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Der Jugendbund · 1926-08-12 · 14 (12.8.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
14 (12.8.1926)
Date
1926-08-12
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Die erste liberale Weltkonferenz in London hat zur Gründung des Wellverbandes des religiös-liberalen Judentums geführt. Es hat sich gezeigt, daß der Liberalismus eine ganze Reihe hervorragender Führer aufzuweisen hat, unter denen die deutschen einen besonderen Platz einnehmen. Wo aber ist das Heer, das hinler den Feldherren steht?. Bisher nennen sich all die vielen „liberal", denen das Judentum nicht viel mehr bedeutet als eine allgemeine religiöse Bezeichnung ohne irgendein verpflichtendes Programm. Wer die . Ausführungen von Männern wie Leo Baeck, Cäsar Seligmann und Dr. Wiener aufmerksam verfolgt hat, findet eine durchaus positive Kihstellung. die ja auch für eine religiöse Weltanschauung notwendig ist. Wenn die Führer es vermögen, die Massen, die sich liberal nennen, weil sie überhaupt nichts sind, zu liberaler Betätigung in ihrem Sinne zu bringen, wird der Liberalismus erst in Wahrheit für das Judentum fruchtbringend sein können. * Man plant im deutschen Vaterlande ein Gesetz; das u»s junge, durch eine Organisation verbundene Menschen aufs äußerste interessieren muH: das Gesetz zürn Schutze der Jugend vor Schund und Schmutz. Das h >rt sich sehr schön an, nicht wahr; man müßte das Gesetz mit Zimbeln und* Posaunen begrüßen, da man doch die- Jugend möglichst rein halten will, und es wahrhaftig, das kann niemand leugnen, Schund und Schmutz im UeberfluU gibt. Aber wenn man sich die Sache etwas näher ansieht, wird man die Zimbeln und Posaunen in ihre Futterale stecken und höchstens Trillerpfeifen und Hausschlüssel aus der Tasche ziehen. Denn das Gesetz bedeutet einfach die Wiedereinführung der- Zensur in den finstersten Formen. Es wird sogar an Freiheitsfeindlichkeit die Zensur der trübsten vormärzlichen Zeiten erheblich übertreffen, denn während in den Tagen Metternichs jeder Fürst -politisch oder religiös mißliebige Schriften für sein Ländchen separat verbieten mußte, wird nach dem herrlichen neuen Gesetzentwurf das Verbot, das ein deutscher Staat, sagen wir mal Mecklenburg, gegen eine solche Schrift ausspricht, für ganz Deutschland wirken. Und daß es sich lediglich—um solche Schriften, dere.n politische und religiöse 1 enden/ den Zensurstellen nitht paßt, handeln wird, lehren nicht nur die Erfahrungen früherer Zeiten, sondern auch die, die wir mit' den Filmprüfstellen gemacht haben. Auch diese Filmzensur wurde angeblich zum Schutze gegen Schund und Schmutz ins Leben gerufen. Und was..wird verboten? „Panzerkreuzer l'otemkin",. den die Herren der Obcrfilmprüfstelle selbst als das größte Kunstwerk bezeichnet haben. Und was wird erlaubt? — „Das Mädchen aus der Ackerstraße"! ' S. Z. * Der Magdeburger Justizskandal ist vorüber. Kölling ist auf Urlaub, Haas, freigelassen, dementiert, alle Beziehungen zu Linksorganisationen und sieht auch in dieser Beziehung als Ehrenmann da. Was bleibt, ist eine Erkenntnis, die Stephan Großmanns Tagebuch sehr nett "in folgende Worte kleidet: „Wenn ein Jude vor dem deutschen" Richter steht, so liegt in dessem Intellekt eine Trübung." — Hier tritt für unsere in jüdischer Beziehung meist unbeschäftigten jungen Juristen eine heroische Aufgabe, dem benebelten Hirn ihrer Chefs Scheinwerferdienste zu leisten. Feuilleton Von Heinz K a Die folgenden Ausführungen unseres Elberfclder Freundes, dem wir die Leitung des zu schaffenden Feuilletons für unsere Zeitung übertragen haben, regen hoffentlich dazu an, recht vieje Freunde zur Mitarbeit in-dem angedeuteten Sinne zu bringen. Zuschriften und Einsendungen, die diesen neuen Teil unseres Organs betreffen, sind an Dr. Heinz Kahn, Elberfeld, Mozartstraße 23, zu richten. Die Schriftleitung. Unsere Zeitung soll ein Feuilleton bekommen. Auf daß sie farbiger, weniger feierlich, nun, sagen wir's rund heraus: amüsanter werde. Eine Zeitung ohne Feuilleton ist wie eine Wiese ohne Blumen. Mag sein, daß das Vieh nahrhafte Atzung dort findet, daß das Gras in getrocknetem Zustande manchen Jahrgangsband voll wertvollen Heu's ergibt, aber, Freundinnen und Freunde, das Auge bleibt hungrig, der ästhetische