Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 14 (12.8.1926)
- Date
- 1926-08-12
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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»eher Stoffe zunichte machte. Als Heine zirka 15 Jalwi später den „Rabbi" foi-tsctzte, bestand kein innerer Zusammenhang mehr zwischen ihm und den Gestalten seiner Erzählung. Heine gab ihnen seine neuesten freisinnigen Ansichten in den Mund und mußte schließlich einsehen, daß es ein Ding der Unmöglichkeit war, di* Erzählung zu Ende.zu führen. Noch in demselben Jahre (1840) stand Heine unter .! m erschütternden kindruck der Damaskusaffäre. Was er soeben im „Rabbi" bea-beitet und woran der Menschenfreund selbst nicht mehr geglaubt hatte, war vollendete Tatsache geworden. Juden w :rden in Damaskus beschuldigt, Christenblu. \ ergossen zu haben. Heines jüdisches Gewissen erwachte wieder, und mit allen ihm zjr Verfügung stehenden Mitteln zog er gegen alle Persönlichkeiten, die irgendwie mit der Sache in Berührung standen, ri cksichtslos zu Felde. Natürlich ließ er an den sich durch Lauheit -und Schmarotzertum sich auszeichnenden Juden, die es durch ihre Interesselosigkeit an der Damaskusaffäre nur zu einem belanglosen Manifest brachten, ken gutes Haar. Das europäiscKe Gewissen empörle sich gegen die q alvollc Behandlung, die das französische Konsulat in Damaskus den beschuldigt :n Juden zuteil werden ließ, und bedeutende Männer, wie R ibert Peel, O'Connel, setzten sich besser für die Juden ein als die eigen'en Glaubensgenossen'. I In der Matralzengruft entstanden Heines „Hebräische Melodien", die die Beweise seiner aufrichtigen Konfession sind. Jetzt, in den letzten Jahren seines Lebens, von allen seinen Freunden verlassen, konnte Heine sich intensiver mit jüdischem Wesen beschäftigen, und er mußte, trotz seines kosmopolitisch Hegeischen Wissens, seiner Freisinnigkeit, zur Gestallung reiner jüdischer Stoffe kommen, die seinem Wesen ganz allein entsprachen. Man lese „Prinzissin Sabbat", „Jehuda ben Hale/y" und „Disputation", und jeder Zweifel an Heines Rückkehr zu Gott schwindet durch die Offenheit, mit der er sich zu ihm bekennt. Während dieser Zeit schrieb er an einer anderen Stelle: „Ja,-ich bin zurückgekehrt zu Gott, wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet." — — — Und mildernd fügte Heine hinzu: „Meine religiösen Ueberzeugungen und Ansichten sind freigcblieben von jeder Kirchhehkeit; kein Glockenklang hat mich gelockt, kcir.e Altarkerze hat mich geblendet. Ich habe mit keiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft nicht ganz.entsagt." Das ist der einheitliche Grundzug von Heines Wesen. Man kann ohne Dogma, ohne Symbolik Jude sein. Im tiefen Sinne finden wir eine wundervolle Einheit seiner Religion und seines Charakters. Gewiß können wir ein Weltgefühl, eine ketzerische Durchsetzung seines Geistes nicht abstreiten. Heines persönliches Verhältnis zu den Juden beruhte auf einer gewissen Intuition seines freien Gewissens, und diese kam aus der Tiefe seiner jüdischen Seele. Ja - immer noch Romantik! Carl Hollerbaum. Eine Entgegnung. Mit einem (wohlgemeinten, wohldurchdachten Wort, das weich sein mochte und es doch nicht sein kann, weil es ein Kampfruf ist, wird die Romantik, die Romantik des Juden, erdrosselt; nicht ganz, ein wenig noch läßt man sie leben und atmen, weilman im Unterbewußtsein spüren mag. daß mit ■i diesem Ruf naca Abkehr vom Romantischen an haarfeinen und ' empfindlichen Faden der jüdischen Seele gezerrt wird. Weshalb Abkehr? Weil die Romantik angeblich da hindernd, im Wege steht, wo eine „alte, überlebte Well" umgestaltet werden soll, weil die Romantik die „politische Arbeit" beeinträchtigt.