Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (15.7.1926)
- Date
- 1926-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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DER JUGENDBUND ^^^^^"■^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ — Organ des Bezirksverbandes ladischer Jugendvereine Wesldeutschlands und des Rhelnisch-Weslfilischen Beiirksverbandes tCdlscher lugendverelne 1MU MAI 1 Ol! Ausgabe Iflr den Usrband dep JOdisdien Jugend uepelne Deuisüilands Anzeigenpreis: 0.15 Goldmark für die 6gespaltene mm-Zelle / Bestellungen nur bei der Schriftleitung oder den Vereinen / Druck und Verlas!: A. Gerisch « Co.. G. m. b. H.. Dusseldorf. Wallstraoe 10 Alle Einsendungen redakt. u. geschaftl. Art an Dr. Klein, Dusseldorf / Schriftleitung: Rabbiner Dr. Klein, Dusseldorf, Haroidstraae 4 Femruf Nr. 7390 1 2. JAHRGANG / Nr. 12 ■de» Jugendbundei Düsseldorf, den 15. Juli 1926 113. JAHRGANG / Nr. 9 1 der jüdischen Bläiter | Das Bildungsproblem im Jugendverein Referat, gehalten auf der Delegiertentagung in Düsseldorf, Pfingsten 1926. Von Rabbiner Dr. Hahn, Essen. Mifi Das Wort „Bildung" kann leicht zu Mißverständnissen Anlaß geben. Unter den Gebildeten versteht man oft die Gelehrten, die Vielwisser, die manches gelesen und studiert haben, wozu der im Alltagsleben Stehende keine Zeit und vielfach auch keine Gelegenheit hat. Die Bildung wird so oft mit Fachwissen verwechselt und als eine Angelegenheit besonderer Schichten und einzelner Berufe betrachtet. Demgegenüber sei betont: Diese Art Bildung meinen wir hier nicht. Als gebildet gilt uns nicht der, der etwas weiß; auch nicht der, der viel weiß; sondern wozu er es weiß, wie er das Wissen in sich verwertet,' wie er sich auf Grund seiner Bildung zur Persönlichkeit „bildet", das allein ist für uns ausschlaggebend. Bildung hat also für uns ein Inneres und ein Aeußeres: die lebendige Beziehung zum Leben des Geistes, die siefr in einem geformten Dasein nach außen kundgibt. Bildung gibt es daher nicht nur bei Studierenden oder Studierten, sondern auch — und manchmal viel ursprünglicher — bei Bauern und Handwerkern, bei einfachen und unverbildeten Menschen. Bildung ist für uns die Verlebendigung objektiver Geisteswerte im einzelnen Menschen, so daß er mitbauen kann am Werk der Menschheitsentwicklung. Hier erhebt sich nun die Frage: wie bringen wir die Menschen unserer Zeit, wie bringen wir die Jugend' unserer Tage su einer inneren Anteilnahme am Leben des Geistes? Diesem Unterfangen stellen sich von den verschiedensten Seiten die schwersten Hemmnisse in den Weg. Einmal: ist das Wort „Geist" bei vielen unserer Zeit in Verachtung geraten. Man stellt sich darunter etwas Blutloses, für das tägliche Leben Unnötiges, ja Unbrauchbares vor. Die Geistigen, das sind die Idealisten, die noch immer den mitgenommenen Regenschirm irgendwo stehen lassen, die in ihrem Wolkenkuckucksheim wohnen und immer noch nicht merken, daß man, wie Morgenstern einmal sagt, mit beiden Beinen im wirklichen Leben stehen muß, will man nicht unter die berüchtigten Räder der Zeit kommen. Praktische Menschen, Tataachen- und Wirklichkeitsmenschen brauchen wir heute, deren Repräsentanten als äußeres Zeichen ihrei Herrschaft über die Welt den Nordpol mit dem Flugzeug übe'rqueren und den Menschen als kleinsten Punkt in die Maschinerie des „laufenden Bandes" zeitgenössischer Geschäftstüchtigkeit einzugliedern verstehen. Die Maschine schafft's, das ist der heimliche Glauben vieler Jugendlichen unserer Zeit. Daher das glühende Interesse für den besten Typ des Motorrades, der Flugmaschine; oder für den ausdauerndsten Wettläufer, Schnellschwimmer, Hochspringer, für den stärksten Boxer und den magersten Hungerkünstler. Hier wird nämlich,der Mensch unbewußt als gleichwertiger Konkurrent des heimlichen Gottes unserer Zeit: der Maschine, bewundert. Die Maschine schafft uns nach dem Glauben dieser Menschen letzten Endes auch die Bildung, die wir heute brauchen. Wozu noch lange sitzen und Bücher lesen und Probleme wälzen, ia eis' - 7aH, da man den Geist von fernher aus den vier Enden der Welt durch das Radio beziehen kann und jede Frage auf der Kinoleinwand so anschaulich gelöst bekommt? Ohne eigene Arbeit, das muß allen Einsichtigen klar sein, ohne persönliches Sich-in-Beziehung-Setzen mit den letzten Fragen unseres Daseins ist aber kein Leben im Geiste, ist keine wahre Bildung möglich. Diese Schwierigkeiten steigern sich noch, wenn man an die Bildungsarbeit denkt, die wir im jüdischen Jugendverein zu leisten haben. Wie immer man auch über die Rangordnung der einzelnen Bildungsgebiete denken mag, Tatsache ist doch, daß innerhalb der jüdischen Geisteswelt die Religion von jeher eine überragende Stellung eingenommen hat. Objektive Beschäftigung mit den Geisteswerten des Judentums, wie sie doch von einem „neutralen" jüdischen Jugendverein gefordert ist, bedeutet daher gleichzeitig auch Stellungnahme zu den grundlegenden Tatsächlichkeiten der jüdischen Religion. Hier aber scheinen sich unüberbrückbare Schwierigkeiten aufzutürmen. Von allen Geisteshaltungen ist ohne Zweifel die. religiöse dem westeuropäischen Menschen am wesenslosesten geworden. Es hatte zwar den Anschein, als ob in und nach dem Weltkrieg das religiöse Leben einen neuen Aufschwung genommen hätte. Aber von geringen Ansätzen abgesehen, hat die Wirklichkeit auf diesem Gebiet nicht.gehalten, was der Enthusiasmus versprochen hatte. Es ist hier nicht der Ort, den Ursachen dieses Umschwungs nachzuspüren. Es mag für diesen Zusammenhang genügen, wenn ich darauf hinweise, daß in Gemeinschaften, die irgendwie mit dem Leben in der Natur draußen in Berührung kommen, das religiöse Leben unserer Zeit noch am ehesten gepflegt werden kann; daß aber der weltanschauliche Rahmen, der die „Bildung" des Großstädters umfaßt, für die Innerlichkeit religiöser Besinnung und Vertiefung in den seltensten Fällen einen freien Raum läßt, . Nun ist es eine unleugbare Tatsache, daß wir es in unseren Vereinen fast überall mit einer ausgesprochenen Großstadtjugend zu tun haben. Das gilt auch für diejenigen Orte, die in der staatlichen Statistik nicht zur Großstadt gezählt werden. Denn auch auf den mittleren und kleinen Plätzen hat die jüdische Jugend sehr leicht Großstadtallüren- und -Gepflogenheiten. Die soziologische Schichtung der deutschen Judenheit macht diese Tatsache leicht erklärlich. Sie macht es auch verständlich, daß der junge Jude, der sich für seinen späteren Beruf Zur Beachtung! Mitteilungen der Verbandsleitung: auf Seite 13 Vereinsnachrichten auf Seite 14 bis 15