Durst bleibt ungestillt. Wir wollen also inmitten unserer fetten Jugendbundweide ein kleines Blumenbeet einrichten, und da man mich, den im Bauen des soliden Kohls weniger Erfahrenen, zum Gärtner dieses Beetes bestellt hat. will ich ein paar Worte darüber sagen, welcher Art Blumen ich ziehen möchte und wie ic'u mir das Aussehen des Beetes denke. ,:Feuilleton" — der Begriff hat im Laufe der Zeit einen recht abschätzigen Inhalt bekommen. Wenn einer von einem Buche v'r. es sei Feuilleton, so meint er meist, es sei nicht ganz vollwertig. Zur Dichtung habe es nicht gelangt, es sei eben bloß Feuilleton. Wenn man das, was in den meisten, auch großen, Tageszeitungen unter dem Strich steht, betrachtet oder wenn man eine der Wiener Zeitungen liest, die ja alle zu vier Fünfteln aus Feuilleton bestehen, dann begreift man diese Anschauungen. Was da so gedruckt wird, ist im.allgemeinen höchstens dazu geeignet, den Leser im Restaurant zwischen' Suppe und Fisch oder in der Straßenbahn zwischen Arbeit und Vergnügen vor dem Anblick eines langweiligen oder unsympathischen Gegenübers zu bewahren. Da wird über dies und jenes „geplaudert", belanglose Sachen werden neckisch erzählt, alle bekannten Männer und Frauen, die akkurat seit einer durch fünf teilbaren Zahl von Jahren auf der Welt oder tot sind, werden zu den größten Menschen ihres Zeitalters oder aller Zeiten gemacht, und die Kleinigkeit, über die der gute Jude mit dem verächtlichen Urteil: „Wichtigkeit' hinweggeht, wird zur Wichtigkeit, die er unter bedeutsamem Wiegen des Hauptes mit dem Ausruf: „Kleinigkeit!" bestaunt. Ein Feuilleton solcher Art nennt der Fachmann deutlich und erschöpfend „Schmonzette". Schmonzellen werden in unserem Beet nicht geduldet. hn, Elberfeld. - Das gute Feuilleton dagegen ist Dichtung. Es ist eine Dichtung, deren Erscheinen in einer Tageszeitung nicht nur durch die Geringfügigkeit der räumlichen Ausdehnung, sondern auch durch eine gewisse Aktualität des Themas gerechtfertigt ist oder durch eine nicht näher zu umschreibende Art der Stilistik, die das Lesen eines einzigen derartigen Stückes zu einem zwar flüchtigen, aber keineswegs wertlosen Genuß macht, die Lektüre einer Sammlung dieser Schriften in Buchform aber nur in den Ausnahmefällen zuläßt, die immer dann gegeben sind, wenn ein Genius am Werk ist. * ... fm Feuilleton mehr noch als in allen anderen Teilen der deutschen Zeitungswclt sind Juden in großer. Zahl hervorgetreten. Der erste deutsche Feuilletonist und seine beiden bedeutendsten Nachfahren sind Juden: Heinrich Heine, Daniel Spitzer und Alfred-Polzar. Kurt Tucholsky, zugleich der fruchtbarste und einer der amüsantesten Feuilletonisten unserer Zeit, ist Jude. Sling, Gerichtssaalreporter und als solcher ein gewandter Feuilletonist, ist Jude. Und auf der anderen Seite sind, besonders in Wien, manche der bekanntesten Schmanzetten-Verfasser Juden: Felix Saiten, Arnold Höllriegel, Raoul Auernheimer, Alexander Moszkowsky, Daraus geht hervor, daß, im ganzen gesehen, die Juden feuilletonistisch nicht unbegabt sind, (Manche behaupten sogar, daß an jedem dichtenden oder schriftstellernden Juden ein Stück von einem Feuilletonisten hafte.) Die Mitarbeiterschaft unseres Feuilletons wird sich natürlich in erster Linie aus unserem eigenen Kreise rekrutieren müssen. - Und ich stelle mir vor, daß dieser Hinweis (zusammen mit der an anderer Stelle dieses Blattes veröffentlichten redaktionellen Notiz) genügen wird, eine Flut von Manuskripten auf meinen Schreibtisch zu ergießen, deren Verfasser sich freuen werden, für ihre schriftstellerischen Expektorationen endlich einen Weg zur Selzmaschine gefunden zu haben. Und die Autoren und Autorinnen haben ein Recht zur Freude, denn sie werden zu einem Kreise sprechen dürfen, der sie versteht und mit dem sie über die Beziehung zwischen Schriftsteller und Leser hinaus verbunden sind. Die Rubrik ^Feuilleton" unserer Zeitschrift wird sich ebensowenig wie das Feuilleton irgendeiner anderen Zeitung aufdie Veröffentlichung solcher Prosastücke beschränken, die ich-vorher als „Feuilletons" im engeren Sinfie definierte. Dem Umfang nach kleine schöngeistige Werke jeder Art werden wir bringen, doch — sachte, ihr Lieben! — es wird Musterung — 3 —

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