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Der Jugendbund · 1926-04-22 · 6 (22.4.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
6 (22.4.1926)
Date
1926-04-22
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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solange er auf einem Fuße «tehen könne. Dieses Verlangen, nur die großen Gesichtspunkte kennen zu lernen, sich rasch zu •rientieren, ist auch eine der Unarten der modernen Zivilisation, die man höchstens den Tageszeitungen nachsehen kann. Wie auf der Wanderung sich dem nicht die Natur erschließt, der in ihr Sensationen sucht, so kann der nur den Zugang zum Judentum wiederfinden, der nicht breitspurig bald nach dem Wesen des Judentums fragt, sondern der bescheiden aus den Quellen ^zu schöpfen sich bemüht, bescheiden und dankbar annimmt, was die weihevolle Begehung eines Freitagabends, eines Pflichtgebotes ihm an Gefühlswerten gibt. Und das gleiche gilt auch im Erfassen der Kulturwcrte aus den Quellen schöpfen und die großen Gesichtspunkt« sich nicht an« lesen, sondern selber erarbeiten. Wenn jüdische Jugend als ihre erste und fundamentalst« Aufgabe das Jüdischerwerden ansieht, dann wird sie, was Hans Schlemmer schon jetzt in seinem Buche feststellen zu können glaubt, ihre eigene Note hineintragen können in die deutsche Jugendbewegung und damit einen eigenen Faktor innerhalb der deutschen Kultur darstellen. Nur wenn sie selber vom Judentum erfüllt ist, wird sie Zeugnis ablegen können für den kultursc!iaffenden Wert des Judentums, wird in Wahrheit sein eine heilige Schar, die in neues Land alt« Kultur trägt, ver sacrum, heiliger Frühling. Unser Judentum Von Bez.-Rabb. Dr. Be Wir bringen im folgenden die ersten Abschnitte einer Reih« von Aufsätzen des bekannten Rabbiners und Freundes unsrer Bewegung, die nach dem Abdruck in unsrer Zeitschrift als Broschüre erscheinen und unsern Bünden als wertvolles Mittel ihrer Arbeit dienen werden. Die Schriftleitung. L Lehre von Gott als dem Quell des Guten. , 1. Der Unergründliche. Gott, die Macht, die alles schafft und erhält, fühlen wir in der Ordnung und Gesetzmäßigkeit der Natur wie in der Stimme und den Forderungen unsres Gewissens. Ihn erlebte Abraham als die Allmacht, die zu ihm sprach: „Wandle vor mir und werde vollkommen" (Gen. 17, 1); ihn erkannte Mose als den Ewigen; „das ist mein Name für ewig, und das ist mein Andenken von Geschlecht zu Geschlecht" (Ex. 3, 14); von ihm predigen die Propheten als dem Heiligen und ihn nannten danach die Weisen des Talmuds „den Heiligen, gelobt sei er" (hakkodosch borh hu) oder bildlich oder wegen,seiner Erhabenheit schomajira Himmel und wegen seiner Allgegenwart hammokom Ort. Gottes Wesen kann kein Mensch ergründen. Sinnig erzählt die Sage von einem Weisen. Der mühte sich tage- und wochenlang um die Frage: Was ist Gott? Da sah er einmal dem Spiele , der Knaben am Seeufer zu. Sie machten kleine Höhlungen in den Sand und gössen Schüssel um Schüssel von Seewasser hinein. „Was macht ihr da?" fragte er die Kleinen. „Wir wollen die See ausschöpfen," lautete die Antwort. „O, ihr Toren," sagte er lächelnd und ward ernst und nachdenklich. Dann sprach er zu sich selbst: „Hin ich doch derselbe Tor, da ich das Meer der göttlichen Weisheit ausschöpfen will." Gott läßt sich von keinem Menschen ergründen. „Nur meinen Schatten kannst du sehen, aber mein Antlitz kann nicht geschaut werden," belehrt den Mose sein Gott (Ex. 33, 23). und der Dichter des Hiobbuches fragt: „Kannst du forschend Gott erreichen?" (11, 5). Während wir ihn nicht erfassen, kennt er aber unsre geheimsten Regungen. „Er, der gebildet hat allesamt ihre Herzen, er hat Einblick in alle ihre Werke." (Psalm 33, 15.) 