Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (22.4.1926)
- Date
- 1926-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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e'ini Tat, eine Handlung eine kurz herausgebrochene unsterb- -hche Schönheit. — Demgegenüber tritt nun die Kunst der neuen Richtung auf und will Ganzes zeugen. Nach meiner bisherigen Ausführung ist es nun selbstredend, daß eine solche Kunstentwicklung eine ähnliche Intensität in der Entwicklung der, Jugend voraussetzt: Jugend, Kraft, Phantasie, Lebensbcjahung. Nicht Schein, sondern Wahrheit ist die Basis, sind die Pfeiler, welche diese Kunst bedingt, um tich ganz entfalten zu können. Und tatsächlich ist der Schrei der Jugend in derselben Form — und gerade unsrer jüdischen Jugend, die wir die Menschenschicksale doppelt und dreifach empfinden, als Juden und zugleich als Glieder der großen Masse. Wenn Europa blutet, so blutet die Jugend als Europäer mit, aber zugleich blutet auch das europäische Judentum, und das Judentum kann es noch weniger vertragen, da es speziell bei uns in Deutschland durch Taufe, Mischehe und ähnliche Begleiterscheinungen ohnehin sehr geschwächt ist und jede Wunde, jeder Verlust doppelt schmerzlich und fühlbar ist. So ist es zu verstehen, daß gerade die jüdische Jugend die Intensität der Zeit erfaßt hat und der Kampf unter der fast gleichen Devise lautet, wie der Kampf der Kunst. Beide, Kunst wie Jugend, geben und empfinden nicht mehr die leichte Erregung, nicht nur nackte Tatsachen, nicht mehr dekorative Arbeit, sondern behaupten! Die große Musik eines Dichters sind seine — Menschen. Mensch im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht, das heroische Format, das nur zum Dekorativen führte, nicht nur der sogenannte „noch guter Jude", sondern groß in dem Sinne, daß ihr Dasein, ihr Erleben teil hat an dem großen Dasein des Himmels und des Bodens, daß ihr Herz, allem Geschehen verschwistert, im gleichen Rhythmus wie die Welt schlägt. So wird der ganze Raum der Kunst, der ganze Raum der Jugend — Ideal, Vision —. Hier gibt es keine Zusammenhänge mehr, die das Bild des f Menschlichen verschleiern, keine Tragödien, die als Zusammenprall von Konvention und Freiheitsbedürfnis entstehen, keine Puppen, die, an den Drähten psychologischer Weltanschauungen hängend, mit Gesetzen, Irrungen und Lastern, dieses von Menscrren gemachten und kostümierten Gesellschaftsdaseins spielen, lachen und leiden, sondern der einfache, schlichte Mensch mit dem Ausdruck seines Innern. Seine Liebe ist darum inniger, seine Freundschaft wahrer, seine Treue echter und sein Temperament heißer. In der Entwicklung der Kunst dieser Epoche wirkten und wirken Fritz von Unruh („Geschlecht" I II, „Platz", „Prinz Ferdinand von Preußen", Gedichte usw.), Walter Hasenclever (..Sohn", „Antigone", Gedichte), Alfred Brust („Der Tag des Zorns", „Der Zweite"), Goehring („Seeschlacht") und Bronnen („Ostpolzug", „Rheinische Rebellen"). ""Nicht Kritik will ich üben, sondern: Wenn ich die Bilanz der positiven Arbeit mache, komme ich zu folgendem Ergebnis: Da die Zahl der Mitläufer in der künstlerischen Entwicklung Sehr groß ist und darin auch sehr viel Kitsch geliefert ist, so daß die positive Arbeit noch sehr gering ist, taucht natürlicherweise eine Frage auf, die Sie siehe/lieh von mir beantwortet haben möchten, nämlich, ob diese Strömung eine richtige ist und ob sie sich durchsetzen wird? — Ja, das kann ich wirklich nicht sajjen. . Nicht nur ich nichi.