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Der Jugendbund · 1926-05-01 · 8 (1.5.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
8 (1.5.1926)
Date
1926-05-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Zur Führerürage Referat, erstattet auf einer Delegiertentagung des Nordwestdeutschen Bezirksverbandes im Verbände der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands von Siegfried Bacharach. Diese Rede scheint uns auch für die bevorstehende Verbandstagung wichtig genug zu sein, daß wir sie hier abdrucken. Die Schriftleitung. Von den vielen Dingen, über die heute zu sprechen notwendig wäre, greife ich — meiner Aufgabe gemäß — einen Punkt herau.*, von dem ich hoffe, euch manches sagen zu können, was für die kommende Arbeit in den Bünden fördernd wirken soll. Ich weiB, daß dieser Tag, daß diese Stunden für manchen von euch mehr sein wird als eine Episode, vielleicht der Lichtpunkt seines Lebens, dessen Strahlen ihm noch in Aden fernsten Tagen leuchten werden. Ist's euch nicht, als wenn euch heute Berufung zuteil geworden wäre, Berufung, sich seiner Aufgabe bewußt zu werden? Seiner Aufgabe, fortan nicht nur ein Kind des Judentums, sondern auch ein Wächter, Träger und Fortpflanzer jüdischer Eigenart, ja der jüdischen Sendung in der Veit zu sein? Und nun sitzt ihr da mit übervollem Herzen, mit heißen, talenhungrigen Augen, und jeder Blutstropfen in euch jauchzt dem heuen Leben entgegen, und jede Fiber schwillt In Schaffensfreude. Aber es zittert ein geheimes Bangen durch eure Seele: Werden wir's auch schaffen können, Wer zeigt uns den Weg? Wo sind die Werkzeuge des Willens und des Wissens, mit denen wir das Werk beginnen, mit denen wir .es vollenden können? Und gläubig legt ihr euer Geschick in die Hände der Menschen, von denen ihr hofft, daß das Schicksal u*srcs Bundes von ihnen so gestaltet werde, daß es uns allen zum Segen gereiche. Wenn ihr beglückt und erhoben, gleichsam zu neuem Leben erweckt, euch in einigen Tagen in euren Bünden sammelt, so werdet ihr dort «in Gleiches tun, werdet Menschen wählen, erwählen, die ihr irures Vertrauens würdig erachtet, Menschen, die in des Tagen der ruhigen Arbeit euch Beistand leisten, in den Tagen der Net euch Führer, Wegbereiter und Retter sein sollen. Es wird diu Führerfrage akut werden, es wird der Ruf nach den) Führer erschallen. Fs liegt mir fern, meine Freunde, hier Probleme aufzurollen, oder etwa gar da, wo keine sind, welche hinzuzaubern. Laßt euch gesagt sein, K) wie das Leben dem einzelnen die härteste Nuß 71 knacken gibt, wenn es ihn in eine Enge treibt, aus der er keinen Ausweg findet, so windet sich der Organismus einer \ ercinigunj junger Menschen in den schwersten Krämpfen, venn ihm der Fül rer fehlt. Die Frage, die im Augenblick zur Verhandlung steht, ist so ernst, so schwerwiegend, daß, wenn heute ein Mensch mit Erfahrung, ein Mensch, der selbst durch alle Stadien der Hoffnung, Freude und Enttäuschung einer jugendlich-bewcgd n Seele hindurchgegangen ist, die Geschichte irgendeiner Jugei dbewegung schreiben wollte, er sie wahrscheinlich überschreiben müßte: ,,Wie eine Jugendbewegung zugrunde ging", u id er würde in seinen Ausführungen sicherlich an der Führerfrage nicht vorbeigehen können. Denn die vielen, die zugrunde gingen, zerbrachen an dem Mangel an Führern. Die wenigen aber, die erhalten blieben, die einen ungeahnt» Aufsti >g erlebten, wuchsen durch die Führer. Unsre Bewegung nun is; den Wellen des Meeres vergleichbar, wir hatten Zeiten dei alles mit emporreißenden Wogen, und wir hatten Zeilen des Niederganges und der Tiefe. Seht doch her, daß wir heute wieder zusammen sind, wieder Hand anlegen düifen an das alte erprobte Werk, ihm wieder zu neuem Leben i crhelfen dürfen, wem verdanken wir es denn andc.rs als uasre:i alten, wackeren, kampferprobten Führern und Wächtern! So wie im hei tigen jüdischen Palästina, im Heiligen Lande unsrer Väter, in lürez Isroel, die Wächter, die Schaumrim, bis v.