Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 14 (12.8.1926)
- Date
- 1926-08-12
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Generation" (Verlag C. A. Schwctschke, Berlin) sich vorgelegt hat. Wir haben es an dieser Stelle nicht mit der Wertung der ausgezeichneten wissenschaftlichen Arbeit des Verfassers zu tun, sondern für uns handelt es sich mehr um das Menschliche, das aus diesem Buche uns entgegentritt Vielleicht ist es ganz gut, wenn wir auch andererseits verstehen können, daß man nach den schlimmen Jahren, die hinter uns liegen, nichts mehr Aufregendes hören will, doch einmal jener Kinder sich zu erinnern, denen barbarische Menschen alles genommen haben. Schncerson hat es verstanden, die Kinder zum Reden zu bringen, sei es, daß er sich mit ihnen unterhielt, sei es, •daß er sie aufforderte, ihre Erlebnisse schriftlich niederzulegen.- Wir greifen aus dem Material, das in dem genannten Buche unter anderer Einstellung gesammelt ist, die folgende Erzählung eines 11 jährigen Knaben heraus: (Seine Geburtsstadt ist Kubono in Rußland.) „Es war an einem schönen Sabbatmorgen, als wir uns anzogen. Da kam mein Vater und sagt uns, daß eine Bande da ist. Da haben wir uns schnell angezogen und sind fortgelaufen. Und als wir auf das Feld kamen, sahen wir ein Haus. Dort habenwir uns versteckt. Dort saßen wir einige Stunden. Da, auf einmal kamen sechs Räuber und sagten meinem Vater, er solle ihnen Geld geben. Mein Vater hatte kein Geld bei sich, und da er sagte, daß er kein Geld bei sich hätte, hat man ihn erschossen. Nachdem sie ihn erschossen hatten, gingen sie fort. Meine Mutter weinte und wir gingen nach Haus. Unterwegs kam uns meine Tante entgegen und weinte auch. Dann kamen wir nach Haus, wo alles kaputt und . zerbrochen war. Am Sonnta.g beerdigte man meinen Vater, und mein Bruder machte alles ganz, und ich habe das Totengebet gesprochen. Nach einigen Monaten kamen sie wieder und erschossen meine Mutter, und ich und mein Bruder blieben allein. Nach dem Pogrom kamen wir fort zu meiner Tante, bis wir nach Rumänien fuhren." Wenn man eine derartige Erzählung liest, die nach Jahren niedergeschrieben wurde, so ist es keine große Leistung für uns, sich in das hineinzudenken, was Fürchterliches in jenem russichem Orte geschehen sein muß. Glück!» rwci'-.e schaltet die menschliche Seele Schutzstoffe ein, aber die Gefahr bleibt geschehen, auch nach Jahrzehnten kann das Kind als erwachsener Mann niemals völlig das überwinden, was es einst durchgemacht hat. Noch ein kleines Beispiel. Ein 15 jähriget Mädchen aus Stowischte schreibt: „An einem schönen Tag, es war am Sabbat, ging ich Von Hause weg. Plötzlich hört man eine Schießerei. Ich konnte nicht mehr nach Hause zurückkehren und ging zu meiner Freundin. Die Mörder töteten Menschen auf der Straße, und ich saß in großer Sorge um meine Eltern da, von denen ich nichts hörte. Doch sobald ich ruhiger wurde, ging ich nach Hause. Als ich in die Wohnung kam, traf ich meinen Vater und meine Mutter' nicht. Als ich in das nächste Zimmer trat, sah ich Blut auf dem Fußboden. Weinend fragte ich nach meiner Mutter und erfuhr, daß sie verwundet ist." < Wie gut es demgegenüber unsere deutschen Kinder trotz aller antisemitischen Belästigungen im einzelnen gehabt haben, geht aus den Aufsätzen hervor, die Schneerson von in dem gleichen Heime wohnenden jüdischen Kindern anfertigen ließ. Zur Probe geben wir noch eine kurze Erzählung eines Kindes aus Deutschland. Ein 12 jähriges Mädchen aus Kempen erzählt das Folgende: „Es war an einem schönen Tage, als aus dem jüdischen Vorstand aus Kempen eine Dame .kam und mich zu einem Theaterbesuch aufforderte. Es war kurz vor Chanukkah, ich spielte noch mit einem .Mädchen eine Dorfmäderlgeschichte, woran ich mich sehr gern und oft erinnere." Was wir zeigen wollten, haben wir gezeigt. Möchte niemals wieder eine Zeit kommen, in der schuldlose jüdische Menschen in dieser Weise gemißhandclt-werden, und möchte den jüdischen Pogromwaisen eine glückliche Zukunft beschert sein, die sie über die furchtbaren Erlebnisse ihrer Kindheit hinwegbringt. Heines Bekenntnis zum Judentum Von Louis K a r f i o 1 , Elberfeld. Anmerkung: