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Der Jugendbund · 1926-07-15 · 12 (15.7.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
12 (15.7.1926)
Date
1926-07-15
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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praktischen Lebens, zu den Fragen der ethischen dung? Hier sind, sbweit ich sehen kann, zwei Rieh Entscheiichtungen zu unterscheiden. Einmal! eine skeptisch-verneinende, die mit der allen Weltanschauung auch das ,,veraltete" Sittengesetz über Bord geworfen hat. Sie hat sich anstelle der moralischen Feinfühligkeiten eine I heroisch aufgemachte „L'cbermensch- Ethik" zurechtgezimmert, die sich an verbrämten Diktatur- Gelüsten nicht genug tun kann. Dein gegenüber steht eine in vielen jugendlichen Kreisen beliebte „Liebes-Ethik", die, an Vorbildern wie Tolstoi geschult," dem neutestamentlichen Grundsatz huldigt: Widersicht nur nicht dem Ucbel, laßt euch om der Liebe willen lieber begaunern und wenn es sein muß, auch töten, als aktiv fordernd und richtend aufzutreten. Ich stelle diese sehr hoch angesehene Anschauung mit der ersten auf eine Linie, weil beide für die wahre Schätzung der Ethik gleich gefährlich sind. Wer nach ^Faschisten-Art den Mord erlaubt, ja sogar heilig spricht, sofern es sich um das Staatswohl handelt, kann nicht fordern, daß wir an die Höhenlage seines sittlichen Bewußtseins glauben. Er darf sich nicht wundern, wenn eines Tages die Nachbeter seiner Moral alle Schranken der Sittlichkeit durchbrechen. Und wer in der Ethik nur schwärmt und Widervernünftiges und Ungesundes fordert, kann nicht hoffen, daß man ihm auf die Dauer glaubt und seinen Anweisungen folgt. Das Endergebnis beider Richtungen wird vielmehr sein, daß man die Ernsthaftigkeit der ethischen Forderungen überhaupt anzweifelt und sich berechtigt fühlt, auf Grund eigener Stimmungen und Meinungen neue Verhaltungsweisen zu formulieren. •Dies ist der Zustand, in dem sich große Teile der heutigen Jugend befinden. Das witzig gemeinte Wort, daß jeder bei uns seinen eigenen „Schulchan aruch" habe, fängt an, sich auf sittlichem Gebiete zu einer Katastrophe zuzuspitzen. Ueber die grundlegendsten Selbstverständlichkeiten des ethischen Lebens kann man die sich widersprechendsten Meinungen und Talen antreffen. Die Ueberzeugung, daß es im sittlichen Leben überhaupt keine feststehenden Normen gibt, daß es bei aller Beurteilung menschlichen Tuns vielmehr nur auf das Auge des Beschauers ankomme, daß alles in unserem" Denken und Tun eben nur relativ zu werten sei, macht in jugendlichen Kreisen außerordentliche Fortschritte. Demgegenüber, scheint mir, gibt es nur einen Weg der Wiedergesundung. Man muß cJen Jugendlichen zeigen, daß es sittliche Forderungen gibt, deren Rechtmäßigkeit sich nicht nur aus Zweckmäßigkeits- oder aus Traditionsgründen ergibt, sondern deren Notwendigkeiten jedem Vernünftigen klar zu beweisen sind. Dabei hoffe ich, daß der gesunde Sinn unserer Jugend sich durch d«n klaren Quell der Wahrheit wird wiedergewinnen lassen. Ein einfaches Beispiel möge zeigen, wie es gemeint ist. Kann zum Beispiel die Lüge ethisch geboten werden? Das ist unmöglich. Denn angenommen, dieses Gebot würde von allen Menschen ausgeführt werden (dies müßte man-ja, wenn diese Forderung ein Gebot ist, verlangen), so würde die Lüge unmöglich sein; denn jeder würde dann ja wissen, daß alles Gesagte gelogen ist, so daß also die Lüge gar nicht mehr den Charakter einer Lüge, einer Täuschung hätte. Nun ist es klar, daß ein Gesetz entweder nur gebieten oder verbieten kann. Ausnahmen läßt ein Gesetz nicht zu, sonst ist es eben kein Gesetz, mehr, sondern eine Art Wetterregel, nach der man sich richten kann oder auch nicht. Da wir eben gezeigt haben, daß die Lüge vernünftigerweise nicht' geboten werden kann, so bleibt also nur der andere Ausweg übrig, sie zu verbieten. Aehnlich läßt sich die Unmöglichkeit des Mordes als eines ethischen Gebotes und die moralische Berechtigung der Selbstverteidigung in der Notwehr leicht nachweisen. Diese durchschlagende Art der Beweisführung - verdanke ich einem Werk, das ich hiermit (trotz seiner Schwierigkeiten), angelegentlichst zum Studium in unseren Vereinen empfehle: Geheimrat Ernst Marcus „Der kategorische Imperativ" (Reinhard, München). Ich weise auf dieses Buch so nachdrücklich hin, obgleich es dem Religiös-Suchenden mancherlei Anstoß bieten wird, weil ich kein anderes Werk kenne, in dem die ethischen Zweifelsfragen unserer Zeit so klar erkannt und mit solcher Treffsicherheit beantwortet sind. Obgleich in diesem Buch vom Judentum kaum die Rede ist,, wird man aber durch seine Lektüre wieder Verständnis finden für den Gedanken der