-affnet, auf ihren stolzen Hengsten daherbrausen, übeta 1 ihre Augen haben und ihre Brüder davor bewahren, daß ifnen ejn Leid geschehe, so wie allerorts in dem Lande, in da; hinein wir geboren sind, das wir lieben mit seinen Tälern, di< wir durchwandern, mit seinen Dichtern, die es bftungea, mit seiner Not, die wir mit leiden, mit dem wir gehungert, für das wir geblutet haben, so wie allerorts in diesem Lande Männer auf dem Posten sind, die uns vor den Uebergriffen der Feinde des Judentums zu schützen suchen, und die sich, wenn es darauf ankam, noch immer ihrer Haut gewehrt haben, so sind auch uns, Gott sei's gedankt, Männer erstanden, die den Schaumrim gleich das Land durchspähUn, überall ihre Augen hatten und erkannten: Gefahr I Es gilt, unsre'Brüder vor Leid zu bewahren, vor schwerstem Leid, nämlich, daß einer den andren verliere. Und darum haben sie zum—Sammeln geblasen und darum stehen wir heute im "Waffenglanze unsres heiligen Jugendwollens. Wir alle sind Gerufene, ein jeder hat das "Recht, mitzuraten und mitzutaten, und mehr als das, die Pflicht. Hin Feigling, wer zurückbleibt. Ein Drückeberger^ wer nicht mitgeht. Ihr seid alle Könner, wenn ihr nur Wollcf seid. Nur der ist verloren, der sich selbst aufgibt. Vorerst aber liegt schwere Verantwortung auf euch allen, Ihr sollt euer Geschick, die Verantwortung für die Zukunft eures Bundes in die Hände einzelner Erlesener legen. Sperrt eure Augen und Ohren auf! Laßt euch nicht blenden von äußerer Gestalt und von einem großen Mundwerk, nicht von Versprechungen und Schmeichelreden. Seht bei eurer Wahl nicht auf "Stellung und Würden. Hier gilt der Mann und nicht sein Kleid. Nehmt euch die Menschen, von denen ihr wißt, daß sie für die Jugend ein lebendiges Herz im Leibe, daß sie ein Verständnis für das Stammeln des Kindes, :ür< d.e Zweifel des reifenden Menschen haben. Und wenn ihr das getan, dann denkt daran, daß ihr alle Gerufene seid, daß ihr alle mithelfen müßt, beweist denen, die für euch sorgen, schaffen und kämpfen, euren Dank Aal durch, daß ihr immer für sie da seid, daß man euch nich^ immer erst herbeischleifen muß, wenn es etwas für euch (hörlt ihr; für euch) zu tun gibt. Und wenn der Verantwortliche mal etwas verkehrt macht, so setzt euch nicht in die Ecke der stumpfsinnigen Opposition, sondern sagt in aufrechter Männilichkeit, in liebevoller Ehrlichkeit, was zu tun ist, und verpflichtet euch aber gleich, es mitzutun. Ich habe in meiner langen Praxis in jüdischen Jugendvereinen Hunderte von Menschen kennen gelernt, die immer geglaubt haben, sie begäben, sich in Lebensgefahr, wenn fie in einer Versammlung mal ihre Meinung darlegen. Aber dieselben Menschen wußten, sobald sie die Versammlung verlassen hatten, draußen auf der Straße ganz fließend zu -4schimpfen und zu kritisieren. Ich flehe euch an, werdet nicht wie jene. Aber werdet auch nicht Menschen, die jeden r.ur nach seiner Beredsamkeit einschätzen, glaubt mir, es isl da manches Veilchen, das bescheiden im Verborgenen blüht, stolpert nicht mit achtlosen Füßen über es hin. Jedem das Seine. Gebt jedem, der -arbeiten will und arbeiten kann, Gelegenheit zur Arbeit. Und wenn so aus eurem Bund ein kleiner Staat geworden ist mit seinen Bürgern und Arbeitcrri. mit seinen kleinen Fürsten und seinen Ministern, mit seinem Staatshaushalt und seinen Steuern, so führt euch, wie es einem anständigen Bürger zukommt. Seid stolz, daß ihr Pflichten habt. _ Gar manche Maschine muß sich heiß laufen, mancher Mechanismiis zugrunde gehen, weil irgendein kleines unscheinbares Rädchen nicht funktioniert. Und wenn ihr auch nur Rädchen seid, so sollt ihr denken: ich bin doch wenigstens ein Rädchen und ich bin vielleicht genau soviel wert wie da|s große Schwungrad. Es geht nicht ehre das Schwungrad, abe*- ohne mich geh) es auch nicht (in Praxis heißt das: es gibt Menschen, die einem Verein eine schlechte Begrüßungsrede vielleicht eher verzeihen a's ein schlecht geheiztes Zimmer oder ein nicht abgestaubtes Rednerpult.) < Und darum, meine Freunde, geht meine Forderung dahin! Möge ein jeder seine Pflicht tun auf dem Platz, auf den ihh die Wahl seiner Freunde gerufen, möge er sie ganz tnfl freudig tun; Auch das ist Judentum. Ja, jeder Tropfeh Schweiß, der in geistiger oder körperlicher Tätigkeit für eint jüdische Sache vergossen wird, adelt euch, macht euch würdig, mitzustehen in den Reihen unsrer hervorragendsten / — 3 —

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