Unter dem Titel „Heinrich Heine Confessio Judaica" gab Dr. Hugo Bieber, Berlin-Grunewald, im Weltvcrlag Berlin (1925) eine Auswahl aus Heines Dichtungen, Schriften und Briefen heraus, die, streng chronologisch geordnet, das gesamte Material der AeuCerungen des Dichters über das Judentum enthält. Zuweilen, wenn wir Heine wahllos lesen, finden wir derartige Widersprüche in seinen Aeu Gerungen, daß man sich nur mit Mühe ein richtiges- Bild von seinem Charakter und seiner Anschauung machen kann. Heine war Indifferentist — aber kein Abtrünniger, da er unter anderen Voraussetzungen als die Allgemeinheit seinen Glauben aufbaute. Die Tradition war für ihn das geheiligte Mittel zur eigenen bewußten Machtstellung seiner aus den Tiefen der Mystik kommenden Religion. Heines Judentum, der untilgbare Flecken seiner Abstammung, blieb Zeit seines Lebens sein größtes Schmerzenskind. Lange Zeit, bevor er sich taufen ließ, sprach er von der einzigen Bedeutung, die die Taufe für ihn haben könnte: als Außenseiter die bessere Vertretung der jüdischen Rechte gegenüber Christentum und Deutschtum. Mit dieser Ansicht mußte Heine sich naturgemäß unter seinen Glaubensgenossen viele Feinde schaffen. Daß er aber um diese Zeit in seiner Dichterseele dem Judentum die Treue bewahrte, bewies sein freies, stolzes und edelmütiges Bekenntnis: Donna Klara. Die Hamburger Juden, Heines Verwandten und Bekanntenkreis, wurden seine Gegner, und deren Gebaren bestärkten ihn in seiner Antipathie gegen den Kaufmannsstand. In seinen Briefen bekundete Heine seinen Aerger über die „unausstehlichen Wucherern" — so nannte er einen bestimmten Teil der jüdischen sowie christlichen Bevölkerung der Handelsstadt — bis zum beißenden Spott. „Der Kaufmann hat in der ganzen Welt dieselbe Religion. Sein Kontor ist seine Kirche, sein Schreibpult ist sein Betstuhl, sein Memorial ist seine Bibel, sein Warenlager ist sein Allerheiligstes, die Börsenglocke ist seine Betglocke, sein Gold ist sein Gott, der Kredit ist sein Glaube." Der Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden erstrebte die geistige Befreiung der Juden aus ihrer mittelalterlichen Abgeschlossenheit, das heißt die Erneuerung des Judentums durch ständige Mitarbeit an den geistigen Interessen Europas, die Verbindung des historischen Judentums mit der neuesten Wissenschaft. Vortrefflich äußerte Heine sich in den. Denkworten an Ludwig Marcus über den Antisemitismus: ,,_Ja, die Emanzipation wird früh oder spät bewilligt werden müssen, aus Gerechtigkeitsgefühl, aus Klugheit, aus Notwendigkeit; die Antipathie gegen die Juden hat bei den oberen Klassen keine religiösen Wurzeln mehr und bei den unteren Klassen transformiert sie sich täglich mehr und mehr in den sozialen Groll gegen die überwuchernde' Macht des Kapitals, gegen die Ausbeute der Armen durch die Reichen." Wie sehr Heine recht behielt, hat die Geschichte der letzten Jahrzehnte gezeigt, und im Brennpunkt des aktuellen Deutschlands finden wir nur den Kampf gegen die Ausbeute. Ueber das Fiasko des „Vereins für Kultur und Wissenschaft" schrieb Heine. „Geistbegabte und tiefherzige Männer versuchten hier die Rettung einer längst verlorenen Sache, und es gelang ihnen höchstens auf der Wahlstätte der Vergangenheit, die Gebeine der älteren Kämpfer aufzufinden." Immer wieder war es die Sache der Unterdrückten, die Heine vertrat. So waren viele Briefe und Schriften, in denen er sich mißbilligend über die Juden äußerte, mehr aus / r>« neigung gegen die Kapitalisten und ihre Anhänger entstanden, als aus innerer Ueberzeugung. _~| Alles, was Heine über jüdische Sitten wußte, finden wir im „Rabbi von Bacharach". Das erste und zweite Kapitel des Fragmentes entstanden um das Jahr 1825, dar dritte Ka. el um 1840. Mit. vollkommener Schönheit und Bewunderung schilderte Heine das Passahfest. Das Fragment ist der Notschrei eines an Lüge, Haß und Vorurteil der Menschen leidenden jüdischen Dichters. Heine wollte hiermit die Allgemeinheit zum besseren Vertändnis des Judentums gewinnen, sti 1 aber auf den größten Widerstand in sich selbst, auf den Zwiespalt zwischen Geist und Seele, der ihm "die Bearbeitung jüdi- — 5 —