Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (15.7.1926)
- Date
- 1926-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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und in einer beschwingten Lebensfreude hinleitet, er wird dafür sorgen, daß das, was Plato als Erziehung zum bestimmten Platz fordert, die Ermöglichung des Ranges, zum .Wert für die Gemeinschaft und zur Lust des einzelnen ausschlägt. Diese weisen Erzieher, die wissen, daß für die Erziehung Bereitstellen alles ist, müssen jetzt heraustreten, müssen die Schar der Mitkämpfer größer und noch' durchdrungener werden lassen. Da und dort sieht man schon Ansätze, die die Tendenz haben, sich auszubreiten. Aber alle Erziehung hat in der heutigen Zeit den schwankenden Boden dieser unsinnigen Gesellschaft. Kämpfen wir für die neuel Und helfen wir einstweilen dem Typus aus seinen Nöten, dem alles noch das Chaos oder schon das Nichts ist, zeigen .wir ihm Sinnbilder, Ideale, Symbole und Männer, die die Verantwortung und die Stärke aufbringen, die Kreise und den einzelnen mit der Gewalt ihrer Persönlichkeit und mit der Sprengkraft der Idee zu erschüttern. Helfen wir, denn hier liegen die Grundelemente, die einmal aufbegehren werden, um heldenhaft und lachend das Leben zu meistern. War doch, soweit man heute schon sehen kann, die Rechtschaffenheit dieser Art so stark, daß da, wo sie sich aus der ungeheueren Relativität der Worte und Werte ziehen wollte, sie Verschleiern und Verschönern als unzulässig empfand, daß da, wo der Selbstbefreiungskampf nicht tragisch endete, gleich, ob sich das Chaos durch den erlösenden Bogenstrich zu Klangfiguren ordnete, oder das Nichts durch den Willen (nicht durch den Gottes wie bei den Scholastikern) überwunden wurde, unerbittlich um letzte Dinge gerungen worden war, daß ein Menschenschlag erstand, kämpferisch gesonnen und froh, Tapferkeit und unbändige Weltseligkcit so sehr im Geblüt, wie nur je aus vegetierendem Warten in trotzfreudiges Ja-Sagen sich wandelten, in ein Ja-Sagen, das heroisch ist, weil der acherontische Schauer in ihm akut ist VII. Hier können wir noch den Schwankenden helfen, wenn wir ihnen nahelegen, was die Zeit wohl meinte, als ihr Geist sie beschlich und ihnen Worte wie „Unbedingkeit", Totalität" •uf die Zunge legte, Sie wollten ein Leben aus einem Guß und dachten an Unberührtsein vom „Unwesentlichen". Sie nahmen die Forderung „Mensch, werde wesentlich" beglückt auf und setzten Wesen mit Einseitigkeit gleich. Kamen sie' überhaupt zu einem Ergebnis, so zeitigten ihre Anlagen und Bemühungen in der Sphäre des Realen zwei eindeutige Erscheinungen: Brunst des religiösen Gefühls, und der gegenüber: Fanatismus des zivilisatorischen Willens. Und doch waren beide Erscheinungen in ihrer idealen Typizität dem Leben gegenüber hilflos, denn dieses ist mehr als nur Versenkung oder nur Tat. Da man nur mit einem Auge sah, ergaben sich wunderliche Einstellungen: der Massenschrei nach Einsamkeit und der einzelne Ruf nach Gemeinschaft, das Lob der Armut und die Apologie des Geldverdieners, der neue Heiland und der alte Macchiavell. Man rief nach dem Führer. Und die Jugendbewegung, die am meisten rief, zeigt klar das Ungenüges des Rufens. War sie schon im Durchschnitt als ein Gemisch von Kleingeisterei, ehrlichem Wollen und schwachem Können, Biedertun, Eitelkeit und zeitgemäßen Sentiments, was alles sich nur zuweilen zu Fanatismus, Demut, Hochsinn, Religiosität verdichtete, für einen neuen Menschen unzulänglich, so waren die, die sich Führer nannten, von einer ebenso anmaßenden wie erstaunlichen Geistlosigkeit, daß man den harmlosen Durchschnitt dem betriebsamen Führertum gern vorzog. Nur wenige erkannten — und erst heute werden es mehr —, daß ein Führer mit beiden Augen sieht und weder vor der Wirklichkeit erschrickt noch über das Religiöse skeptisch lächelt: daß er^ den Abgründen des Seins wie keiner vertraut, die Lust und die Bereitschaft für die Idee hat und das erfaßte Bild in die Welt umsetzen kann. Nicht eine Verschweißung der Gegensätze, welche eine Erfindung minderer Schreiber oder eine lebensnotwendige Lüge von Bedürftigen ist, ist dies Sehen mit beiden Augen; wo es das Organisierbare organisiert und das Ehrwürdige ehrt, ist es ein optimistisch-illusionsloses Meistern des Lebens, eine