jüdischen Menschen dauernd besorgt. Dem ist aber nicht so. Es drängt uns, eine ganz bestimmte Ausdrucksweise für unser Gefühlsleben zu. finden und dem Judcntume gemäß zu leben. Jüdische Geschichte, Kulturinhalt des Judentums, ist also etwas, dessen Erwerbung unseren ganzen Menschen verlangt. Es müssen auch gerade die besten Führer des Judentums zur jüdischen Jugend sprechen, und nur das gesprochene Wort bedeutender Zeitgenossen, das uns die ewigen Werte zwar in prägnanter^ Form, aber als Vorbereitung zu persönlichem Studium bietet, kann uns aus dem Wirrwarr der jüdischen ßildung unserer heutigen Tage zu einem reinen und klaren Lernen führen. Die jüdische Jugend steht heute vor der ganz bestimmten Entscheidung: wird sie die Inhalte des Judentums neu ge». stalten? Diese Frage ist nur deswegen gestellt, weil ein großer Teil der jüdischen Jugend heute peripherisch lebt, in den meisten Fällen ohne jüdische Lehrer- oder Führerpersönlichkeit. w Was fehlt, ist das objektive Auswirken der jüdischen Kultur, die in der stillen Bescheidenheit des jüdischen Buches niedergelegt ist. Wohl wirkt die Idee, aber sie kann nur durch das Buch wirken, und erst difreh dieses Buch wieder in die jüdische Gesellschaft hinausstrahlen. Wenn aber die jüdisch? Jugend von heute nicht mehr zum jüdischen Buche zurückkann, was dann? Darum ist es notwendig, freimütig einzusehen, daß die Krise des jüdischen Lernens eben darin besteht, daß zu wenig Menschen die Impulse zum Lernen empfangen, jene Impulse, die in alier Zeit die eigene jüdische Schule auf der ganzen Welt gegeben hat und die heute auch nur ein einziges Ge_spräch mit einem überzeugten Juden herbeizuführen vermag. Ein Vortrag ist geeignet, junge Juden zum jüdischen ( uche wieder zurückzuführen, indem er in der Gemeinschaft des Jugendvercins, meist von Außenstehenden gehalten; mit ganz plötzlicher Selbstverständlichkeit Dinge erörtert, für die jeder jüdische Jugendliche tief empfänglich ist und die er, je räch seiner Veranlagung, immer aber nachhaltig, aufnimmt. Ich meine gewiß nicht Vorträge, die nur Wissen vermilteln. Ich meine vielmehr solche Vorträge, die sich mit dem! 'i'iörer unmittelbar auseinandersetzen und, ihn zur . Stellungahme zwingen. Aus solch fn Vorträgen geht die sogenannte innere Uebcrlegung schwankend, einstellend u. a. hervor, und die äußere Diskussion im Jugendverein ist eigentlich nur das vorgeschützte Gefecht, das auf das Vortragserlebnis zu foi<|en pflegt. Immer aber kann ein wahrer Jugendverein ein gesellschaftliches Erlebnis daraus machen, d. h. die Wirkung des zur Betrachtung Gelangenden wird durch die gemeinsame Absicht der jugendlichen Vereinten bestimmt. Hierzu kommt noch, daß wir Bilder, und zwar nicht bloß aus alter Zeit, sondern aus der Moderne bringen, und so jedem Beschauer die Möglichkeit geben, ganz persönlich zu empfinden. Wir sind uns freilich dessen bewußt, daß unsere Absicht durchaus nichts Neues ist. Aber die Art und Weise, wie wir die jüdische Vortragstätigkeit zu kultivieren. gedenken, ist sicherlich erst zu erarbeiten. Wir wollen nämlich, um es nochmals zusammenzufassen, daß gerade das Objektive im Judentum in einer solchen Form zur Jugend gelange, die einen unmittelbaren Erfolg für das jüdische Lernen hervorbringt. Wir bringen also der jüdischen Jugend das We-.entliche. Wir