Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (15.7.1926)
- Date
- 1926-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492456-6352473-6352488--0148-4928352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
_j|Orbereilen will, zur Stadt hindrängt, wo er sich in den meisten Fällen später auch ansiedelt. Es müssen schon starke Naturen sein, bei denen diese äußeren Verschiebungen nicht auch innere im Gefolge haben. Meistens wird es so iein, daß die Sehnsucht, die Stadt mit allen ihren Errungenschaften und Geheimnissen kennen zu lernen, die jungen Leute so stark in Anspruch nimmt, daß für geistige Betätigung und religiöse Besinnung nicht allzu viel Lust übrig bleibt. Zudem kam es dem jungen Menschen nicht lange verborgen bleiben, daß man in der Großstadt über viele Fragen ganz anders dehkt und urteilt, als eres von Hause aus gewohnt ist. Die Folge ist ein lächelndes Verstehen, ein allmählich immer häufiger auftretendes skeptisches Achselzucken über die altmodische Welt, die noch an Gott und die Tatsache der menschlichen Verantwortung glaubt. Wozu? Es gebt auch anders, ja, es geht sogar anders sehr viel leichter und besser. Daß diese Charakterisierung der Seclcnhaltung unserer jungen Menschen nichl überall und allgemein zutrifft, braucht hier nicht gesagt zu werden. Daß diese Schilderung aber im Hinblick auf.die große |5lasse der Jugendlichen, die wir für den Gedanken der Jugcndfercinsarbeit gewinnen wollen, ihre Berechtigung hat, brauche ich in diesem Kreise erst recht nicht auseinanderzusetzen. Die Frage also ist: wie bringen wir an so eingestellte Menschen den Gedanken des Jugendvercins heran, um mit seiner Hilfe für Geisteskultur, für die Bildung des jüdischen Menschen zu werben. Wenn ich die Arbeitt fn vielen unserer Bünde in dieser Hinsicht überprüfe, so will es mir vorkommen, als habe man vielerorts die angedeuteten Schwierigkeiten unserer Position auf folgende Weise zul überbrücken, gesucht. Man sagte ausdrücklich, oder durchi die Art de* Jugendvereinsprogramms unausgesprochen, etwa zu den jungen Leuten: Ihr geht gern ins Kabarett, um euch nach des Tages Arbeit zu zerstreuen. .Kommt zu uns, da könnt ihr, sofern ihr nur ein wenig Talent habt, sogar als Kabatcttkünstler selbst auftreten. Ihr tanzt gern: bei uns könnt ihr fast nach jeder Veranstaltung mit den Mädels unserer Gemeinde tanzen usw. Es war allen bewußten Jugendvereinsführern immer klar, daß diese Konzessionen an den „Großstadtgeschmack" der jungen Leute eben nur Konzessionen bleiben dürfen; daß sie nur die Mittclchcn sind, um die jungen Menschen auerst einmal zu uns zu bringen, um sie dann Schritt für Schritt für die Bildungsideale des Jugendvereins zu gewinnen. Es ist leicht, über solche Umwege zu lächeln, oder überlegen die Nasic. zu rümpfen. Aber die Möglichkeit, auf Menschen in der Stadt überhaupt zui'inen dabei irgendwie das Gefühl der diese Weise jüdische sammenzubringen und Zusammengehörigkeit;u übermitteln, ist. jüdisch gesehen, auch ein kleines Plus, über sollte. Es ist natürlich dieses wenig erfreulich höherstehende Gcsclli; der Außenstehende an Führerschaft ist es sod die kann man sogar Bildungsbetrieb, wie c das man nicht leichtfertig aburteilen Sache der Führer, dafür zu sorgen, daß e Stadium innerhalb des Jugendvercins so bald wie möglich überwunden wird: daß der Verein mit der Zeit über einen Siamfi williger Mitarbeiter verfügt, die eine keit zu bieten verstehen, von der auch Jclockt wird. Eine weitere Aufgabe der ann, darüber zu wachen, daß das Unterhalt=ame nur den Boden bildet, aus dem die, Geisteskämpfe junger Menschen allmählich erwachsen. Es ist keine Ucber leblichkeit, wenn wir feststellen, daß in vielen unserer Bünde <las Geistesleben bereits eine beachtliche Pflcgestätte gefunden lat. Ob dabei schon überall jüdische Bildungsarbeit geleistet wird, ist eine Frage, die der näheren Untersuchung wert ist, Geht man von der Uebcrzeugung aus, daß der Gipfelpunkt jüdischen St ins die Bejahung der jüdischen Religion ist, so Frage aufwerfen, ob der gutgemeinte heute bei uns vielerorts herrscht, nicht eher eine Gefahr, dern, eine Förderung des religiösen Lebens bedeutet. Die Führer bei uns wissen, wie schwierig es heutzutage ist, religiöse F: agen an die Jugendheranzubringen. Sie wagen es daher eher, die anderen Geistesgebiete zu beackern, als dieses überaus sciwierige und .unangenehme. Nun gibt es aber heutzutage de' Geistesproduktc sehr viele, die mit dem mehr oder minder energisch betonten Anspruch auftreten, die Wahrheit, die letzte Wahrheit zu sein; weshalb sehr oft, gerade bei-^den besseren Elerienten in unseren Vereinen die Meinung anzutreffen ist, daß der gebildete Mensch seine Bildung dadurch