Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (15.7.1926)
- Date
- 1926-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sprechen wir von den wissenschaftlichen Errungenschaften unserer Zeit, so meinen wir gewöhnlich damit die staunenswerten Erfolge der Naturwissenschaft und Technik unserer Tage. Es wäre lächerlich, den ungeheuren Fortschritt, der gerade auf diesen Gebieten erreicht wurde, leugnen oder abstreiten zu wollen. Im Gegenteil ist zu fordern, daß wir uns um die Ergebnisse dieser Wissenschaften viel mehr in unseren Vereinen kümmern, als es bislang in den meisten Fällen geschah.' Fragen wie: Was ist und bedeutet das Kopernikaniche Weltsystem für den modernen Menschen? Welche Aussichten eröffnet die Ueberquerung des Nordpols der europäischen Menschheit? Was lehrt uns die Abstammungslehre? Was besagt die Vererbungstheorie? Was leistet die Maschine für den Menschen und welche Gefahren birgt sie für ihn? Fragen dieser und ähnlicher Art interessieren unsere Mitglieder um so mehr, wenn ein Vortrag etwa über Funkentelegraphie oder Radiotechnik praktisch durch Erbauung kleiner Apparate ausgewertet werden kann. Hier würde sich auch eine viel größere Inanspruchnahme des Kinos für unsere Vereinstätigkeit empfehlen; denn die Bedeutung des Films liegt sicherlich nicht in der Uebermittlung von Romanen und Dramen hochwertigen Inhalts, sondern .in der Verdeutlichung wissenschaftlicher'Probleme und Ergebnisse. Das Kino verfügt nämlich — um nur eines hervorzuheben — über die Möglichkeit, zeitverlangsamcrnd wirken zu können, eine für unsere schncllebende Zeit nicht unwichtige Angelegenheit. Es bedeutet schon etwas für den Menschen von heute, wenn er auf diese Weise Vorgänge im Naturleben zu sehen bekommt, die er sonst bei seinem schnellen Gang durch die Welt völlig übersieht. Auf diese Weise kann selbst in dem blasiertesten Jüngling unserer Tage ein Staunen und Erschauern vor dem Wunderwerke, der Na'.urschöpfung aufbrechen. Selbstverständlich kann dem jugendlichen Menschen dies Staunen vor den Geheimnissen der Natur in der Natur selbst, im Wandern durch Wald und Berg noch viel besser übermittelt werden. Die Jugendbewegung hatte darum schon recht, wenn sie den Stadtmenschen zunächst einmal wieder in die Natur hinausführte, um in ihm das Gefühl für Einfachheit und schlichte Erhabenheit wieder zu wecken. Nur muß man sich auch hier bewußt bleiben, daß mit der „Natur" als Erlebnis sehr viel Unfug getrieben werden kann. Das Naturerlebnis kann Jugendlichen oft Gott mehr verdecken als ihn aufzeigen. Die Natur wird' nämlich dem Jugendlichen sehr leicht zur letzten angebeteten und sehnsüchtig, umschwärmten Macht," zur Gottheit selbst, vor der er bewundernd und beseligt niederkniet. Fragt man dann einmal in aller Bescheidenheit, wer das eigentlich ist: die Natur, so wird man ob solcher Unwissenheit nur strafend angesehen. So weiß man in vielen Fällen gar nicht mehr, daß die Natur ein von unserem Geist geprägter Begriff ist; daß wir Menschen kraft unserer Vernunft an der Erfassung der Welt durch das Natur- - gesetz ebenso beteiligt sind, wie die sogenannte Natur draußen selbst; daß also kein Grund vorhanden ist, sich vor der Natur so zu degradieren. Zudem ist der vielbeliebte Ausspruch, der unseren Jugendlichen sehr geläufig ist: „Die Natur hat eben alles hervorgebracht", genau besehen, ebenso geistreich wie die Feststellung,, daß die Druckermaschine die Zeitung gemacht hat. Sicherlich ist das wahr, mit der kleinen Einschränkung, daß ein mit Geist begabter Mensch die gedruckten Artikel zuerst verfaßt hat. Und wer, mit Verlaub, hat die Buchstaben draußen in der Natur, die unser Geist auffaßt und zu Urteilen formt; geschrieben? Mit der berühmten Antwort: „Alles habe sich I aus der Urzelle entwickelt", läßt sich auf die Dauer auch nichts anfangen. Denn man darf es keinem Menschen übelnehmen, wenn er eines Tages auch nach dem Setzer dieses letzten Punktes fragt. Und damit sind wir mitten in dem Weltwerdungsproblem drin, das unsere Jugend nach wie vor stark beschäftigt. Hier wäre zu zeigen, welche ungeheure, wichtige Aufklärungsarbeit die Naturwissenschaft, die \ Biologie, die Medizin usw. geleistet haben. Es wäre vor allem aber auch aufzuzeigen, wo. die Grenzlinien all dieser wissenschaftlichen Arbeiten liegen; daß die Naturwissenschaft auf Voraussetzungen aufruht, die sie nicht weiter erklären kannA sbndern nur hinnimmt und benutzt; daß sie also ihren Machtbereich überschreitet, wenn sie sich über Dinge ein Urteir^erlaubt an die ihr Werkzeug, das Experiment, nicht heranreichen kann. Es wäre Aufgabe einer Kommission für geistige Arbeit, Bücher ausfindig zu machen, die bei aller