Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 7 (6.4.1926)
- Date
- 1926-04-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Haupttagung des Provinzialverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege in der Rheinprovinz Die erste Hauptversammlung des jungen Verbandes in Köln sollte zeigen, was der Verband in der kurzen Zeit seines Bestellers unter den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen geleistet hat. Nach der Begrüßung der auswärtigen Vertreter, insbesondere der Herren Dr. Scgall, Berlin, und Marx, Saarbrücken, gab der Vorsitzende des Verbandes, Herr B. Feilchenfeld, den Geschäftsbericht. 10 Versammlungen und eine Reihe von einzelnen Besprechungen; Zeitungsartikel, Propagandaschreiben klärten die Gemeinden und Vereine über die Notwendigkeit der Arbeil des Provinzialverbandes auf. .Was bisher in dieser Beziehung geleistet worden ist, rnuD in diesem Jahre durch weitere Verbreitung der Idee in den Kleingemeinden fortgesetzt werden. EHe Reihe von Anstalten, Kinderhorten, Einzelpersonen erhielten durch Vermittlung des Provinzialverbandes größere und kleinere fii.anzielte Unterstützungen. Seit Anfang 1926, au; dem Kassenbericht nicht ersichtlich, wurden auch vom Verbände selbst zahlreiche Eir.zelunterstützungen gewährt. Durch die Hilfstätigkeit konnten alte Leute in Altersheimen untergebracht werden. Erholungskuren wurden gewährt. Zuschüsse für Tukerkulosckranke gegeben. Durch' die Arbeit des Verbandes werden zahlreiche bedürftige Kinder die Freude eines Ferienaufenthalt* genießen können. Ein großes Stück positiver Arbeit. Nicht geringer ist die Arbeit einzuschätzen, die dadurch geleistet wurde, daß der Verband die Gemeinden darauf hinwies, in welcher Form Mittel zu erreichen sind. Mitarbeit an der Aufwertung, an der Beschaffung von Material für die Cesolei waren andre Gebiete der Tätigkeit. Hoffentlich werden auch die weiteren großen Ziele, die die Möglichkeit der Schaffung eigener Heime ergeben, in absehbarer Zeit durch intensive Propaganda erreicht werden. Allerdings bedarf es hier noch größerer Mitwirkung der Gemeinden. — Nach dein ausführlichen Referat und Geschäftsbericht durch Herrn Fciichcnfold nahm als Vertreter der Zentralwohlfahrtsstelle Herr Dr. Segail zu einen .glänzenden Referat das Wort. An Hand von gutem statistischen Material zeigte Herr Dr. Seg»ll die v. fi .schriftliche und berufliche Stellung der Juden vor und nach dem Kriege. Er beleuchtete die Entwicklung der Wohlfahrtspflege, die aus den gegebenen Verhältnissen sich zu dem heutigen Stande emporgearbeitet hat. Die konfessionelle Wohlfahrtspflege, heute gleichberechtigt neben der amtlichen, wird zu ganz andern Leistungen fjhig sein als früher. Das oft gefallene Wort von Ucberorganisation ist absolut nicht angebracht, im allgemeinen wird das Wort nur .von denen gebrauch!, die nur in geringer Welse ihren Pflichten nachkommen. Die Gliederung ist doch eine sehr einfache und natürliche: die Zentrale in Berlin, die Provinzverbände, die örtlicher» Zcnlr.-.len. Die Befürchtungen, daß die Verbände unter den wirtschaftlichen Verhältnissen zusammenbrechen würden, sind nicht ganz berechtigt. »>;.• Juden haben sich immer dann am stärksten gezeigt, wenn die Not ihren Höhepunkt erreicht hatte. Wenn wir etwa glauben, daß wir schon Vollendetes haben, dann ist das ein durch nichts begründeter Irrtum; nicht nur, daß wir zu wenig Anstalten haben, fehlen uns einige überhaupt. Im Schluß seiner Ausführungen bemerkt Herr Dr. Segall, daß wir nicht ein Zuviel von Organisationen haben, sondern durch die richtige Form der Organisationen das hemmungslose Durcheinanderarbeiten der verschiedensten Vereine und Verbände unterbinden sollen. In der jetzt folgenden Diskussion, an der sich zahlreiche Vertreter von Gemeinden beteiligten, waren insbesondere Herr Hr. Rothschild, Dinslaken, Herr Dr. Eschelbachcr, Düsseldorf, und Herr Dr. Neumark aus Duisburg mit guten Ausführungen beteiligt, die eine Klärung in den verschiedenen Fragen herbeiführten. Herr Dr. Rothschild glaubt, und nicht ganz ohne