Gerechtigkeit, der so stark im Mittelpunkt der jüdischen Ethik steht und vielleicht auch ein« Ahnung davon bekommen, welcher Ehrentitel es für die jüdische Religion ist, wenn wir sie als ein« Gesetzesreligion (ein Wort, das ja heute sehr verpönt ist) nach wie vor ansprechen. Wohl hat man oft gemeint: die Erziehung zur Sittlichkeit mache das religiöse Leben überflüssig. Wahr ist dabei, daß man ethisches Leben ohne Berücksichtigung des Gottesgedankens aufbauen kann. Aber damit ist noch keineswegs gesagt, daß die Ethik die Religion ersetzen könne. Diese Meinung konnte nur in einer Zeit entstehen, da man auf allen Gebieten vor allem nach der Zweckhaftigkeit alles Beginnens fragte und meinte, Religion habe den Zweck, den Menschen moralisch zu machen. Daß die Religion neben dieser Forderung noch ganz andere Aufgaben erfüllen will, hat man darüber ganz vergessen. Wohl besteht eine enge Verwandtschaft zwischen dem ethischen und religiösen Leben. So können wir zum Beispiel nicht recht glauben, daß ein moralisch Degenerierter ein hochwertig religiöser Mensch sein kann, während wir andrerseits mit Recht erwarten, daß sich bei einem von der Religion Ergriffenen die Innerlichkeit de3 Erlebens in Taten der Sittlichkeit nach außen kundgibt. Darum ist zu hoffen, daß die Wiedergewinnung der J igend für die unumstößlichen Tatsachen des sittlichen Leber s sie auch wieder zu dem hinlenkt, der der Geber des Sittengesetzes in unserer Brust ist, und dem wir letzten Endes Rechenschaft für unser Denken und Handeln zu geben haben: zu Gott. Daß sich bei diesem Wege „von unten nach oben" das Gottcserlcbnis nicht erzwingen läßt, brauche ich nach all diesen Darlegungen nicht besonders zu betonen. Die Hoffnung, die in diesem Wege liegt, bedeutet vielmehr, daß sich bei irgendeiner Station dieses Ganges zur Höhe das religiöse Erlebnis irgendwann und irgendwie einstellt. Und dann erst wird die Frage lebendig: Wie halten wir dies Erlebnis fest? Wie verankern wir es, um es zum beständigen, doch immer wieder neu zu erringenden Besitz unseres Lebens zu machen? Auf dieser Stufe der Entwicklung wird die Jugend zum erstenmal Verlangen nach der „Form", nach der Tradition bekommen, in der so tiefe Erlebniswerte unserer Religion gesammelt sind. Durch ihre Aneignung wird dann auch unser Erleben vor der Flüchtigkeit des Augenblicks bewahrt bleiben und die dauernde Verbindung mit dem Ewigen gewinnen können. Wohl hat die heutige Jugend in weitem Maße noch kein ausgesprochenes Verständnis für die Sinnsprache der religiösen Form. Aber vielleicht wird sie auf Umwegen, die sich heute noch nicht ganz überblicken lassen, dafür einmal reif werden. Hier hat das Turnen, insbesondere die Rhythmik, für uns einen noch nicht ganz ausgeschöpften Wert. Hier können Jugendliche zunächst einmal wieder die enge Verbundenheit zwischen Seele und Leib, zwischen „Drinnen" und „Draußen" erleben. Dann werden sie mit der Zeit auch wieder fühlen, wie der Schritt, wie der Ton, wie die Gebärde Ausdruck inneren Erlebens sein können, ja, wie man durch sie wieder zurückschließen kann auf das Erlebnis, das der Bewegung zugrunde liegt. Vielleicht kommt die Jugend durch dieses neuerwachte Körpergefühl wieder dazu, auch die Zeichen- und Symbolsprache der Religion als ein Notwendiges einzusehen und sich anzueignen. Der einzelne wird diesen Weg allein schwer gehen können. Er bedarf, um ans Ziel zu gelangen, der Hilfe mitfühlender, aber vor allem auch mittätiger Freunde. Denn kein Jugendlicher wird damit zufrieden sein, die Gedankenhemmnisse zu beseitigen; auch nicht damit, das religiöse Gefühl bei sich erwecken zu lassen. Sondern alle wahre Jugend drängt vom reinen .Gedanken- und Erlebnismäßigen zur Tat hin. Deshalb muß recht früh in jedem Jugendverein neben der theoretischen Erörterung dieser Fragen die ethische Tat eine Pflegstätte finden. Soziale Gruppen, die Notleidende mit versorgen helfen, die dem Alter Erheiterung bringen wollen, die Trauernde aufzurichten verstehen, werden noch am ersten das Gefühl für die letzten Werte unseres Daseins zuwecken imstande sein. Dann wird die Jugend zutiefst wieder den erfühlen, der unser Leben und unser Geschick in seinen Händen hält, und den zu heiligen unsere Vorfahren nie müde wurden: Gott. So wird am Ende dieses Weges vielleicht doch jenes Gebilde stehen, dem unsere ganze Sehnsucht gehört: di« betende und tätige jung-jüdisch« Gemeinde. *&■ So hat Goethes Wort, wenn auch in einem etwas anderen Sinne, vielleicht doch seine Berechtigung: Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion, insofern nämlich, als alles Kulturstreben über «iah selbst hinaus auf di« Unendlich- -4 —

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