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Der Jugendbund · 1926-04-22 · 6 (22.4.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
6 (22.4.1926)
Date
1926-04-22
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Alles unterliegt dem Gesetz des Wachsens und Werdens. Auch die Zeitepochen. Man sieht daher Epochen der Aufgewühltheit, wo der ewig alte, ewig junge Same des Weiters, der Entwicklung von der Schöpferkraft über und in uns gestreut wird, — Epochen des Wachsens dieses Samens, des mehr und mehr Zustrebens zur Fruchtwerdung — und Epochen der Frucht, der Blijte. — Entsprechend ist der Ausdruck in allen AeuBerungen dieser Zeitabschnitte,— auch in der Kunst. In welcher der Arten von Epochen leben wir? — Man darf wohl sagen: in einer Epoche des Zustrebens zur neuen Frucht, zur neuen Blüte, zu neuer Form. Wenn nun die Kunst ein Ausdruck der Epoche ist — wir und Epoche, Epoche und wir eins sind —, so müssen wir unser gegenwärtiges, inneres Gesicht erkennen können in dem gegenwärtigen Kunstatisdruck. — Was sieht man nun, wenn man 'sich z. B. dem Theater zuwendet? Das Theater, das entstanden ist aus dem Mysterium,* aus dem heiligen Spiel, aus dem Ausdruck des Besten, des Geistigen in uns — ist (in seiner Hauptproduktion) mehr und mehr ein Diener des Geringen in uns geworden,, des Verlangens nach „Abwechslung", Zeitvertreib", Vergnügen. Aber was sehen wir weiter? — Dieses Theater ist zu Ende gelebt, es vegetiert nur noch, es findet nicht mehr in sich Kräfte zu neuer Entfaltung, es plustert sich auf, es wächst nicht mehr — das Theater des Amüsements. Seine Stunde hat geschlagen. Der Film ist erstanden, die Revue ist gekommen und ist in d i e s e r Richtung (in der Richtung des Amüsements) dem Theater weit überlegen geworden. Es geht seinem sicheren, organischen Ende entgegen, das Theater des Amüsements, dieses Theater des Auswuchses, des Geringen in uns! — Und erwacht ist zur Forderung (bei den einen bewußt, bei den andern unbewußt), was in den Besten des Publikums und in den Besten der Ausführenden stets gelebt hat: der Drang zum Theater in seinem Ursprungstum — dem Theater des Ausdrucks unsers Besten, Heiligsten und Hehrsten — zu dem Theater der gehobenen Sphäre und Atmosphäre — zum Mysterienspiel. Diese« (das erst gefunden werden muß und wird) wird mit dem Mysteriumspiel der Vergangenheit (griechischen, mittelalterlichen) nichts gemein haben, als den inneren Ausgangspunkt: unser Bestes, Reinstes und seine Dienstschaft unserm Heiligsten: dem Streben zur Vervollkommnung des Menschen in uns und damit der Wejt überhaupt. Dieses Mysteriumspiel wird seine eigene Form haben — eine Form voll Blut und Leben, voll Lebensbejahung und Kraft. Und daneben (wahrscheinlich immer mehr und mehr verknüpft mit diesem Theater der gehobenen Atmosphäre und Sphäre) wird sich der Chor entwickeln — der Laienchor. Die Anzeichen dafür sind wohl nicht mehr zu übersehen. Spielte ja auch in den Mysterien der Vergangenheit der Chor, dieser gewaltige Ausdruck der Gemeinsamkeit, eine höchste Rolle. Und unsre Kräfte, die Kräfte unsrer Zeit also, drängen mehr und mehr der Gemeinsamkeit zu — trotz aller noch vorhandenen Gegenbeweisel — trotz aller Unvollkommenheit in uns — trotz aller noch hindernden Umstände, die nur so lange sein werden — so lange i n u n s noch nicht die Hindernisse zur starken, herrlichen Vereinigung von Mensch und Mensch überwunden .sind. Denn die Umstände sind wir! Ich glaube nun: — sollen die schönen, frischen, hingebungsstarken Kräfte der Laienschaft die Kunst bereichern, der Kunst die Möglichkeit gegeben sein muß, in die Laienschaft zu dringen — denn auf Gegenseitigkeit beruht ja alle Befruchtung. Soll der Laienchor mithelfen, das kommende Theater — das