2. Der Unwandelbare. Der ewig lebende Gott (el chaj wekajjom) offenbart sich in der sichtbaren und sittlichen Wcltordnung. Wie die Seele den Körper unsichtbar beherrscht, so durchwaltet nach dem Spruche eines talmudischen Weisen Gott mit seinem Geiste unsichtbar die Welt. Von seiner Größe und Allmacht erzählen die Himmel. (Ps. 19.) Es gibt Sterne, die sind so weit von der Erde entfernt, daß ihr Licht Tausende von Jahren braucht, um zur Erde zu gelangen, und doch reist das Licht so schnell, daß ein Eilzug dagegen eine langsame Schnecke ist. Man hat berechnet, daß ein Lichtstrahl 40 000 Meilen in der Sekunde zurücklegt und daß der Sonnenstrahl 8'ä Minuten braucht, bis er unser Auge trifft. Und alle diese Gestirne in unausdenkbaren Fernen werden von Gottes Willen und Gesetz gelenkt. Oder du nimmst einen Wassertropfen und betrachtest ,hn durch das Vergrößerungsglas, du siehst dann für das gewöhnliche Auge gänzlich unmerkliche Lebewesen, die sich bewegen und ernähren und fortpflanzen. Und auch in dieser Welt des Unendlich-Kleinen waltet Gottes Weltgesetz. Er selbst aber bleibt in allen Wandlungen seiner Geschöpfe der Ewige, als den ihn Mose erkannt hat. Der Glaube an ihn ist kein Traum, Gott ist ein« Wirklichkeit, die wir an uns und in «ins erleben: ermann, Heilbronn. Wenn des Glaubens ernste Sonne In dein kleines Leben fällt, Geht die alte Welt dir unter, Auftaucht eine neue Welt. Aus der Glut der finstern Zweifel, Aus des Sehnens trübem Schaum, Steigtdie Küste, Land verheißend, Und das Eiland ist kein Traum, Ist ein Reich der wahren Wunder. Und das Wahrste wird dein Geist, f Der im gold'nen Kahn des Friedens Nach der ewigen Heimat reist. Natur und Weltgeschichte zeigen die Wegspuren Gottes. Schön sagt Bismarck: „Der Staatsmann kann nie selber etwas schaffen, er kann nur abwarten und lauschen, bis er den Schritt Gottes durch die Ereignisse hallen hört, um dann vorzuspringen und den Gipfel seines Mantels zu fassen. Da« ist alles.-1' 3. Der Schöpfer. So ist Gott- Schöpfer der Wc't. Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. (Gen. 1,1.) Gott hat allen Wesen sein Gesetz aufgeprägt! „Gott sprach, und es ward: er befahl, und es stand da." (Ps. 33, 9.) Er, verleiht allen Wesen Kraft zum Dasein und sie alle weben sein „lebendiges Kleid". So singt der Psalmist: „Du hast ehedem die Erde gegründet, und deiner Hände Werk ist der Himmel; sie gehen unter, aber du bestehst; sie altern wie ein Gewand, wie ein Kleid wechselst du sie und sie zerfallen; du aber bleibst derselbe und deine Jahre schwinden nicht." (Pe, 102, 26—27.) Der Dichter des 104. Psalms, der ein farbenprächtiges Gemälde von Gottes Schöpfcrallmacht entwirft, rühmt: „Wieviel sind deiner Werke, o Ewiger? Du hast sie alle in Weisheit geschaffen, voll ist die Erde von deinen Gütern." (Ps. 104, 24.) Und der Prophet sagt im Hinblick auf Gottes unfaßba**t_ und unvergleichbare Größe: „Wem wollt ihr mich denn vergleichen, daß ich ihm ähnlich wäre? spricht der Heilige. Hebet eure Augen zur Höhe und sehet, wer hat diese geschaffen*? Er, der ihr Heer nach ihrer Zahl herausführt, sie alle mit Namen nennt; infolge der Fülle seiner Allgewalt geht ihm keines verloren." (Jes. 40, 12—25.) Und diese Wesen alle, klein undgroß, werden von Gott erhalten und versorgt: „Er bestimmt die Zahl der Sterne, er ruft sie alle beim Namen, er bedeckt die Himmel mit Wolken, bereitet der Erde Regen, läßt Gras wachsen auf den Bergen. Er gibt dem Vieh seine Nahrung, den jungen Raben, welche rufen. (Ps. 147, 7—9.) T Ehe wir darum im Schmabekenntnis abends und morgen» Gottes Einheit bekennen, preisen wir ihn als den Wellengott, jozer or, der das Licht bildet, und marriw aarowim, die Abende dämmern läßt. 4. Der Vater. Mit jedem Sabbattage, der, secher lemasseh bercschis, ein Andenken an das Werk im Anfang ist, huldigen wir durch unsre Feier dem Ewigen als dem Schöpfer des Alls. So gewaltig Gottes Macht ist, so unendlich groß ist auch seine Güte und Liebe, mit der er väterlich sich um seine Wesen kümmert. Der König der Welt (melech hoolom) ist zugleich „unser Vater, der da ist im Himmel", owinu schebaschomajim. Bereits Jeremias nennt ihn im Gebete „meinen Vater" 3, 4. Längst vor ihm ist es geläufig, Gott so zu bezeichnen. Jes. 2, 2: „Kinder hab' ich großgezogen, heißt es in Israel, sie empörten sich wider mich." Deut 14, 1: „Kinder seid ihr dem Ewigen, — 11 —

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