Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (22.4.1926)
- Date
- 1926-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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der Erscheinung, an alles und jedes, an das Unscheinbarste und Kleine, tritt als Zeitmotiv in seihen Gedichten hervor. Er fühlt sich mitschuldig an jedem Verbrechen, und aus dem Verantwortlichkeitsgefühl entspringt sein starkes Gemeinschaftsgefühl. Er wird der Verkünder des modernen geistigen Menschen. Inbrunst, Frömmigkeit, Gottsuchertum durchleuchten sein Werk, und über allem finden wir bei ihm: die Liebe des Men- •chen zum Menschen, Hymnen auf die-große Brüderlichkeit. Wunderbar und stark geprägt tritt das Gefühl des Existenz- Bewußtseins immer neu hervor, ein starkes Lebensgefühl und sein Dank an Gott, den Schöpfer dieses vielfältigen, unerschöpflich reichen Daseins. Wir bewundern an Werfel die glänzende Sprachkraft, ein mitreißendes Pathos. Der Name der 50jährigen Else Lasker-Schüler bedeutet für uns der Name der größten jüdischen Dichterin, die unter uns lebt. Ihre Erscheinung verbindet sich für den Laien mit dem Programm des Expressionismus, und ihre Ausdrucksweise .hat in der Tat oft etwas Groteskes, Abnormes, Verzerrtes für den, der Gefühle und Anschauungen verständlich geschildert haben möchte. Else Lasker-Schülers produktive Zeit fiel in die Jahre des Ucbergangs, wo man, wie alles andere, die Kunst revolutionieren wollte. Heute schon erkennen wir, daß die Revolution nicht den Anschluß an die alte Form verhindern konnte, und daß der Kampf dieser Tage als ein Abbild des Menschen dieser Zeit immer interessant, aber ■ur einzelnen verständlich und bedeutsam sein wird. Hinter der Form aber, da, wo das Gefühl herrscht, wird man fcei Else Lasker-Schüler große Schätze finden. Es ist kein Zufall, daß eines ihrer Werke unter dem Titel „Mein Herz" erscheint, denn überall, wo man hinhört, fühlt man das leichterregteste, sensibelste Herz einer Frau schlagen. Um was es sich handelt, Beziehung zu ihrem Volk, ihrer Familie, ihren Freunden, wie eine offene Wunde öffnet sich das Herz und gießt maßlos, zügellos, im tollsten Ueberschwang, Gefühle, Empfindungen aus über alle Gegenstände. Es liegt eine Tragik darin, daß die jüdische Dichterin der Neuzeit aas einem zerrissenen Herzen schafft. Ihr Blut rinnt verbraucht und müde. Sie möchte alles umfassen, erfassen, aber das, was dem gesunden Instinkt eines Menschen gelingt, bleibt ihr versagt. Sie steht vor verschlossenen Toren. Doch die Flamme ihres Geistes und Herzens ist rein, ihre Liebe grenzenlos. Unsere Zeit ist wenig empfänglich für Prophetinnen, und das ist die Formel, auf die man Else Lasker-Schüler prägen muß, und darin liegt ihre Verbundenheit mit dem jüdischen Volk, dem Volk der Propheten und Dichter. Von ihrem Leben weiß ich nichts als das, was sich in ihren Schriften widerspiegelt. Es ist ein Hingegebensein an die Menschen; ein Hinneigen zu Verehrung und Freundschaft, ein Aufgehen in befreundeten Naturen. Irgendwie wird man an die große Rahel aus jüdischem Blut erinnert, nur daß Rahel souverän herrschte in ihrem Kreis, und Else Lasker-Schülers widerstandslosere, zwiespaltige Natur erkrankt an den Widerständen der Welt, ohne sie je eu beherrschen. Sie sagt von sich: ihre Seele stehe in den Abendfarben Jerusalems. So ist es: Glutvolles Strahlen, nie gestillte Sehnsucht, ewiges Suchen, rastloses Wandern und eine blumenhafte Zartheit, ein unverbrüchlicher Glauben an die Erfüllung ihrer Gebete: das ist Else Lasker-Schüler. Der Schluß der Betrachtung gilt Uriel Birnbaum. Der Name dieses heute dreißigjährigen Dichters und Malers ist noch wenigen bekannt, Wenn aber die Entwicklung Uriel Birnbaums weiterhin so stürmisch fortschreitet, dann wird sein Name in wenigen Jahren Klang und Verbreitung gewinnen, besonders bei den Juden aller Länder, denn er ist ein wahrhaft religiöser Dichter. Sein Dichten und Denken mündet in Gott. Er