Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (22.4.1926)
- Date
- 1926-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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weltlicher Schoben. Scb .Icr selbst mühen sich uro Wiederbelebung des Chors der Griechen, und endlich hat die Jugendbewegung neben Klampfe und Lied den Sprechchor als Ausdrucksform ihres Wollens angenommen. Wenn wir nun die Möglichkeiten des chorischen Sprechens > in unsern Bünden erörtern wollen, so gehen die Untersuchungen nach zwei Richtungen. Wir sprechen über die soziologischen und über die künstlerischen Möglichkeiten. Zunächst die soziologischen, besser gemeinschaftsbildenden. Der Leiter des Sprechchores am Düsseldorfer Schauspielhaus, das, von jeher ein Vorkämpfer jeglicher Wortkunst, einen Laienchor unterhält, äußerte kürzlich in einem Vortrage gleicher Ueberschrift, daß die 'gemeinschaftsbildenden Kräfte chorischen Sprechers überschätzt würden und Ton hier aus ein Weg zu neuer Gemeinschaft nicht zu suchen sei. Er mag aus seinen Erfahrungen heraus recht haben, da sein Chor aus Menschen zusammengesetzt ist, die nur aus künstlerischer Absicht nebeneinander stehen. Notwendigkeit künstlerischer . Aeußerung, Lerneifer, vielleicht auch Neugierde halten seine Schar zusammen. Sie suchen nicht die menschliche Bindung, sondern nur den Taktstock des Leiters, aus dem ihnen Befriedigung ihrer künstlerischen Bedürfnisse entgegenwinkt. Wäre der Chor in unserm Bund aus diesen oder wenigstens nur aus diesen Grijndcn zusammengekommen, so wohnte ihm eine gemeinschaftsbildende Kraft .nicht inne, er wäre künstlerischer Selbstzweck, dem Begriff jener Dilettantenkunst einzuordnen, die Hans Salm in Heft 2 der Jüdischen Blätter (1925) im allgemeinen treffend charakterisiert hat. Aber welche Gründe führen unsern Chor denn zusa —-ren? Er bildet sich im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft. Was in unserm Bund die. Arbeitsgemeinschaft bedeutet, braucht an dieser Stelle nicht erörtert zu werden. Nur soviel, daß Menschen aus einer größeren Schar in einem andern Rahmen ■Zusammenwirkender Menschen sich in einem engen Kreis zusammenschließen, um einer gemeinsamen Arbeit willen, nicht weniger aber auch um des gemeinsamen Erlebens der Arbeit willen. Wer je die ungeheure Belebung erfahren hat, die der als „trocken'' bekannte Gcschichtskursus durch die Arbeit verbundener Menschen annimmt, wird den Sinn einer Arbeitsgemeinschaft kennengelernt haben, und nun gilt es nicht, einen .^trockenen" Stoff erfassen, sondern das lebendige Leben in tausend Erscheinungsformen einzufangen. Die Stimme, die Sprache, lauterstes Attribut unsers Seins, soll nicht meliftinzelausdruck sein, sondern chorisch zusammengefaßte Sprache einer Menge, Ausdruck ihrer Schwingungen und Regungen. Hier njuß über'alle Technik hinweg der Weg zu einer starken Gemeinschaft liegen. Wie immer wird ern Führer an der Spitze stehen müssen, der, feinnervig genug, die gemeinsamen Schwingungen erfaßt, nicht nur zu den sprachlich rhythmischen Aeußerungen des Chores, sondern aus ihnen einen Boden für seelische und bündische Gemeinschaft bildet. Ueber die Möglichkeiten einer solchen künstlerischen Gemeinschaft in der Arbeit des großen Bundes werden wir ein andres Mal zu sprechen haben. Nun zu den künstlerischen Möglichkeiten des Chores. Auch hier sei die Meinung des Schauspielers vorweggenommen. Der Sprechchor, sagte er, suche die Gestaltung der Dichtung durch Rhythmen der Massen, im Gegensatz zum Einzelsprecher, dem eine bis an die Grenzen musikalischer Ausdrucksformen gehende Freiheit der Gestaltung gelassen sei, seien die im chorischen Sprechen liegenden Schwingungen und Rhythmen in ihrer Erscheinungsform begrenzt, wenn sie nicht durch eine Bearbeitung vielstimmiger gestaltet würden. So ist sein Arbe<tsziel der sogenannte durchkomponierte Chor. Einzelne Stimmgruppen werden in eigener Weis« durchgebildet und gegen Gruppen andrer Slimmfärbung und andren Tempos gesetzt; wobei unterstellt wird, daß die seelische Schwingung der Gruppen dem technischen Ausdruck angepaßt ist. Durch Solostimmen und eingewirkte Sangstimmen wird ein belebtes und bei