Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (15.7.1926)
- Date
- 1926-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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konnte nicht wollen, dieses gesteigerte Grautier Buridans. Schwankte er doch unruhvoll, unzufrieden, zumeist, wenn er ehrlich war, ein nervöser Pathograph seines Martyriums, zwischen Tat und Beschaulichkeit, und je nach der Stärke seiner Einsicht, daß ein Wollen notwendig sei, suchte er ein Kriterium, das ihn zum Tun zwingen sollte, oder umschloß sich mit einer ebenfalls erzwungenen Einsamkeit. Der Halbundhalhe, der Mensch der iGrenze, der Bürger mit der gebrochenen Seele, er flog vom Skeptizismus zur rhetorischen Ekstase, aus dem Nihilismus floh er in den schönen Schein, sprang aus einem beseligten Vegetieren, in ein Gebiet schöngeistiger Ironie, er war tragisch, er war komisch, er rührt, an Himmlisches und Irdisches; und noch wenn er aus „anständigem Pessimismus" oder „ruchlosem Optimismus", aus „tiefer" Welttraurigkeit oder „flachem" Weltfrohsinn nach Gnade, Synthese oder nach dem Kriterium rief, zweifelte er an aller Möglichkeit. Er konnte nicht wollen, er war glaubenlos und doch kein Freigeist: er war abergläubisch; er hatle starke Triebe und war, nicht selbstverständlich: er war dekadent; er sah in alles und sah nichts: und dann erschossen sich die Empfindlichsten, die Verschlagenen inszenierten den Betrieb, und nur wenigen gelang eine holde Täuschung durch Beschränkung und Einengung auf ein Gegebenes. Sie konnten ' nicht wollen und ahnten nicht, daß das Leben die logische Schneidigkeit der Problematik nicht durch ein Kriterium löst, sondern durch Menschen; daß die Befreiung nicht aus dem Eewerten kommt, sondern aus dem Wesen; daß es fast kein „Du sollst" gibt, sondern nur ein „Wir wollen". — Und so zogen sich aus dem Dunkel die hellen Linien, und w.ir sahen sie in einem Punkte zusammentreffe«: Unsere Gesinnung ist uns nicht aufgegeben, sie ist uns gegeben. Der Streit um die Meinungen führt uns nur zu einer anderen Meinung, überwunden wird diese Ebene' nur durch den Menschen, durch r.eue Barbaren im Sinne einer neuen Unvcrdorbenheit, einer organischen oder wiedergewonnenen Unbefangenheit, eines jugendlichen Menchcnsch'.ages, auf den Verlaß ist. IV. Sicherlich noch ist manches oder gar das meiste sehr im argen, aber der. Kern ist vorhanden, denn hier sind für den seherischen Blick die Grundzüj-e des 'Volkes von morgen in aller Glorie aufgedeckt, hier ist die Unbekiimmertkeit des Wollens und das Weltgefühl eines neuen Menschen. In der Jugend und im Proletariat wird die spä'.bürgerliche Zeit überwunden werden; beide fühlen sich auf Grund ihres erlebten Wertes, ihres wertvollen Weyens zur Ordnung der Zustande aufgerufen und berufen: Nicht um eii.en Schemen geht es ihnen, sondern um das Reich, und beide erfassen ihren Wcllsinn, wenn sie zürn Menschen an sich gelangen wollen, zum untragischen Menschen, der als Freier und Freudiger in seiner natürlichsten Gemeinschaft lebt. Das empfindet, die Jugend heute, wenn sie gesättigt und doch nicht übersatt, aber erfüllt von einem alten Kulturerbe sich als die Stelle fühlt, mit der die wertvolle Vergangenheit in die sinnvolle Zukunft umschlägt: Es war nicht mehr nötig, als daß sie sich einmal besann, um aus den Anfechtungen ihrer Tage zu ihrem Selbst zu kommen. Und wer zu dieser Jugend gehört, er weiß, besinnt eic sich nur, wie stark bereits das innerliche Einvernehmen wurde, er weiß es. ohne Partei, Bund oder Organisation; um ihn schließt sich der große P.ing, der der Sympathie huldigt, der nicht nach Alier rechtet und nicht nach Geburt. Und was soll da noch die Frage: Warten oder Kämpfen-?, wo ro?.n weiß, daß man die Zustände meistern muß, weil sonst man ihnen sich ergibt; wo man die völlige Mißartung ' der vergeher.den Generation vor Augen hat; wo .' man die Befriedigung der Völker in einem neuem Geiste will und ihn höher stellt als jenen faulen Wirtschaftsfrieden, der eintritt und verschwindet, wenn die Händler es wollen. Wir, von der überragenden Größe unseres Werkes, vom neuen Reich und der Gemeinschaft der Nationen, ergriffen, messen mit unseren eingeborenen Maßen: .