Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 8 (1.5.1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Zwiespalt ließt in den frühesten J-.igcnd'ahren. Die ElUm Harrys (so wurde er genannt) waren selbst sehr gläubige Juden, aber es fehlte ihnen wohl die rechte Lust und die nötige Knergie dazu, ihre Kinder zu Juden zu erziehen. Das jüdische Wissen Heines, seine Kenntnisse der Bibel, die seine Prosawrerke so stark beeinflußte, datiert einzig und aHein aus der Zeit, in der er c:nc jüdische Schule des Lehrers kinlelsohn in Düsseldorf besuchte. Seinen späteren Schulunterricht erhielt er in dem Düsseldorfer Lyzeum, einer von den Franzosen in cisem ehemaligen Franziskanerkloster errichteten Anstalt. Von Hier an genotl er keinen Religionsunterricht mehr. Das ■st der für den .luden Heine wichtigste Augenblick. Jetzt, wo ihm die leitende Hand, wo ihm ein väterlicher Lehrer fehlt, ist er für das Judentum verloren. Als Zweig am jüdischen Lebensbaum ist er saftlos und verdorr!. Wenn er sich auch später noch sehr häufig mil dem Glauben seiner Väter, he- Khä'ftigte,. ihm segar ein beträchtliches Stück seines dieh'.eriiehen Schaffens widmete, so war es doch nur für ihn sieht sein Glaube, sondern ein Glaube. — — —- Lines seiner ersten Werke schön vcrdanl t er r.ur seiner jüdischen Vorbildung. Es ist dies das Gedicht „Belsazar". Einem seiner Frjeundc erzahlt Harry einmal: „Ich habe das Gcdioht gclicr.rieben, bevor ich noch das 16. Lebensjahr zurückgelegt. Und wissen Sie. was mich zu demselben inspiriert hat? Ein paar Worte in d>r hebräischen Hymne j,Wajhi bechazi liakjla", die D'■ •. v ic S'e wissen, an den zwei Gsterabenden singt." — —! viele Jahre sprtcr finden wir wieder einen äußeren Ber . - •<• •>:■: \> 'iv.,1 dem Judentum. K* ist dies im Jahre 1822 in : . Der damals ungefähr 25 Jahre alle Harry (»ein v. )rcs Alii..i\ sich rieht mehr feststellen) machte als Stade;.: die Evkannt -ehalt von vier außergewöhnlichen Menschen, die . n ' a - - ihren Hcnr. zogen, es v.aren Kahel Varnha^en; Gil . / nz Moser. Die drei letzteren hatten im Jahre ]>'.'■ i.i Ucr'in einen ..Verein für Kvilur und Wissenschaft der Jtjde.i" gegründet, welcher lediglich ein Verein zur Abwehr tfcjs Ai li-emilis-nu-s war. Die ganzen damaligen Zeilumstände testen jedoch den Verein jegliche Arbeit unmöglich. Die /, isse.rhcit in der Judcr.sch.ift selbst war die Haaplur siehe ö. , .;:gc.j. Zi'sammcnbruchs. Hcir.ewar außerordentlich i diesem Verein, hauptsächlich aber an einer Zw'eigcc.'i \. s enschaitlichcd Institut, interessiert. Hier hlcle er dreir.nl v. i eher tlich mehrere Monate hindurch lichte und Literatur. Für eine von diesem Verein herece Zeitung i.eilte er einen Beilrag schreiben: bevor -k er diesen jedoch fertiggestellt halle, war aas Blatt bereits eingegangen. / lle diese widrigen Umstände, hauptsächlich .>bor die Unslimmigkeilcn im eigenen Lager, brachten Heinrich immer mehr vom Judentum ab. Er kam allmählich zu dem Standpunkt, daß er seinen Glauben für eine „längst vei'.orcne Sache" hielt. Mit der Zeit verlor er überhaupt jegliche Bindung mit der Religion, die frömmelnde Romantik jener Tige gab a'ueh seiner bisherigen Achtung vor dem Christentum einen gewaltigen Stoß. All diese Umstände machen nun Heines im Jahre 1S35 erfolglc Taufe verständlich. Fr faßic diese Zeremonie lediglich als einen gleichgültigen Akt auf, er wollte sich das „Enlrecbillett zur europäischen Kultur" verschaffen. Aber diese Absicht ist ihm gänzlich mißlungen. Der Staalsdiensl, in welchen er eintreten wollte, blieb dem getauften Juden nach wie vor verschlösse.^ Die Christen zogen sich von dem Uebergetrelencn zurück und die Juden mieden den Abtrünnigen. Jetzt erst, wo er kein Jude mehr ist, empfindet er, was es heißl, ein Jude zu sein. Von dem Tage seines Uebcrlrills an haßt er das Christentum und wird gegen dieses häufig ausfallend, dabei übersieht er die ethischen Werle, die bei Juden und bei Christen liegen. Fr bereut seine Taufe. Kein wahrer Christ und kein Jude mehr, taumelt er zwischen den beiden Bekenntnissen sein genzes Lehen lang. — — Erst näch sechs Jahren, als Heine nach Paris ksm, wich der entsetzliche Druck von ihm, der ihn so belastet hatte. In Frankreich konnte er wieder freier atmen, hier gab es keine Vorurteile, unler denen er in Deutschland als Jude und Christ so sehr leiden nuißle. Von diesem Zeitpunkt