Mysteriumspiel — zu schaffen (und seine Hilfe ist sicherlich unentbehrlich), so ist es zwar gut und nötig, daß er — heute noch — vom eigentlichen Theater losgelöst für sich lebt und sich entwickelt, aber unter Mithilfe von Kräften des Theaters, die zu ihm hingezogen sind. Auf diese Weise, glaube ich, kann und wird sich eine -Vereinigung bilden, die für den Kunstausdruck der nächsten Zukunft, der nächsten Epoche der Frucht und Blüte, von großer Bedeutung sein wird. Und dies ist eine große und wunderbar schöne Aufgabe der Jugend — das heißt derer, die sich jung fühlen, derer, di« sich fühlen im Dienste des Heute und Morgen. Das Theater und wir Von Dr. Ger Wir? Ja, wir, die Jungen, die strebend, sehnend, fragend nach den letzten Wesenheiten dieses Daseins, drängend in die Wirklichkeit, um sie zu gestalten. Was haben wir, nach Tiefen forschend, mit dem Theater, mit der sichtbaren Illusion, dem Schein zu tun? . Schein, Täuschung das Theater? Ja, natürlich. Sagte das nicht schon Lessing, bewies das nicht Schiller? Schein? Die Bühne? Was ist Spiel anders als Schein, unwirklich? Es schrieb einer in unsrer Zeit „ein Stück', das gemacht werden soll". Der es schrieb, heißt Pirandello. Und das Stück heißt „Sechs Personen suchen einen Autor". Pirandello bedeutet nicht viel. Aber dieses Stück ist bedeutend. Denn dieses Stück zerreißt jedem, der es sehen will, die geheimnisvolle Täuschung. Und der lernen will, lernt: Die Bühne ist keine Täuschung. **• Die Bühne ist Wirklichkeit, tiefere, wahrere Wirklichkeit als die des Alltags. Denn auf ihr geschehen jene Erlebnisse durch das Medium des Schauspielers, die jene zur Form, zur dramatischen Form schaffen, die das tiefste Leben leben, die Dichter. Hier ist das Leben in seiner letzten Reinheit, seiner letzten Gewalt, seiner letzten Tragik. Hier ist das, mit dem wir ringen, das wir ersehnen, das wir erleben. trud Schloß. Hier wird gespieltes Sein zum Dasein. Hier werden seelische Beziehungen lebendige Kräfte. Hier wird Starres fließend. Hiei erleben wir, die wir mit unerbittlicher Strenge hineingestellt sind, in einen mechanischen Prozeß äußerer Lebenstätjgkeit, das Menschliche, das Wesentliche. Hier fühlen wir uns selbst, nicht wesenlos, beziehungslos, isolierte Arbeitsmechanismen. Hier sind wir individuelle Lebenseinheiten eines großen Weltstroms, der von dem Geschehen auf der Bühne Abend für Abend in uns dringt und uns mit Sinn erfüllt. Diese Bühne, dieses Theater als dem Brennpunkt großen, wahrhaften Lebens, wie es die Dichter als die seherischen Verkünder der geheimen Gesetze unsres Lebens verkünden, ist unser, muß unser sein. Wir müssen hineingehen. Hunderte, tau., sende. Wir müssen es zwingen: daß man unser Leben, unsre Sehnsüchte uns in reinster, wahrhaftester Form wiedergibt. Wir Jungen, wir schaffen aus furchtbarster Not, aus brennendem Verlangen nach Schönheit, aus tiefstem Wissen, daß diese Mechanik unsrer Tätigkeit nicht das Letzte ist, daß diese Welt eine sinnvolle Lebendigkeit ist. Wir Jungen, wir müssen erkennen,- müssen es in uns schmerzhaft oder freudig spüren, daß dieses Theater das Forum ist, auf dem unser Leben gelebt wird. Ueber die Möglfdikeit chorischen Sprechens Herbert Felsenthal, Düsseldorf. Der gesprochene Chor ist ein Begriff in der Theatergeschichte, der seit Jahrtausenden in größeren Zeitabständen immer wieder feste Gestalt annimmt. Im letzten Jahrzehnt ist der Sprechchor eine häufiger werdende Erscheinung geworden, der die ihm vom Theater gezogenen Grenzen gesprengt hat und in das gestaltende künstlerische Schaffen de« Volkes gedrungen ist. Arbeitersprechchöre umrahmen politische Feiern, Elternchöre begleiten die Einsegnung der Kinder -5 —

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