bringen es versuchsweise als geformtes Ganzes. Die Bibel beispielsweise. - Es -ist ganz unmöglich, sich Jude zu nennen, ohne die Thora zu erfassen. Aber das Verständnis der Thora ist heute in einem negativen Sinne geheiligt, dafür aber unverstanden. Das wirklich religiöse Erlebnis bleibt dadurch aus. Wir müssen aUo die Bibel wieder durch das gesprochene Wort so gestalten, daß die jüdische Jugend unmittelbar zum Studium der Lehre zwingend gebracht werde. Ich fürchte mich nicht, dieses unpädagogische Wort wieder zu gebrauchen, da ich ja von allem- Anfang an die erziehende Absicht unseres Vorhabens ohne Umschweife erwähnt habe. Ich meine nämlich, daß der zwingende Erfolg im Inhaltlichen liegt und daß es einzig und allein unsere Aufgabe ist, wie wir die jüdischen Inhalte zur Darstellung bringen. Das ist vielleicht kein Thema einer Jugendzeitschrift, aber wir wollen uns mit der Jugend deswegen auseinandersetzen, weil wir glauben, daß Zuhörer auch ihre Vortragenden finden, und daß Vereine von jungen Juden, die eine ganz bestimmte Lerntätigkeit entfalten wollen, die jeden einzelnen zur Vollendung bringt, auch allmählich Mittel und Wege finden werden, um die |üdische- < Kultur zu einem gesellschaftlichen Erlebnis zu gestalten. Die Flucht in das Nichts Untheologische Betrachtung einet Laien zur Abfallbewegung. Von Benjamin Segel, Wien.. Von Zeit zu Zeit werden die Völker von unheimlichen Seelenkrankheiten geschüttelt. Eine Unruhe erfaßt sie, und •ic verlieren das Gleichgewicht. Daß dieses grauenhafte Völkcrmorden, das wir überstanden, aber noch lange, lange nicht überwunden haben, wie immer es auch ausgehen würde, die Menschen, Sieger wie Besiegte, in einen Taumel der Be-. sinnungslosigkeit versetzen müsse, sagten Einsichtige voraus. Aber die Zahl derer, die im Krieg ein „Stahlbad" für die Menschheit sahen, aus dem sie gestärkt und veredelt hervorgehen, einen Quell der Verjüngung, aus dem eine unendliche Fülle des Segens aufsprudeln und sich über die Welt ergießen würde — war größer, und sie wär lauter und verwegener im Verkünden ihres Evangeliums. Das waren alles Nutznießer des Krieges, die von ihm Macht und Ruhm, Reichtum und Einfluß erwarteten. Sie versprachen der Welt einen gewaltigen religiösen Aufschwung. Die Religiosität schien in den ersten Phasen des Krieges auch wirklich neu zu erwachen, und seichte Optimisten jubelten, als sich die Gotteshäuser wieder füllten, und die Gläubigen sich lauschend um die Prediger scharten. Der Schein trogr' Es war nicht die gesunde, natürliche Religiosität, die. in freudvollen Herzen wächst und sich als Dankgcbct zu Gott erhebt und sich in guten Werken verwirklicht, um die Geschöpfe Gottes zu beglücke». Es war eine aus Angst und. Todesfurcht und Verzweiflung geborene Religiosität: ihrem' Herdentrieb folgend, drängten sich die von dem plötzlicher. Ausbruch betäubten und überwältigten Menschcn/ dichter aneinander und ließen sich willig von den sanften und ergreifenden Gesängen und Melodien berauschen, die. in einem so wohltuenden Gegensatz standen zu dem wüsten Donnern und Krachen da draußen, zu dem markerschütternden Stöhnen und Wehklagen von Millionen Gefallener, die auf den Schlachtfeldern ringsum in Todesängsten verröchelten oder in wahnsinnigen Schmerzen mit dem Tode rangen. DicM Religiosität kitzelte sozusagen — 7 —