Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (15.7.1926)
- Date
- 1926-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492456-6352473-6352488--0156-4928360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
sie zugleich zum Born des Wissens hinleitet. Unserer Jugend, die wir in Deutschland leben, ist die Notwendigkeit aulgegeben, sich mit jüdischer und deutscher Kultur auseinanderzusetzen. Leben aber, gestaltendes Leben in bestimmtem Sinne, das erfordert Willen zum Leben, und dieser wird nur möglich sein, wenn wir Freude an diesem Leben naben können. Ich glaube, es ist die große-Not, in der sich die deutsche Judenheit befindet, daß so wenig Freude an ihrem Judesein mehr besteht. Laßt mich offen und klar einmal vor diesem größeren Kreise von einer Erkenntnis einer Ueberzeugung sprechen, die ich vor einigen Freunden schon seit Jahr und Tag bekannt habe und die mir vor allem im Hinblick auf die Zukunft der deutschen Judcnheit wichtig genug erscheint. Ich bin längst davon durchdrungen, daß die allzu starke Betonung desWissensmäßigen um unser Judentum als neuer Grundlage zur Rückführung der Gleichgültigen psychologisch unzureichend ist, daß lediglich die von gewissen Kreisen im besteh Glauben geforderte Hinlcitung zu den edlen Weistümcrn unserer jüdischklassischen Kulttirperiode nicht wirkungskräftig genug ist, um das wiederzuwecken, was mir als Bürgschaft für unsere jüdische Zukunft als das wichtigste erscheint — eben die Freude am Judcscfin als gestaltungsfähiger Kraft in unserer Zeit. Wir haben im jüdischen Kreise aber leider wenig geleistet _hci. dem Rinken zum Ausgleich der sozialen Gegensätze, wir haben wenig oder nichts geleistet bei der Zerrissenheit, die über die Menschen kam. Man hat bei uns die Menschen größtenteils mit neuen, teilweise recht feinen Gedankenprägungen abgefüttert; wir haben hingegen keine Verlebendigen.; unseres religiösen Lehens wahrgenommen. Ich habe die Ueberzeugung, daß neues jüdisches Leben in Deutschland nur dann entstehen kann, wenn wir Menschen zusammenbringen, die einmal miteinander an der Ausrottung ihrer Fehler und Unzulänglichkeiten arbeiten, und wenn man in diesen Gemeinschaften Sich bemüht, neues Leben der Formung zu gestalten. Wir werden erst dann unseres Judeseins wieder froh sein können, wenn wir auf dem jüdischen Wege kraft unseres Judeseins auf dem sozialen, wirtschaftlichen und auf dem religiösen Gebiete neue Gestaltungen zu Wege bringen. Meine Aufgabe war heute die, euch zu zeigen, welcher Art die große Not in der deutschen Judcnheit ist, und es gilt, gemeinsam einen Weg zu finden zu ihrer Beseitigung, und daß man versucht, mit den Mitteln des Geistes diese Aufgabe der Stunde zu bewältigen. Es dünkt mich keine wahre Gemeinschaft, die solcher gemeinsamen Aufgabe jüdische/ Jugend in Deutschland fähig ist, wenn man da und dort sagt: „Ihr seid zwar junge Menschen, aber Ihr seid noch nicht lebendig genug als Juden, wenn Ihr nicht gerade unseren Gruppenweg geht." Wir sagen: „Jeder wähle sich später als Gereifter den Weg, den er als Persönlichkeit schreiten muß." Wir haben es gleich dem edlen Russen Solowjew längst erkannt und wollen es immer lauter verkünden; Ueber den einzelnen und den Gruppen steht die wahre Gemeinschalt, die erst dem einzelnen Ankergrund bietet. Das ist — kurz gesagt — auch der denke' rische und sittliche Kerngehalt unseres Neutralität** Prinzips im Verband, das wir uns darum nicht schmähen lassen wollen. Wir dürfen auf seine Gültigkeit auch als Juden pochen, denn das Chawerus, das Bürgesein eines Juden für den andern, gleich, welcher Haltung im jüdischen Bereich, findet seinen starken Ausdruck in unserm Betonen des Einenden gegenüber dem Trennenden, in unserm Willen das Trennende der Parteimeinung bei uns kennen zu lernen, aber als Trennendes, die Gemeinschaft Ausschließendes, nicht wirksam werden zu lassen. Jedem einzelnen von euch sei es ehrlich gesagt, daß unser Weg, daß der des einzelnen von euch heute reichlich schwer ist gerade c(urch die wirtschaftliche, soziale und religiöse Not. Aber wenn es mir gelungen ist — und das hoffe ich —, durch meine Darlegungen des Bildes vom ernsten Stande der deutschen Judenheit die Notwendigkeit unserer Verbandsarbeit euch klargemacht zu haben, dann darf ich euch in dieser Stunde zurufen: „Sollten