an war Heine sowohl für das Judentum wie auch für das damalige Deutschtum verloren. Die damilige deutsche Zensur strich Heines Werke auf eine lächerliche Weise zusammen, so daß der Dichter es kaum noch wagen durfte, seine Arbeiten in Deutschland zu veröffentlichen. — Er beschäftigte sich zwar noch sehr viel mit jüdischen Dingen, aber diese waren für ihn lediglich ein Vorwurf f.:r sein Schaffen. Es fehlte ihm die innere, wahre Liebe. Heines Leben war keine gerade Linie, herauf und herab, vorwärts und rückwärts führte ihn sein Weg. Er kannte keinerlei Formen und Bindungen und schwebte über Glauben und Menschen. Er war eine Dissonanz, die sich erst nach Jahr, zehnten nach seinem Tode, als mari die nötige Distanz hatte, weich auflöste. Er ist Jude und Christ: Deutscher und Franzose. Er ist uns Schwert und Flamme. Er war ein kleiner Mensch und ein großer Dichter. VonJd r. Die Mischehe Felix A. Theilhabcr. Berlin-Wilmersdorf. ''. scheten Augen sieht die jüdische Geschichte auf die Moit's ist zwar selbst der Schwiegersohn eines heu sclier ' «-Vers und Josef heiratete eine Acgvpterin, der grtißtr jüdische König und Philosoph Salomon hatte einen Harei.i fremder Frauen, der Held Simson nimmt sich sein Weib aus di ' Lajifr der Feinde. E-lh<r wird im fremden Lahde ■ gar -v r,i| Aber trotzdem spricht sich das Rcligionsgeset.' v.ie A. Tänzer in einer guten Zusammenfassung (..Die Mischehe' , Lamra 1913, Berlin) nachweist, gegen die Mischehe;*, aus, und bezeichnenderweise v. jrd gerade der Gotteslästerer in der Ribcl als Sohn einer Fremden dargestellt. i)-as Sexuajproblerft hat in der jüdischen Geschichte mehrfach s*i:r.e große Bedeutung gehabt. Bis zur Konsolidierung des jüdischen Staates spielen die Mischehen eine besonders große Rolle; Fsra bckämplt sie bei dem ersten Wiederaufbau des Landes und verbietet sie, ja, er verla:igt sogar ihre Auflösung, in der Zeit des Unterganges des Reiches schwillt die .Mischehe wieder 'an, um nach mehreren Jahrhunderten im Krei c der mii:clci;rcpäi'dien Juden an Bedeutung zu verlieren. Der Kastengeist des Mittelalters, die örtliche Ab- Kmiießung des Ghettos, die ganze religiöse, nationale, kulturelle und wirtschaftliche Sonderexistenz bedingen das körperliche, geistige und wirtschaftliche Zusammenleben der Juden, Die besonderen nationalen Gesetze'auf dem Keuschgebiete habe ich in ' meinem Buch „Der Untergang der deutschen Juden ausführlich behandelt. Das Sexualleben des Menschen ist von Umständen aller möglichen Art abhängig. Die Wirtschaftslage, das religiöse Denken, das Zusammenleben mit andern Menschen beeinflussen das sexuelle Leben und das erotische Erleben. Die überragende Bedeutung des metaphysischen Gedankens hat in unsrer Zeit Abbruch erlitten. Die bürgerliche Ehe ist die Voraussetzung, die kirchliche Trauung eine Beigabe. Dieses Symptom verrät die heutige Einstellung. In einer Gemeinschaft, in der ein namhafter Prozentsatz Ehen mit Andersgläubigen eingeht, ist der impulsive, grandiose Gedanke an die exzeptionelle Hcilswahrscheinlichkeit der eigenen Religion in der Intensität stark erschüttert. Die gelockerte Bindung des einzelnen Individuums an Inhalt und Form der Religion lassen Hindernisse gegenüber der Mischehe fallen. Je mehr statt der doktrinär nationalen eine universelle Idee Platz greift, desto geringer ist die geistige Sonder¬ und Eigenart der jüdischen Gemeinschaft. Immer stärker schieben sich Ideale und Lebensinhalte bei den einzelnen in den Vordergrund, die nicht mehr an das Religiöse gebunden sind und auch das Soziale. AMmenschliche, das Gute, Sittliche oder wie sonst diese ursprünglich der /Religion verbundenen Sphären heißen nyigcn, in andern Kulturformen, Institutionen, Bewegungen anstreben. Die Politik, die Gcretzmaschine, die ganze Oeffcntlichkeit bekümmern sich heule um ethische Probleme und soziale Fragen. Die Religionen sind nichl die einzigen Träger der Sittlichkeit und der Fürsorge mehr. Nirgends ist aber der Kampf über „Cut und Böse" stärker -entbrannt als auf sexuellem Gebiet«. Die Ablösung von dem mittelalterlichen jüdischen Gesetz hat die jüdische Frühehc mit dem unendlichen Kindersegen zerschlagen, und die Familie, die kleinste, aber festeste Zelle im Ghetto, unterliegt derselben Lockerung wie die ganze Struktur der Judenheit. Man kann eben nicht eine Tcilerscheinung nur als solche betrachten, sie ablösen — 6 -