Kunst der richtigen Verteilung, ein Sowohl und ein Als-auch, daß nur ein grober Tropf, der den Unterschied zwischen Opportunismus und Distribution, Betriebsamkeit und Klugheit nicht erfaßt, als pragmatistische Beflissenheit bezeichnen dürfte. Die Frage nach dem Führer ist die Frage nach dem Seher, und wenn gefragt wird, worin das Kriterium für die richtige Verteilung des Gegensätzlichen bestehe, so heißt das in übertragener Bedeutung: Wie lernt man mit beiden Augen sehen?, oder in praktischer: Wie werde ich Führer?; Fragen, die schon durch ihre Existenz zeigen, daß man wieder im Tragikomischen angelangt ist Hat man aber eingesehen, was gefühlsmäßig wohl gewiß war, daß der Führer eine Urkraft ist, daß er nicht einer Regel folgt, sondern einer Anlage, so zeigt sich am Problem des Führers der Sinn jenes „Mensch, werde wesentlich" in der Frage nach dem Wesen überhaupt, und es dürfte mindestens als eine Vorwegnahme der Zukunft zu gelten haben, Wesen mit Einseitigkeit gleichzusetzen. Denn deT Mensch der Gegenwart fühlt beide Richtungen seiner Zeit, den mächtigen Wechseltakt von Göttlichem und Irdischem,, von Lösung und Spannung, von Religiösem und Politischem. Und nur der, dessen Wesen beides enthält, der beides meistert und mit eingeborener Kraft das Richtige trifft, wird gehört, wenn etr einmal „Ihr sollt" ruft, wo jetzt bestenfalls e!in „Wir wollen" gilt. VIII. Diese Einsicht ergibt ein Doppeltes: Einmal, daß das landläufige Streben nach dem Leben aus einem Guß ein typisches Ideal der Masse ist, mit welchen Inhalten es auch erscheinen mag. Zum andern, daß d i e Menschen der Jugendbewegung, denen es wirklich um das „Wesen" geht, sich besinnen müssen, sich politisieren müssen. Soll hier ein guter Menschenschlag nicht zugrunde gehen, so muß er als Macht in die Politik eingreifen, als Verwirklichungshelfer, der mit der Eigenart der Widerstände 'rechnet, der weiß, daß-Ethos die geistige Voraussetzung, Kampf aber das technische Mittel zur Ueberwindung dieser Zeit ist. Daß die Programme nichts wert sind, wenn die geeigneten Menschen fehlen, daß Ueberredung lächerlich ist, wo es auf eine Vertrauensentscheidung ankommt, daß die Ideologien verschwinden vor einem neuen WeltgefühL Wir helfen denen gern, die noch nicht zur Entscheidung kamen, wir wollen gern durch unser Beispiel das gemeinsame Werk lebendig machen, wir zeigen den Weg aus der dunklen und verwirrten Ahnung über die Herrschaft des geistigen Willens zur Eroberung des Staates. Denn wir glauben erst recht, wo wir ringsum die Entscheidungen uns zufallen sahen, an dieses junge Geschlecht, das einer verendenden Zivilisation-seine Kultur entgegensetzen wird. Nicht etwas Neues, denn Kultur ist etwas Altes, zutiefst Eingeschlossenes, dessen Kern gar nicht terminologisch zu umgrenzen ist: es ist das innerste Sein, das man nur leben, nicht formulieren kann. Neu ist wieder die Frische, die Fähigkeit, dieses- Sein zu leben,' diese rauschhafte Entschlossenheit zum „Werde, was "du bist", neu ist der1 verbindende Strom einer ungeheuren Mitleidenschaft, der überquellende Hervorbruch einer Religion inbrünstiger Weltbejahung. (1923.) Bemerkungen/ zur Delegiertentagung Von Siegfried Bacharach, Hannover. Es ist unsere Aufgabe, vorhandene Mänge und aus Fehlern zu lernen. — So müssen wir Frage vorlegen, warum die meisten unserer V jrbandsfreunde nicht mit demselben Hochgefühl von dieser T zu erkennen— uns heute die gung schieden, wie das bei ähnlichen Anlässen in frühere^ Jahren der Fall war. Vier Jahre hatte „man" sich nicht gesehen./„Man" ist jene Gruppe von Menschen, die seit vielen Jahren mit Leib und Seele an unserer Sache mitarbeiten und ihr in Sturm und Stille die Treue bewahrt haben. Die meisten aber kannten überhaupt einander nicht. Bildlich gesprochen: Hundert verschiedene Instrumente, die nicht aufeinander abgestimmt sind, können niemals eine klangvolle Sinfonie erzeugen. Tatsächlich: Während man in früheren Jahren die Einstellung beinahe eines jeden zu den Fragen, die uns beschäftigen, kannte, nach dem zweiten Satz seiner Rede schon ahnte, zu welchem Erjd-' ziel er überhaupt das Wort ergriffen hatte, war während dieser Tagung fast jeder Sprecher ein Neuer, Ungekannter, Gesichlsloser. Die Majestät des Wortes wird doch noch vielfach verkannt — 7 —