Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 10 (17.6.1926)
- Date
- 1926-06-17
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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. Dr. .Klein dankt dem Redner-für sein Referat, und verliest einige soeben eingetroffene Telegramme verschiedener Verbandsfreundcj ', . Herbert Fclscnthal c.-statict Bericht .über die Tätigkeit der Mandatsprüfung .kommissinr. Dr. Klein schließt die Vormiltagssitzung. Dr. liaiin, Essen, leitet die Nachmitlagsaussprache, er eröffnet die Disküssi'on über das Referat Dr. Salomon, Trier. Als Leitfaden für die Diskussion gibt er an: 1. Gemeinschaftsarbeit des Verbandes nach innen und außen; 2. Organisatorische Fragen (Klcingcmcinden, Bibliotheken). Rudi Edler knüpft an Bonn an. Das Versprechen vieler Führer zur Arbeit und zum Aufbau konnte nicht erfüllt werden. Die Aufgabe ist gleich, aber der Sinn hat sich gewandelt. Wir versprachen uns damals neue Gemeinschaft und neue Lebensform. Form muß aber erst erarbeitet werden, während die Aufgabe, die Erhaltung des Judentums als Erben der Geschichte, geblieben ist. — In der Zeit der wirtschaftlichen Nöte haben wir als Juden versagt. Die Arbeit muß anders gestaltet werden, wir sind von einer Jugendbewegung zu einer Organisation mit einer festen Aufgabe geworden. Wie weit können wir die Einprägung des Judentums verbinden mit lebendiger Arbeit? Wie weit ist die Erlernung des Judentums in Gemeinschaftsarbeit möglich? Hat es einen Sinn, wenn nur der Führer lehrt? Entsteht hieraus Verbindung mit lebendiger Gemeinschaft? Die Frage hiernach ist die Frage nach dem Bestehen des Verbandes. Aufgabe der Führer ist, beides zu verbinden. Wissen zu spenden und gleichzeitig Leben zu geben. Der Redner-.schlägt Führerkurse vor. — Nach außen verlangen wir für Verband und Vereine die Achtung vor unserer Arbeit. Man sagt, der Verband stehe dem Leben fern — das Gegenteil ist der Fall. Heute sind wir uns der Schwere der Erfüllung viel eher bewußt als damals in Bonn. Dr. Lehmann, Bremen, nimmt Stellung zu der Frage: Wie stellen wir uns zum Problem Deutschtum; er verweist auf die Ausführungen "Apfels darüber und erklärt sich nicht einverstanden damit. Zugegeben, wir sind Golusjuden, aber damit, daß der Gedanke der Schicksalsgemeinschaft mit Palästina und allen Juden für den Verband richtunggebend sein soll, kann sich der Redner für sich und seine Anhänger nicht einverstanden erklären. Er verlangt positive Stellungnahme für das deutsche Staatsbürgertum und als besondere Pflicht des Verbandes positive Stellung gegen Antisemitismus, nicht äußere Bekämpfung, sondern Ueberwindung desselben. Er schildert die Leiden der jüdischen Jugend unter dem Antisemitismus. Innere Verbundenheit zur deutschen Kulturwelt ist deshalb zu betonen. G u t m a n n , Chemnitz: Dr. Salomon hat Stellungnahme zur jüdischen Gesamtheit verlangt, Stärkung des Gemeinschaftsgefühls. 10 000 Menschen 'sind heute vereinigt unter der Fahne der Neutralität. Gemeinschaftsarbeit ist aber wertvoller, wenn wir sie für das Judentum leisten. Gemeinschaftsgefühl zwingt uns heute, Stellung zu nehmen gegen die. Haltung des Zen'ralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegenüber dem neutralen Verband. Justizrat Brodnitz hat in der 1, Nummer des C.-V.-Blaltcs den Vorwurf mangelnder Vaterlandsliebe gegen uns erhoben. Redner weht diesen Vorwurf energisch zurück. Dr. Apfel hat immer wieder die Vaterlandsliebe betont und in der Arbeit vorgeschoben. Durch die Arbeit aüer Schichtungen im neutralen Verband wird der Vcrsländigur"."::- gedanke gefördert. Dieser Gedanke majipehiert auch hier. Wir setzen uns ein für die Verständigung unserer Glaubensgenossen. Dr. Löffler, Frankfurt: Nach bald vierjähriger Pause haben wir uns wieder zusammengefunden in dem Wunsche nach Klarheit über die Fragen, die inzwischen aufgetaucht sind, und um uns reuen Mut und Kraft für die Weilcrarbeit zu holen. Darum j"ilt es zweierlei Arbeit ■ im Verlauf der Tagung zu leisten: 1. den Versuch, einzelne Fragen, die inzwischen wichtig geworden sind, zur Erörterung zu stellen, und als zweite Aufgabe, in denen, die kamen, neue Kräfte auszulösen, sie anzuregen und ihnen das mit hinauszugeben zur Arbeit. Das Wort biologisch, lebendig war das Hauptwort des Referates, Lebendigkeit wurde laut als Wunsch und Sehnsucht. Uebereinstimmend klang heraus aus den Worten der beiden Diskussionsredner die Sehnsucht nach Ausdruck ihres Judentums und die Sehnsucht nach der Lebendigkeit