euch auch viele im Stiche lassen, dann gilt euch das ewige Gesetz, in neuem Gestaltungswillen auszuharren, — nach der Weisung eines unserer großen Weisen: „An der Stätte, wo es an tatkräftigen Männern fehlt, sei da selbst bestrebt, „Mann" zu sein." Rathenau: Gesinnung und Jugend! Von Ernst Holzer, Frankfurt a. M. I. Nach einem bekannten Worte müssen alle Neuerungen drei Stadien ihrer Entwicklung durchmachen: Verspottnug, Bekämpfung und Sieg. Auch mit genialen Führern, Uebermenschen, ist der Philister, der Durchschnittsmensch, stets so verfahren. Lud Walter Rathenau ist ein Schulbeispiel, für diese edle Tradition. Erst verspottet als Phantast, Literat, Dilettant, ringt er sich nur schwer durch die unsagbar großen Hindernisse, die Staat und Gesellschaft ihm bereiten, hindurch. Dann aber wird er bekämpft als Revolutionär, Sozialist, Pazifist, schließlich ermordet, als Jude. Nun aber tritt er ins letzte Stadium ein: Sieg. Der deutsche Menschenkreis, der ihm die Tat für seines Vaterlandes Zukunft nicht gestattet hat, kann nicht von diesem Manne loskommen. Die Manen Rathenaus gehen im Volke um, man vertieft sich in seine Schriften und Reden, und man anerkennt sein reines Wollen, nimmt den Willen für die Tat. Rathenau hat sich, vulgär gesprochen, durchgesetzt. Aber wie ist das Bild, das sich uns nun bietet? Man schändet seinen Namen, mißbraucht sein Werk für die eigenen egoistischen Interessen. Man macht ihn zum Kronzeugen, für alles mögliche und unmögliche. Politiker, Journalisten, Parteifanatiker erklären im Brustton der Ueberzeugung, daß Rathenau „eigentlich" schon immer ihrer Meinung, Anhänger ihrer Richtung gewesen sei. Und auch Juden, die ja in der Vernimmelung hervorragender Glaubensgenossen seit jeher Erkleckliches zu leisten gewohnt sind, haben die Gelegenheit . der soeben (im Verlage Carl Reißner, Dresden) erschienenen Briefe Walter Rathenaus benutzt, um in widerlichem Tone und mit häßlicher Aufdringlichkeit Rathenau zum Parteibonzen herabzudrücken. Und sie vergessen, daß man umfassende, überragende Persönlichkeiten, ganze Menschen, nicht mit der Brille des kleinlich-feilschenden Augenblickspolitikus betrachten darf, sondern unter dem Gesichtswinkel geschichtlicher Entwicklung, menschlicher Bedeutsamkeit. In diesen Fehler wollen wir „Neutralen" nicht verfallen. Man muß, wenn man Rathenau als Wissenschaftler und Forscher kennen lernen will, in seine Werke einzudringen versuchen. Will man aber seine begnadete Menschlichkeit, den ewig zweifelnden, suchenden Dualismus seiner jüdischen Geistigkeit auf sich wirken lassen, so darf man nicht aus dem Zusammenhang gerissene Sätze lesen, sondern man muß Ton, Stimmung, Form, Geist seiner persönlichen Produktion, seiner Briefe, als ein Ganzes in sich aufnehmen. An Freunde und Bekannte gerichtet, lassen sie die volle Sonderheit und Seltenheit seines Wesens hervortreten, und wenn man sie mit offenem Geist und Gemüt gelesen hat, legt man erschüttert die beiden stattlichen Bände aus der Hand. | Nicht also, um Rathenau als Anhänger unserer Idee zu dekretieren, sollen im folgenden zwei Gedanken behandelt werden, die er in zwei Briefen zum Ausdruck bringt. Sondern, weil sie als Ergebnis scharfer Beobachtung, eine Mahnung für uns sein sollen, können sie hier besprochen werden, um, nach Rathenaus Worten, „zum Leben um des Gottes willen, und zur Leistung um der Welt willen, uns gegenseitig zu ermutigen". II. Rathenau schreibt: „Aus meinem Buch werden Sie ersehen haben, daß ich von Einrichtungen sehr wenig, von Gesinnungen sehr viel erwarte. Ich bin nicht der Ansicht, daß letztere durch die ersteren sehr stark beeinflußt werden, wohl aber umgekehrt glaube ich, daß eine starke Zeitstimmung sich jederzeit die Ausdrucksmittel beschaffen wird, deren sie bedarf." Dieses Wort könnte im Hinblick auf uns, Unsere Sache, unseren Verband gesprochen worden sein. Aus einer „starken Zeitstimmung" heraus entstand vor Jahren unser Verband, als ein „Ausdrucksmittel" einer Idee, mit der die jüdische Welt erobert werden sollte. Aber in weiten Kreisen der Führer und Geführten, scheint es mir, hat siefi in den nun hinter uns liegenden schwarzen Jahren dieser Wille zum Geist — und Geist ist parteilos, er überschreitet die von Menschenhand gezogenen Grenzen — erkaltet zur „Einrichtung"; die „Ge- - 10 -