Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (22.4.1926)
- Date
- 1926-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland ist kaum noch willens und fähig, der alten Forderung gerecht zu werden: wehigadta lebincha. Du sollst deinem Kinde von der Bedeutung des Judentums in der Vergangenheit und von den Pflichten für Gegenwart und Zukunft cr- 2ählen. Nun denn: so möge umgekehrt von den Jungen auf die Alten eingewirkt werden: möge von unsrer Jugend der Geist des Judentums in das Elternhaus zurückgetragen werden, aber in der Weise, wie sie dem jüdischen jungen Menschen besonders ansteht, ohne die Untugenden, die man so oft dem heutigen jungen Geschlecht zum Vorwurf macht und als eine unangenehme Begleiterscheinung der Jugendbewegung anzusehen geneigt ist, ohne Selbstüberhebung, in sorgsamer Beobachtung der nie erlöschenden Pflicht kindlicher Beacheidenheit und Ehrerbietung. Er «ühne die ganze Gemeinde Israels. Die Gesamtheit des jüdischen Lebens in Deutschland ist gekennzeichnet durch den Kampf der Parteien. Wäre es lediglich ein Kampf um geistige Worte und in gebührender Weise geführt, so brauchte er nicht beklagt zu werden. Auch die Schriftgelehrten in Israel haben um die wahre Erkenntnis miteinander gerungen und gekämpft. Aber es ist ein andres um den Kampf zwischen Hillel und Schammai und um den Kampf der„Korach und seine Genossen gegen Mose führten. Auf die Beweggründe des Kampfes kommt e« an, auf die Mittel, mit denen er geführt wird. Je edler, je heiliger die Beweggründe, je reiner die Mittel, desto eher kommt die Verständigung, kommt der Friede, desto eher erzeugt der Kampf Gutes und Nützliches. Traditionsgläubiges, freies und nationales Denken ringen heute um die Palme im deutschen Judentum. Die Geister entfremden sich immer mehr, die Zerrissenheit wird immer gröQer. Sollte die Erklärung hierfür nicht darin liegen, daß die Beweggründe de« Kampfes nicht mehr den Charakter des Edlen und Heiligen tragen und daß er .mit unzulänglichen und untauglichen Mitteln geführt wird? . Wenn ich sage, daß auch hier die Jugend helfend, sühnend eingreifen muß, so wird man auch besser verstehen, was ich meine. Wirkliche Liebe zum Judentum muß der Beweggrund des Kampfes sein, und die Kenntnis dea Judentums das Mittel, mit dem er geführt wird. Mit der Kenntnis des Judentums kommt auch die Liebe zum Judentum. Und darum muß die jüdische Jugend vor allem das Judentum erlernen, um später einmal im Judentum und für das Judentum besser und gewissenhafter zu kämpfen, als es in dem unfruchtbaren und unheilvollen Kampfe der Gegenwart geschieht. Später einmal! Nicht im Kindesalter, nicht in der Zeit, wo der Mensch noch unreif und in der Entwicklung begriffen und der Kampf infolgedessen von vornherein nicht am Platze und unsinnig ist. Nicht die politisierten Jugendbünde, die — bedauerlich genug — von den Erwachsenen als Vortruppen für ihre eigenen Anschauungen benutzt werden, nur die allgemeinen (besser diese Bezeichnung als die Bezeichnung neutraler jüdischer Jugendbund) können der Aufgab« gerecht werden, ein besseres Kampfgeschlecht für den Geisteskampf Israels heranzubilden. Kenntnis des Judentums und Achtung vor jeder aus ehrlicher Arbeit erwachsenen Anschauung sei der Leitfaden für ihre Arbeiten. Groß und schwer sind die Aufgaben, die heute auf ur-srer Jugend lasten. Sie hat viel«« zu sühnen, was andre schlecht machen. Möge sie auf rechtem Weg« geleitet werden, damit das Judentum seiner Bestimmung dienen kann, ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk zu sein. Jüdische Jugend in moderner Kultur Vortrag, gehalten auf der Tagung des Nordwestdeutschen J. J. V. 1925. Von Rabbiner Dr. Felix Aber, Bremen. Durch einen bedauerlichen Irrtum sind in dem Auf- "satz, den wir in der letzten Nummer brachten, die letzten Abschnitte nicht in der richtigen Reihenfolge abgedruckt worden. Wir bringen deshalb den letzten Teil des Aufsatzes noch einmal. Di« Schriftleitung. Die jüdisch« Jugendbewegung befindet «ich allerdings gegenüber der allgemeinen deutschen Jugendbewegung in schwieriger Lage, und liebevoller als Charlotte Litkcns schreibt Hans Schlemmer in seinem 1923 erschienenen Buche „Der Geist der deutschen Jugendbewegung" von ihr, „denn das wird jeder, mag «r im übrigen zu dem Problem dei Judentums und des Antisemitismus stehen, wie er will, .zugeben müssen, daß sich ein großer Teil unserer jüdischen Jugend, und zwar gerade der best«, ^nnerlich in einv geradezu furchtbaren Lege befindet. Die starke judengegnerisch« Welle, die zur Zeit durch Deutschland geht, hat ja weder vor der Jugenderziehung, noch vor der Jugendbewegung halt gemacht, und sie muß für den feinen, tief empfindenden jungen Juden «in« entsetzliche Folter bedeuten. Was Wunder, daß diese jungen Leute, von den Kameraden vcrf«hmt, von ihren Lehrern und sonstigen Erziehern nicht für voll angesehen, sich mit ganzer Inbrunst der Religion ihrer Väter in di« Arme werfen und mit ihr auf eine neue Zukunft ihre« Glaubens und ihres Volkes hoffen. Wenn Martin Buber einmal gesagt hat: „Di« grundlegenden Ideen der jüdischen Religion seien di« Einheit, di* Tat und die Zukunft", «o kann man di«s« Wort« besonder« auf die jüdische Jugend anwenden: Das ganz« religiös« Leben, geeint durch einen Gedanken, den Gedanken an di« groß«, göttliche Tat, die ein« neue, herrlich« Zukunft heranführen wird. Dies« besondere jüdisch« Richtung stellt gewiß in -der großen Gesamtheit der Jugendbewegung nur eine klein« und abseits liegend« Provinz dar; «i« verdient aber trotzdem genaue und sorgfältig« Beachtung und reicht in ihren Wirkungen vielfach Aber di« gering« Zahl ihrer b«wußt«n Anhänger nicht unerheblich hinaus." Wir wollen es dem Verfasser nicht verübeln, daß er etwas als «in« Tatsach« ansieht, was wir erst als Hoffnung hegen. Es ist leider noch nicht richtig, daß di« jüdische Jugendbewegung, „ich meine, ihr Laben und nicht ihre Programme, ihr« Praxi* und nicht ihr« Theorie", di« Schaffung des jüdischen Menschen durch Kenntnis«« und Einleben und Verwurzelung ia der Gedankenwelt de« Judentums sich zu eigen macht Es ist ein schmerzlicher Mangel unserer Jugend", sagt Martin Bubcr in seiner bekannten Red« über Jugend und Religion „Cherulh", „daß sie an di« Ding« der jüdischen Religion zu einem Teile ohne Ehrfurcht und zu einem andern ohne Unbefangenheit herantritt." Er fordert: „Zum Gegenstand einer ehrfürchtigen und unbefangenen Erkenntnis muß uns unser religiöses Schrifttum werden. Wer vor allem die Bibel solchermaßen liest, aus dienendem Wissen um die urhebräisrh« Sprachseele, aber nicht als Literaturwerk, sondern als des Wirkens des Absoluten am jüdischen Volksgciste fundamental« Urkunde, dem wird sie heimliches Gut offenbaren, ein Walten der Urkräfte, daraus sich der Kern seiner Rel:giosität ernähren und aufbauen kann. Ein ernstes Studium des späteren und späten Schrifttums muß sich anschließen." Deshalb enttäusch« ich vielleicht manche, wenn ich in meinem Vertrag nicht davon spreche, was Juden für di« moderne Kultur geleistet haben. Ist doch die Darstellung von Themen, wi* «i« di« ältere Generation noch liebte, die Juden und — sämtlich« Stichwörter des Konversationslexikons, durchaus unfruchtbar und Zeitverschwendung. Auch jüdische Jugend muß sich die Erkenntnis der Meißnerjugend zu eigen machen, daß es sehr einfach ist, sich die Taten der anderen mit großen Worten anzueignen, ohn* sich zu eigenen Talen verpflichtet zu fühlen. Denn wichtiger als der Katalog der Verdienst« der Juden um die modern« Kultur ist die Frage: Wie kommen wir aus der Epoche heraus „Jüdische Jugend in moderner Kultur — Fragezeichen? Wie werden wir positiver im Hinblick auf unser K u 11 u r b e w u ß t s e i n , im Hinblick auf unser Judentum? Die jüdische Jugend muß erkennen, daß si« zunächst einen festen Halt im jüdischen Wesen selbst gewinnen muß, sie muß ihren jüdischen Mittelpunkt wiederfinden. Denn mit dem Augenblick, in dem es sich nicht mehr um die Heranbringung von Wissen von außen her, sondern um die Erfassung von innen her handelt, muß so etwas wie innerer Fond« auch vorhanden sein. Wi« das Wandererlebnis dem jungen Menschen geholfen hat, einen neuen Zugang sur Bildung zunächst im Hinblick auf die Natur sich zu schaffen, wi« man gelernt hat, bescheiden ein Blatt und ein« Blum« zu sehen, so müssen wir auch die Haltung ablegen, die besonders drastisch jene oft erwähnte Legend« wiedergibt, in der zu Hille! «in Heid« kommt und von ihm fordert, da* Judentum kennen zu Urnen, - 10 -