Grund, daß eine Organisation viel von der freiwilligen Wohltätigkeit zerstören würde. Herr Dr. Segall erwiderte darauf, daß die Organisation den Sinn für alle Arten der Wohlfahrtspflege erhöhen solle. Leider gibt es noch viele Gemeinden, die die harmonische Lösung noch nicht gefunden Träfen. Er sieht aber nicht zu ängstlich in die Zukunft und glaubt nicht1, daß das jüdische Herz sich der Not der Zeil verschließen würde. Es ist eine Erziehungsaufgabe, eine Selbtbesteucrung bis zur Grenze des Möglichen, durchzuführen. Ganz besonders sind die Worte des Herrn Dr. Neumark hervorzuheben. Er führte folgendes aus: Organisation und Einzelunterstützung müssen zusammengehen. Der Rohi>zw. Edclstoff ist die Zcdokoh. Wie wird die Zedokoh zusammengefaßt? Der Grundgedanke eines Provinzialverbandes ist, einer ganzen Provinz den Gedanken einzuprägen, daß die Kräfte des einzelnen mobilisiert werden. Wenn der Provinzialverband diejenige Stelle ist, die die Not, die an den einzelnen Plätzen der Provinz besteht, zur allgemeinen Kenntnis, zur gemeinsamen Abhilfe bringt, dann hat sie etwas Großes geleistet. Nach weiterer:Diskussion wurden die Vorstands- und Ausschußwahlen vorgenommen. Herr B. Feilchenfeld nahm den Vorsitz an und dankte im Schlußwort den Vertretern, insbesondere Herrn Dr. Segall für das ausgezeichnete Referat: Er führte aus, daß hoffentlich im neuen Jahre der Aufbau des Verbandes vollendet sein wird, um weit mehr noch als bis heute helfend eingreifen zu können. Zum Schluß sei noch bemerkt, daß der Besuch der Sitzung außerordentlich groß war. Ueber 30 Gemeinden mit 110 Vertretern waren erschienen, darunter die Vertreter zahlreicher Klcingemeinden. Zum Wochenabschnitt Behar-Bechukaussai Von T.abbiner Dr. Klein, Düsseldorf. Der errte der beiden Abrchnitte unsres Sabbats ist durch tcinc'i Inhalt für den, der alte und neue Zeit zu verknüpfen weiß, besonders bedeutsam. Er behandelt die soziale Frage, die früher wie jetzt jeden weiterdenkenden Menschen besonders bewegt. Wenn auch vielleicht der Plan der Thora zur Lösung der sozialen Frage niemals vollständig in die Wirklichkeit umgesetzt ist, so berührt uns doch die Art und , Weise, wie hier der Aimut, der Knechtschaft und der Ausbeutung entgegengetreten wird, gerade in dieser Zeit bis ins Innerste. Gewiß konnte die Bibel diese Dinge nicht ganz aus der Welt schaffen. Sie sieht auch klaren Blickes der Wirklichkeit ins Auge, aber sie will alles getan wissen, was möglich ist, um dem Ucbel der Welt entgegenzutreten. — Kein Mensch hat ein ewiges Anrecht auf den Grund und Boden, der Besitzer der Erde ist, ihr Schöpfer, Gott. Der Mensch ist nur ein Mietling bei Gott. Alle 49 Jahre kehrt das Besitztum wieder zum ursprünglichen Besitzer zurück und tm/B" wieder Ton neuem erworben werden. Der Kaufpreis des Bodens richtet sich nach der Nähe oder Ferne des Jobeljahres. So wollte man der alizugroßcn Anhäufung des Besitzes entgegentreten. Auch einer zu starken Ausnutzung des Bodens beugt die Thcra vor durch die Einrichtung des Sabbatjah-.es, in dem jegliche Bestellung ruhen muß. Wie für den Boden, so gilt auch für den Menschen dieses Sabbatjahr, in dem jeglicher Knecht frei ausgehen mußte. So ist die Sklaverei im altert Israel in Wirklichkeit abgeschafft, da ja das Mietverhältnis auf sieben Jahre beschränkt war. Die Bibel schätzt die.Würde der Menschen ohne jeden Unterschied so hoch, ein, daß gi« es für eine Schande hält, über die Zeit hinaus freiwillig in der Knechtschaft zu verharren: der Knecht, der freiwillig beim Herrn bleiben will, wird gezeichnet als ein Mann, der das höchste Gut, die Freiheit, nicht zu schätzen weiß. Der Herr v.ar sogar verpflichtet, ihm in seiner neuen Freiheit zu helfen, damit er wieder zum Besitztum seiner Väter, gelange. Der Arme soll nicht nur aus Mitleid erhalten werden, sondern er hat ein Anrecht darauf, zu leben, denn „meine Knechte sind sie und nicht Knechte von Knechten". Darum soll man nicht mit Härte über den andern herrschen und ihm Anrecht geben auf die Ecke des Feldes und die Nachlese. Der höchste -3 —