der Arbeit als dss Wichtigste. Löffler ist von der Durchschlagskraft des Vierbandes erst dann durchdrungen, wenn er nich,t nur Organisation ist, sondern Träger einer lebendigen Idee und er lat Vertrauen zu*n Verband dann, wenn alle lebendige Kraft als A üf'nhe in den Dien.'t des Ganzen stellen Frage nach der Idee? Welche Kraft ist es, die uns beim Absingen des DcuUchi lanJticdcs der draußen Vorbeiziehenden in diesen Saal fcsseft? Welches Recht haben wir uns dem Leben draußen zu entziehen? Weil wir das Gefühl haben, auch wir hier scha! en das Leben. Was ist nun die besondere Forderung des Lcbins an ur.s? Was ist der Weg, den wir zu gehen, haben, wenn uir den Forderungen des Tages und der Stunde gerecht ^erten sollen? Wie haben'wir an die großen Probleme heranzutreten: Deutschland und seine Menschen, Europa und die We'.ttcie? Was ist unser Weg, um in der Weltkrise der Menschheit zu helfen an einem neuen Aufbau? Wie können wir als Juden lebendig an der Lösung der Wcltprobleme teilhaben? Zuerst ist notwendig: Wir müssen uns klar sein, mit vereinten Kräften das Jüdische in uns lebendig werden zu lassen, als neutraler Verband die Kraft finden, eine Gemeinschaft zu schaffen, von da die jüdische Kraft, die Gestaltung ins heutige Leben zu finden; das Jüdische erringen als Aufgabe, und zwar gemeinsame Versuche zur Erringung der Lösung anstellen. ,Wir geben uns wohl bei Tagungen rauschhaften Empfindungen hin, und dann versagen wir vor den Aufgaben des Lebens draußen. Die Antwort auf die Fragen Edlers und Lehmanns lautet: Dr. Salomon sah im Jüdischen die Kraft des Rationalen und den sittlichen Willen. Das Religiöse als Kraft des Denkens und Gestaltcns muß wieder in den Vordergrund gerückt werden. Es ist dies ein schwieriges Problem vor einem Kreis von Menschen; die noch nicht gefestigt sind. Anders und leichter ist dies bei den Katholiken. Die katholische Jugendbewegung zieht ihre Kraft aus dem Ewigen, Ueberirdischen. Wir Juden haben in den letzten Generationen an metaphysischer und religiöser Kraft unerhörte Einbuße erlitten; das ist auch der Grund des verzweifelnden Fragens der Jungen. Der jüdische Mensch muß das Bewußtsein haben, daß er heute nicht im Jenseitigen wurzelt. (Parallele mit dem Katholizismus.) Darum muß die metaphysische Verwurzelung in der deutschen Judenheit wiedergefunden werden. Das Wort vom jüdischen Selbstbewußtsein genügt nicht; jüdische Verankerung muß wiedergefunden werden durch Verwurzelung im Metaphysischen. Gemeinschaft heißt miteinander zur Tat. schreiten, als jüdische Menschen das Bestmenschliche freimachen und damit an den Aufgaben des Tages arbeiten. Der jüdische Mensch hat immer wieder seinen besonderen Lebensrhythmus. Das bedeutet keine Scheidung von den anderen, aber wir haben etwas Besonderes in uns, und das sollen wir auswirken lassen, denn das besondere Jüdische wird ein Werlvolles sein. Was sind nun die Kräfte im jüdischen Menschen, die nach Gestaltung ringen? Vor allem das Verlangen nach dem Sieg der Gerechtigkeit in der Welt, nicht nach dem Sieg des Stärkeren, sondern als Recht jedes Menschen, als Gottes Kind, als Gleicher unter Gleichen behandelt zu werden; hieraus erwächst die Kraft zur jüdischen Gestaltung der Welt. Der Lösungsversuch von Rußland ist Beispiel der Gleichmachung aller Menschen geistig und materiell. Haben wir nun als Juden die Möglichkeit, gestaltend an der Zukunft der Menschheit mitzuarbeiten? Haben wir dem Bolschewismus etwas entgegenzo-setzen? Ja, nämlich das Bekenntnis der Evolution. Das Judicium trägt in sich den Glauben an Gerechtigkeit; die messianisefre Zeit muß und wird kommen, wenn die Menschen dszu reif geworden sind durch die Entwicklung] Die großen brennenden Fragen sollen ewige Mahnungen sojin, aus den großen Forderungen der Zeit das Jüdische zu entwickeln. Und damit ist die konkrete Aufgabe gegeben: Mitwirkung an der Lösung der wirtschaftlichen Not. Der jüdische Mensch ist berufen, mitzuarbeiten an dem Ruf: „Friede für die Menschheit". Darum ist die nächste Forderung die nach dem Pazifismus. Warum ist der jüdiscjhe Menscher.krcis noch so schwankend in seiner Einstellung dazu? Das kommt von der gesamten seelischen Einstellung und ist begreiflich aus einer gewissen Angst, der Feigheit bezichtigt zu werden, weil man eben zahlenmäßig nicht stark genug zum Bekenntnis ist. Aber es ist urjüdische Aufgabe, am Kommen der messianischrt» Zeit zu arbeiten, edler Pazifismus ist darum Hauptforderung und Notwendigkeit. Glaubhafter Pazifismus ge- — 5 —