ist der jüngste Sohn Dr. Nathan Birnbaums, der über die Grenzen Wiens hinaus bekannt und anerkannt ist, der als liberaler Jude aus innerer Ueberzeugung zum Anhänger der Orthodoxie wurde und als solcher für seine Ueberzeugung in Schrift und Wort werbend eingetreten ist. Uriel Birnbaum erscheint als einer der ungemein reichen Künstlernaturen, die aus einer Dämonie heraus schaffen müssen, die Gefäß sind für den Willen eines Höheren, begnadet mit einem Schöpfertrieb, der das Gefäß zu sprengen imstande ist. Das Mai-Heft der jüdischen Zeitschrift Menorats war der Persönlichkeit des Malerdichters gewidmet und gab Ueberblick über sein künstlerisches und literarisches Schaffen. Außerdem liegt mir sein Buch in Sonettenform, „In Gottes Krieg", vor, das vor Jahren den Bauernfeldpreis erhielt. Uriel Birnbaum fand erst in Kämpfen den Weg zu seinem Gott, dessen Lob zu preisen er als seine heilige Aufgabe erkennt. Das Erlebnis des Krieges traf ihn furchtbar; er sah es an als eine Strafe Gottes. Er selber opferte dem Krieg; ein Fuß wurde ihm amputiert, der andere trotz Zerschmetterung gerettet. Alle seine Werke sind, wie er selber sagt, „aus religiöser Gesinnung entstanden und in jeder Beziehung konservativ gerichtet". Er erscheint mir als der zu größten Erwartungen berechtigende Dichter und Verherrlicher Gottes in unserer Zei,t. (Ich sehe hier ab von der jungen nationalen jüdischen Literatur, die wie etwa Bialik zur alten Sprache der Bibel zurückgreift.) Die Sprache ist bei Birnbaum schlicht, klar, von tiefem Pathos erfüllt; ein Gläubiger, der die Wahrheit sucht, der tausend Zungen haben möchte, um den einen Weg zu preisen: den Weg zu Gott. Seine lyrischen Gedichte sind von wunderbarer Reinheit der Empfindung und echtem Naturgefühl. Man erweist einem jungen Künstler keinen Liebesdienst, wenn man ihm eine große Zukunft voraussagt; aber hier steht ein Mensch, der mit tiefstem Ernst, unter Einsatz der ganzen Persönlichkeit, in unserer vielfach entwurzelten Zeit, den einen heiligen Weg für sich und seine Glaubensbrüder erkennt und weist: den Weg zu gläubigem Gotlestum. Gemessen an der großen Reihe jüdischer Dichter konnte nur eine kleine erwählte Schar in kurzen Zügen gezeichnet werden. Aber diese sind in ihrer Eigenart, auch im Gesamtbild, so anerkannt und schöpferisch bedeutend, daß sie gleichen Wert besitzen für die Welt der Juden und der Deutschen. Die Wurzel, der Trieb ihrer Kunst -offenbart sich deutlich in diesem: Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen. •. . Franz Rosenzweig: Jchuda Halevi. Oskar-Wöhrle- Verlag, Konstanz. Hugo Zuckermann: Gedichte. R.-Löwit-Verlag, Wien und Berlin. Franz Werfel: Wir sind. Einander. Kurt-Wolff-Verlag, Leipzig. Else Lasker-Schüler: Gedichte. Paul Cassirer, Berlin. Uriel Birnbaum: In Gottes Krieg. R.-Löwit-Verlag, Wien, Berlin. Jugend und Theater Von Herrn Wir freuen uns, das hervorragende Mitglied des Düsseldorfer Schauspielhauses hier zu Wort kommen lassen zu können. Seine von tiefem sittlichen Gefühl und starker Liebe zur Gemeinschaft getragenen Ausführungen erscheinen uns gerade für unsre Jugend höchst bedeutungsvoll. Die Schriftleitung. Alles ist Zeitausdruck — Ausdruck der gegebenen Zeit, der gegebenen Epoche. Wir sind Kinder unsrer Zeit, unser Ausdruck Ausdruck der Zeit, der wir angehören. Man kann aber auch sagen; Die Zeit ist unser Ausdruck, die 7«it ist a n n G r e i d. unser Kind, denn: wie die Zeit, in der wir leben, uns bildet, so ist die Zeit nur durch uns. Zeit und wir sind ein Begriff. Jede Kunst ist der Ausdruck ihrer Zeit. — Die das Nächstliegende ausdrückende und darum von allen leicht gefaßte Augenblickskunst — sowie jene aus dem Höchsten und Besten erklingende Kunst jeder Epoche — die oft oder zum* größten Teil in einer folgenden erst gewürdigt und geliebt wird. Denn Wesen jeder Epoche ist es: allen sichtbare Gegend wart und (im Verhältnis) nur wenigen sichtbare Zukunft in sich zu tragen.