- I Glaubt ihr, daß euer Ziel so sehr erstrebenswert ist? Glaubt ihr, daß dieses Ziel je erreicht wird? Haltet ihr den Begriff: „Jüdische Romantik" gleichbedeutend mit „Jungmädchenromantik"? Wißt ihr, was jüdische Romantik dem Juden ist? Habt ihr darüber nicht nur nachgedacht, sondern auch' nachgefühlt? J Und wollt ihr dann verfemen, was seit Jahrtausenden in der tiefsten Tiefe der jüdischen Seele als warmes und tröstendes Licht brenrjt? Wollt ihr das verleugnen, was seit Generationen, seit einer Zeit, da euer £uropa noch Urwald und Steppe war, sieh erhalten und veredelt hat im Juden durch reinste und adeligste Seelen-Vererbung? Glaubt ihr, da3 heute noch Juden wären auf der hundertfältig gemarterten, blutdurchtränkten Erde, nach unsagbaren Verfolgungen, jiach allen Wahnausbrüchen der Gegner im Verlauf der Geschichte der „Kultur"völker, wenn die Romantik und ihre erneuernde Kraft nicht unseres Wesens und unserer l-i^enaBt ein Teil wäre? Wollt ihr mit einem kühnen, anfeuernden Wort das nehmen, was seit Urgedenken dem Juden hinweghalf über die bittersten, die elendesten -Stunden seiner Geschickte? Wollt ihr das „Träumen" mit einem Strich der modernsten Stahlfeder ausmerzen? Und endlich, fürchtet ihr, daß die romantische Strömung in der jüdischein Seele stärker sei als der Geist? Dann fürchtkt ihr mit Recht! Aber fürchtet nicht für eure „politische Arpeit", die Sorge wäre unnütz. Die Romantik bringt euch keinen Schaden. Was da „politische Arbeit", „verwirklichtes Leben" heißt, i<t zum Großfeil doch Sache des Verstandes, des Gehirns. Das aber, was im Begriff: „Jüdische Romantik" 1 egt, ist Sache des Gefühls, des Herzens, der Seele; Extrakt reinsten und reichsten Innenlebens. Zwei Kreise sind das, die sich zwar schwach berühren, die aber von solch verschiedener Wesensart sind, diß weder der eine den andern bedingt noch ausschaltet. Laßt uns unsere Romantik! Sie ist nicht nur heiliges Gut für uns, das vir durch den Willen eines Höheren von den Vätern übernommen haben, sie ist auch unser Recht. Und dieses Recht wollen und müssen wir geltend machen, weil uns unsere Romantik Trost und Wegweiser ist, sogar Wegzehrung und Balsam unsrer Wunden. Dieses „Träumen, das nicht getadelt werdenj soll", ist so verwachsen, so unverrückbar verankert in der Seele Judas, daß es herausgemcißelt werden müßte, wollte man es entfernen. Ohne diese Romantik stürben wir einzeln an uns, weil wir verbrennen würden, stürben wir als Volk an den harten Widerständen, die sich uns entgegenstellen und ewig gegen uns sein werden.. Diese Widerstände aber müssen bleiben als unser Schicksal. Denn dieses Schicksal ist Urgrund unsres Seins, unsres Noch-Seins, unsrer Fortdauer und unsrer Zukunft; aber es nur zu ertragen durch die heilig-heilend« Eigenschaft unsrer Seele: romantisch träumen zu können! „Die Jugend will den wahren Rhythmus des Lebens in sich selbst spüren." Welch erhabenes Wort! Wenn aber das Wort Wirklichkeit ist, weshalb dann fort mit der Romantik? Erfaßt ihr den „wahren Rhythmus" ohne das „Träumen", nur mit eures Geistes Gaben? Wie ein Rechenexempel? Noch einmal: Laßt uns unsre Romantik! Sie ist uns eingeboren im schweren , Blut. Vertieft siel Pflegt sie! Fürchtet sie nicht! Lasset den Träumer in seinen stillen Stunden, die sein unantastbar persönlich Eigentum sind, träumen. Und glaubt, daß der größte Träumer, wenn die Stunden der Verstandesarbeit und der Tat das ihre fordern, auch der größte Tat — mensch sein wird, eben aus seiner Romantik heraus und für sie. Denkt an die Fördererliste des Verbandes! — 6 -