beweist, daß er von wissenschaftlichen und künstlerischen Dingen mancherlei versteht, aber gerade deshalb die Religion ablehnt, oder ihr teilnahmslos gegenübersteht. Wer kennt die vielen unter uns nicht, die behaupten, auf Grund ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung könnten fie nicht mehr am religiösen Leben der Gemeinde teilnehmen. Oder die sagen: ein Gang durch die Natur, oder durch eine schöne Gemälde» galerie, der Genuß eines herrlichen Konzerts, das ist meine Religion. Nun kann es sicherlich hier nicht unsere Aufgabe sein, auseinanderzusetzen, was Religion schlechthin ist. Aber soviel steht fest, daß der Mittelpunkt aller wahren Religion, und ins« besondere der jüdischen, der übcrweltliche, überzeitliche, ewig lebendige Gott ist. Nichts Irdisches und damit auch nichts vom endlichen Menschengeist Geschaffenes kann daher Gott sein. Goethes Wort: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion; wer jene beiden nicht besitzt, der habe Reli* gion", ist daher mit aller Vorsicht aufzunehmen. Viele Gcbil» dete unserer Tage sehen in diesem Wort die Bestätigung ihrer Meinung, daß Wissenschaft und Kunst die Religion verdrängt haben, an ihre Stelle getreten sind; daß aber andererseits die Religion im alten Stile nicht ganz aufgegeben werden dürfe, sondern für die Schwächeren im Geist aufrechterhalten werden müsse. Es setzt so leicht eine Klassifizierung der Menschen im Hinblick auf die Religion ein, die zu den schwersten Bedenken Anlaß gibt. Dazu ist der Religion selbst mit einer Behandlung so nebenbei am wenigsten gedient. Hier wird Dilettantismus zur Sünde am Geist des Judentums. Es gibt zwei Wege, diesen Gefahren zu begegnen. Einmal der Weg von oben nach unten, wie ich ihn nennen möchte, üas heißt, *lcnschen, die'ihre Seele in die Welt des Göttlichen getaucht haben, Menschen, denen die Sphäre des Heiligen bereits Heimat des Geistes geworden ist, leben in einem Kreis von Jugendlichen, oder besser gesagt, mit einem Kreis von Jugendlichen, das religiöse Leben des Juden. Etwa so, wie es Franz Rosenzweig in seiner kleinen Schrift „Zeit ist's" gemeint bat, als das Hineingestelltwerden des jüdischen* Menschen in den. Kreislauf des Luachs, des jüdisch religiösen . Jahres. Es würde dieses Vorgehen etwa der „liturgischen Bewegung" entsprechen, die innerhalb der katholischen Jugend so viel Anklag gefunden hat. Nur ist dieser Weg bei uns Juden mit sehr viel mehr Anforderungen und Schwierigkeiten verbunden als dort. Man denke nur an das Speisegesetz, Sabbathheiligung und andere Gegebenheiten des jüdischen Lebens, so hat man bereits einen Teil dieser besonderen Forderungen jüdisch geformten Lebens angedeutet. Hinzu kommt, daß das verdeutschte Wort einem solchen Kreis auf die Dauer nicht genügen wird, sondern mit allem Nachdruck die Erlernung des Hebräischen als die Sprache unserer Bibel und unserer Gebete gefordert werden muß. Man muß deshalb idamit rechnen, daß nur ein kleiner Teil unserer Vcreinsmitglieder auf diese Weise erfaßt werden kann. Aber selbst auf die Gefahr hin, daß auch die wenigen nicht immer diesen Wig mit bis zu Ende gehen werden, müssen wir ihn immer wieder von neuem beschreiten, um der Erhaltung eines „Minjan' willen. in unseren Bünden Für die meisten in unseren Vereinen w rd aber dieser Weg zunächst nicht in Frage kommen. Sie haben so viele Zweifel hinsichtlich der Werthaftigkeit der Religion überhaupt, daß man zunächst einmal versuchen muß, diese ihre intellektuellen Widerstände zu beseitigen, will man ihnen Sinn und Bedeutung der Religion, und in Sonderheit der jüdischen, näherbringen. Darum erscheint mir der Weg von „unten nach oben" für unsere Bünde der ausschlaggebendere zu sein. Ja, hierin scheint mir die Lösung des Bildungsproblems, wie es bei uns als auf diese Weise einen letzten Wert verstehe ich folgenvorliegt, geborgen zu sein, insofern nämlich die verschiedenen Bildungsgebiete unter gestellt und so in eine aufbauende Ordnung gebracht werden, bei der das letzte Ziel, dem unsere Arbeit dienen soll, nie aus dem Auge verloren werden kann. * Unter diesem Weg von unten nach oben des: Wir sagen ja, bewußt ja, zu Wissenschaft und Kunst, um durch sie hindurch zum letzten und höchsten Geisteswert, zur Religion vorzustoßen. Wir packen also den Stier bei den berühmten Hörnern, nehmen alle die mehr oder minder wissenschaftlichen Zweifel der Jugendlichen auf, begeben uns in ihre Denkungswcisc hinein, sprechen mit ihnen in ihrer Sprache, um ihnen zu zeigen, wie die Welt und die menschliche Kultur keineswegs aus der Religion heraus, oder an ihr vorbei, sondern in Wirklichkeit mitten in sie hineinführen können. Das mag an einigen Beispielen gezeigt werden. — 2 —