„die Tat ist auTgerauscht in irdischem Jubel, das Bild erhebt im Licht sich frei und nackt ': Wir spüren die Kraft, wir wollen den Kampf. V. Es geht nicht mehr um einen Ausschnitt, den man, die Begrenztheit seiner Aufgabe vor Augen, in Mühe und Kummer bearbeitet, es ist ein großer Blick und hohes Ziel. Und nannte man gemeinhin die großen Ziele und Blicke Utopien und Schwarmgeistereien, lächelte man auch über die Weltfremdheit der Idea'poliliker, die ihre Ideen' nicht den Kampf mit der Materie aufnehmen lassen konnten, so hatte man zu einer gewissen Zeit wohl recht, aber man irrt, meint man, ungläubig und skeptisch, noch heute nur jugendlichen Ueberschwang zu sehen. Wenn die neue Jugend heute das bloß Zweckvolle zugunsten des Sinnvollen zurückdrängt, Verantwortung der Emotion vorzieht, so ist das keine reine Torheit, sondern ein recht weltnahcr Wille. Sie kreiß, was sie will, Sie hat den Glauben und kann deshalb kämpfen, und doch ist sie eingedenk, daß sie Politik nicht wie der Berufspolitiker treiben kann, der seinem Opportunismus; folgen muß; uns scheint die Kastenpolitik, die nur sich sieht, ein Unding, vor allem können wir, die wir uns verantwortlich fühlen, nicht die Politik derjenigen annehmen, die als wichtigste Faktoren losgelassene Affekte, Masseninstinkte, Verhetzung, Gier und ähnliche Triebe anerkennen. Gewiß, die Affekte können stark sein, die Instinkte zielsicher; auch wir als Teil der Menge sind diesen Regungen unterworfen. Aber das Verantwortliche zeigt sich gerade darin, daß es sich aus der ungefügen Masse heraushebt, daß es den Ueberschwang durch Einsicht formt; gerade die Verantwortung zeigt deutlich, daß es ein schlimmer Aesthetcnkram in der Politik ist, den Elan höher zu schätzen als die Solidität. Mag der elementar-vitale Ausbruch das Schwungvollere sein, nur das Zielbewußt- Gebändigte verspricht Dauer. Wenn wir, sehr kühl und ruhig, das Wort Revolution aussprechen, so ist das der Begeisterung nicht abträglich, sondern ein Anzeichen von Entschlossenheit. VI. Inzwischen wandern mit einem panischen Vermögen, Abgekämpfte und Suchende in ihren Bann zu reißen, Ideologien und Lockrufe über das Land, das sich ihnen erwartungsvoll entgegenneigt und sich ganz hingehen möchte, verzehrt von dem einzigen Bedürfnis, in einer starken Erlösung geborgen zu sein. Aufgewühlt, erschüttert, ratlos stehen heranwachsende Menschen vor diesen neuen und erneuerten Bindungen, verheißungsvolle Jugend, die für ornamentale Gebärden unempfänglich ist und die selbstzufriedene Kommunion mit einem sekticrerhaften Gebilde nicht begehen kann. Ein merkwürdiges Geschlecht, einsam aus j mißleitetem Gcsellimgstrieb, unreligiös aus verquälter Glaubensselmsucht, grübelnd in einem unklaren Einheitsv*erlangen, chaotisch, nihilistisch. Unerfüllte aus übcrgewallig«m verstörten Idealismus. Und dann wieder denkt diese : bürgerliche Jugend nach und fühlt zögernd, daß sie ein Stück Eigenkultur ist, und weiß doch, daß sie nur eine ChanCe ist, personal zu werden ur.d Lcbenswer! zu erreichen. Und eine schmerzliche Sehnsucht, Gesicht zu bekommen, sich aus dem bloßen Objel.tsein und Liebeswert herauszusteigern, Bild zu werden, brachte es nur zu einer verzichtenden Geste oder zu einer eifernden Strenge. Vielleicht vollzog sich in anderen Zeiten der Uebergang zur Männlichkeit ohne Stockung oder es standen, wie in Griechenland, Erzieher an jener Stelle, die den Werdenden über den toten Punkt zogen. Noch keiner Jugend war es so schwer. Mann zu weiden, wie dieser; die meisten schwanken heute zwischen Nichlnehr und Nochnicht; die tragikomischen Verwechslungen des ewig Jungen mit dem e-.vigen Jungen sagen alles. Die Werl werdung ist in Frage gestellt, denn die erziehende Generation hat fast ohne Ausnahme versagt; wo eine Hilfe stattfand, war sie naturgemäß auf wenige gerichtet. Es ist hohe Zeit, das bedrohlich lange Zögern aufzugeben und der ringenden Jugend beizuspringen, denn hier ist ein guter Menschenschlag in Gefahr, Wenn wir unser Werk wollen, so verlangt das Verantwortungsgefühl als heilige Pflicht die Pflegschaft an der Jugend. Verantwortung für ein kommendes Geschlecht haben, heißt aber, den Knaben nicht nur als Objekt sehen: der jugendlichen Formlosigkeit kann nicht durch Erzieher abgeholfen werden, die sie erhalten möchten, sondern nur' durch den beherrscht-herrschenden Bildner, der die Mannwerdung will. Dieser Erzieher ist crosgeladen, aber er bringt das Opfer, das aus dem Drang zum Geschöpf den Drang zur Schöpfung werden läßt. Er wird die tiefe Sehnsucht nach Persönlichkeit auch in den verkrampften AeuBerungen sehen, er wird die verlaufene Sehnsucht wie ein guter Hirte suchen und auf den bestimmten Weg bringen. Er wird den richtigen Augenblick finden, wo er die unvergleichliche Hoheit des Werkes auf die empfängliche Seele einwirken läßt, er wird dem Persönlichkeitsstreben seinen Sinn geben, indem er es in den Dienst des gemeinsamen Schaffens stellt — 6 -