Bewunderung naturwissenschaftlicher Arbeitsmethoden das Wunder der Welt nicht vergessen; die allgemein verständlich darlegen, Wie die Wissenschaft nur das Endlich« erfasssen, das Unendlk»he aber weder beweisen noch abstreiten, vielmehr höchstens den Weg anzeigen oder andeuten kann, der in die . Ueberwelt hineinführt. In den kleinen Schriften von Seligmann und I.ewkowitz Ober: „Judentum und moderne Kultur", finden sich Ansätze einer solchen Behandlungsweise, die aber insbesondeie von der naturwissenschaftlichen Seite her weitet* ausgebaut werden müßten. Wenn unsere Jugend auf diese Weise wieder lernt, Achtung zu haben auf das Wunder, das allem Weltgeschehen zugrunde liegt, dann ist zu hoffen, daß sie auch einmal wieder reif wird für das Naturerlebnis der Bibel, die durch alle Regelmäßigkeit und Schönheit der Welt hindurch den Atem des Schöpfergottes spürt und durch die Freude am Werk der Natur zu Gott selbst kommt. — Ich habe mich bei diesem Punkt etwas länger aufgehalten, weil er nach meiner Anschauung den für die Jugend probier matischsten Teil des Weges „von unten nach oben" enthält. Bei der Kunst ist es schon leichter, das Beziehungsverhältnis zum Leben des Geistes aufzuweisen. Es dürfte nicht allzu schwer fallen, einem jungen Menscher» beim Anblick eines guten Porträts klär zu machen daß bei aller Vorzüglichkeit einer Photographie der gleichen Persönlichkeit, im Porträt doch noch etwas „Anderes", Geistiges, mitschwingt, eben das vom Genie des Künstlers Gewirkte, das eine noch so gute Kameraaufnahme niemals in gleicher Weise hervorbringen kann. Ein Wirklichkeitsmensch unserer Tage, der nicht so ohne weiteres zugeben wird, daß eine Flugmaschine nicht nur ein Produkt aus Metall, sondern auch aus Geist ist (insofern nämlich, als der Konstrukteur zuerst den Gedanken dieser Maschine hervorgebracht haben mußte), wird doch beim An* blick großer Kunstwerke fühlen, daß hier die Pforte zu einem . anderen Reich als dem rein stofflichen geöffnet ist. Die Uebermittlung dieses Bewußtseins sollten wir nie müde werden, uns immer wieder angelegen sein zu lassen; denn wir werden unsere jungen Freunde nicht eher wieder zur Anerkennung der besonderen Welt der Religion bringen, ehe sie nicht zunächst einmal wieder die Selbständigkeit des Geisteslebens überhaupt eingesehen haben. Es wird sich leicht zeigen lassen, wie die Kunst zu allen Zeiten gern als Ucbermittlerin religiösen Denkens und Fühlens benutzt wurde. Mit gutem Grund. Im Gegensatz zur Wissenschaft, /die zum großen Teil auf rein irdische, zweckhafte Verwertung hindrängt, kommt bei der Kunst die praktische Erdeinbeziehung erst in untergeordneter Weise in Betracht. Zunächst hat sie es mit dem zu tun, „was kein Verstand der Verständigen sieht". Ihr fällt es daher nicht schwer, eine Verbindung mit der Geisteswelt und dem geistigen Gott ein» -zugehen. Dabei ist aber hinsichtlich der jüdischen Religion folgende Einschränkung zu machen. Hermann Cohen weist in seiner „Religion der Vernunft" mit Recht darauf hin, daß jedes Bild plastischer oder malerischer Art letzten Endes ein Abbild ist, das von Gott zu schaffen nicht nur unmöglich, sondern nach biblischer Auffassung einer Gotteslästerung gleichkommt. So ist es zu verstehen, daß das Bild innerhalb des jüdischen Gottesdienstes niemals eine bedeutende Rolle gespielt hat. Ganz anders ist es mit der Musik. Wollen Plastik und Malerei das Unsichtbare sichtbar machen, so ist die Musik die Kunst des Gestaltlosen, die geeignet ist, uns ins Unbegrenzte hinaufzuführen, in dem das Geheimnis aller Geheimnisse wohnt. So mag es gekommen sein, daß die Musik eine so große Rolle im Lernen und Beten der Juden spielte, daß Berthold Auerbach wohl nicht so unrecht hatte, wenn er einmal meinte: „sie singen Logik und beten Metaphysik." Die praktische Folgerung, die wir daraus zu ziehen hätten, wäre die: dafür zu sorgen, daß in unseren Vereinen wieder mehr gesungen wird, daß die jüdische Melodie im Munde unserer Freunde wieder Heimatrecht bekommt; daß wir durch das Lied, in dem so viel vom jüdischen Gefühlsleben geborgen ist, den wieder kommen fühlen, „der in den Lobliedern Israels thront." — Unter der Kunst, die Goethe neben die Wissenschaft stellt, versteht der große Meister aber noch etwas anderes. Ein so großer Künstler Goethe selbst war, ein so großer Praktiker des Lebens war er gleichzeitig. Er ist nicht nur durch sein künstlerisches Werk, sondern Vor allem auch durch sein gestaltetes Leben der bedeutungsvolle Mensch der Neuzeit geworden. Ihm ist Kunst vor allem Lebenskunst, Formung des Daseins, Tat des Menschen. Und hier erhebt sich die große Frage: Wie verhält sich die Jugend zu den Problemen des —3 —