technisch vollendeter Ausführung reizvoll klingendes Gebilde geschaffen, dem ein« vollkommene Partitur zugrunde liegt, merkwürdiges Grenzland modernster Musik. Ein Beispiel: Beginn eines Psalms: Aus den Tiefen der Not, Herr, rufe ich zu dir. Dieser Satz wird gleichzeitig in vier Gruppen gesprochen. Erste Gruppe: Führende Stimme, spricht den Satz im angegebenen Tempo ruhig durch. Zweite Gruppe: Männer, abgehackt sprechend, etwa doppelt so langsam, als Baß-Begleitung gedacht. Dritt-; Gruppe: Frauen, doppelt so schnell, etwa eine Beglcitfigur in 1 «-Noten, sprechen nur: Herr, aus den Tiefen der Not, in vielfacher Wiederholung. Vierte Gruppe: Singt in eintöniger Melodie gebunden etwa doppelt so langsam. Das Ganze wird oftmals wiederholt gesteigert und endet in einer gemeinsam gesprochenen orgclpunktisch aufgebauten Stelle. Dies ist aber nicht der Weg unsres Chores. Er würde eine Versandung seelischer Schwingungen in der Technik zur Folge haben: die Erreichung des künstlerischen Zieles, welche zur Voraussetzung die technische Vorbildung des Leiters haben würde, ginge auf Kosten der Aufgabe des Chores im größeren Bunde. \X'as wir bei der Gestaltung des Chores suchen, ist der den MiU irkenden als Einheit immanente Rhythmus, d?r sich wesentlich von den Schwingungen des Einzelsprechers unterscheiden muß. Der technische Aufbau des Chores muß daher möglich einfach sein, klare Linien, sparsame Wiederholungen und wuchtige Steigerungen. Solostimmen nur da, wo die Dichtung in rein erzählenden, einer seelischen Unterströmung entbehrenden Ton verfällt oder als Uebergang zwischen zwei Höhepunkten. Ein Beispiel für den Rahmen eines solchen Chores: Beginn eines Psalms: Ich erhebe meine Augen zu den Bergen. Der Chor ist in Frauen- und Männerstimmen geteilt. Die Männer beginnen anschwellend bis zu halber Stimmstärke, die Frauen fahren fort von dieser Stärke abwärts bis zum Ausgangspunkt, beide wiederholen einmal gemeinsam. In diesem technisch unkomplizierten Rahmen muß der feinnervige Leiter die den Sprechern gemeinsame innere Lim« bald gefunden haben. Ist sie aber gefunden und in wenigen Proben dem technischen Rahmen so sicher eingeordnet, daß sie dem Unbeteiligten nach außen hörbare Form angenommen hat, so gehen von dem Sprechchor ungeheure Wirkungen au£ nähere und fernere Kreise von Menschen aus Was wir sprechen? Psalmen, Balladen, Volkslieder (diese auch als Begleitung eines Einzelsprechers und mit Geigenbegleitung), endlich Chöre aus dramatischen Werken, ich verweise insbesondere auf die wuchtigen Jeremias-Chöre. Wo wir sprechen? Im Bund auf Heimabenden, in der Gemeinde bei offiziellen Feiern, endlich auf Wanderungen bei Treffahrten im Wald. Warum wir sprechen? Dies sei nochmals zusammengefaßt. Weil wir im chorischen Sprechen den Rhythmus zu spüren und zu bannen glauben, der uns den Boden für Gemeinschaft einzig bringen kann. An merkung der Schriftleitung: Der von dem Verfasser geführte Sprechchor des Jüdischen Jugendvereins Düsseldorf wird an dem Begrüßungsabend, Samstag, den 22. Mai, einige Chöre sprechen. Belebung des Synagogemresanges Von Rabbiner D r. Unser Gottesdienst leidet Not; nicht allein dadurch, daß die Mehrzahl unsrer Gemeindcrhitglieder, abgesehen von den Feiertagen, ihm fernbleibt, sondern mehr noch durch die Tatsache, daß er in seiner modernen Ausgestaltung die Gemeinde mehr oder weniger zur Passivität verurteilt. Im Gegensatz zum alten Opfergottesdienst, dessen Träger allein die Priester waren, hat schon in uralter Zeit, wahrscheinlich schon, als der Tempel noch bestand« die Gemeinde das Bedürfnis gehabt, zu beten, Gott zu preisen Klein, Düsseldorf. und zu danken. Von den Melodien des alten Gottesdienstes ist uns nichts überliefert; nur der „Tropp", die Sangweise der Thoravorlesung, wie sie noch heute in den meisten Synagogen üblich ist, scheint aus den ältesten Zeiten zu stammen. Eines aber ist sicherlich das Charakteristische des jüdischen Gottesdienstes von alters her gewesen: die lebendige aktive Teilnahme der Gemeinde. Wir wissen, daß in alter Zeit nicht ein Beamter den Thoraabschnitt der Gemeinde vorlas, sondern daß die zur Thora Aufgerufenen selbst — 6 -