-C'sondern selbst der größte Kunsthistoriker nicht, denn man kann doch die Idee" einer Bewegung billigen, braucht aber immer noch nicht die Art der Ausführung und die vollbrachte Arbeit zu würdigen. — Ich kann nur sagen, die Idee ist gut, nur fehlen die Geister, um die Genies dieser Idee zur Blüte zu verhelfen. — Es tasten einige Künstler wohl mit inniger Lehcrzeugung in dieser Strömung herum. — Manche sind ganz r.ahe daran, aber garmanchcr schweift immer mehr ab. Einige namhafte Dichter bemühen sich sogar, eine Brücke zwischen dem Expressionismus und dem Impressionismus zu schlagen, Und es ist ihnen auch zum Teil gelungen. Das sind Gerhart Hauptmann in seinem Werk „Der weiße Heiland", Arnold Zweig in „Die Sendung Semaels" und Richard Beer-Hofmann' in seinem „Jaakobs Traum". Ebenso ist es mit eVr Entwicklung der Jugend. Sie muH unsre Lebensaufgabe sein, denn von der Entwicklung der heutigen jüdischen Jugend in Deutschland hängt die Existenzfrage des deutschen Judentums ab. Wenn unsre Jugend nicht darin gestärkt und gefestigt wird, daß jüdisches Denken, jüdische Tradition und jüdisches Schaffen ihre selbstverständliche Pflicht ist, führt die Mischehe und führen die statistisch nachgewiesenen enormen Austritte aus dem Judentum zu einer Auflösung des deutschen Judentums, in welchem nur eine kleine Anzahl Märtyrer zurückbleibt. Die Jugend fühlt es und nimmt den Kampf auf, und selbst ohne übertriebenen Optimismus kann man sagen, daß der Odem der jüdischen Jugend nicht nur lebt, sondern belebt. Er belebt oft das Elternhaus, wo fast alles geschwunden war. Man muß also an die Entwicklung der Jugend glauben, nur fehlen auch hier, wie in der Entwicklung der Kunst, die Genies, die Talente, die Führer. Es wird daher auf der Tagung in Düsseldorf die Hauptaufgabe sein, fähige Führer in den Vorstand zu wählen, denn auch hier, wie in der Kunst, handelt es sich für mich um einen egoistischen Punkt: „Haben Sie gefälligst Talent? — Sind Sie begabt dazu?" Entsprechen die Mandatare den Ansprüchen, so ist es mir völlig gleich, welcher Richtung innerhalb des Judentums der Führer angehört, wenn er gelobt, die Führung der Jugendvereine weiter neutral zu leiten. Ebenso, wie mir jedes Kunstwerk willkommen ist, gleichviel ob es expressionistisch, impressionistisch, futuristisch oder gar dadaistisch ist. Nur muß es wahre, positive Arbeit sein, im Sinne eines echten Kunstwerks. Eine gesunde Idee, kein morscher Aufbau, sondern eine Steigerung vom Positiv zum Superlativ. Da niemand die Stärke der Begabung dieser schaffenden Künstler übersehen kann, so wäre es unklug und voreilig, wollte man die Frage der Existenz der jungen Kunst bejahen oder verneinen. Nur muß die Jugend solche Epoche, die wir miterleben und deren Geschichte wir machen, nicht einfach vorüberziehen lassen, ohne sich mit dieser Bewegung näher zu befassen und intensiv zu studieren, welche Vor- und Nachteile der Kunst in unserm Geiste entstehen können. Leider ist bei unsrer heutigen Jugend das Urteil in künstlerischen Dingen zu früh „reif" geworden. Das kindlich naive Gemüt, die rege Phantasie, das knabenhafte Erleben hat durch den Ernst der Zeit bedenklich gelitten, so daß man — ich meine speziell im Sinne Jugend zu Kunst — eine Jugend ohne Jugend hat. Wie waren sie doch schön, die Stunden, wo man im Theater für 40 Pfennig die Galerie stürmte, und unermüdlich, stundenlang spannend den schönen Worten unsrer Meister lauschte, begeistert und aufgepeitscht aus dem Theater kam, wie von einem großen Erleben, mit Gedanken gefüllt, mit Ideen, die man dann zu verwirklichen Suchte, ja, jung und schwärmend im Erleben. Aber heute — — mit dem Vorsatz des kritischen Beobachters, des abgeklärten Theaterroutiniers, sieht man Liebesschicksale,' Lebensfragen, Probleme auf den Brettern, die die Welt bedeuten, vor sich abrollen. Man sieht sie, aber erlebt sie nicht. Soll das auf Intensitätsmangel der schaffenden Künstler zurückzuführen sein? Nein. --Ich kenne Beispiele, und darum ist es zu begrüßen und lobenswert, daß.sich in Düsseldorf eine känstlerische Gruppe gebildet hat, mit Sprechchor usw., um die Jugend zur Kunst, zur wahren T geisterung wachzurufen, denn Jugend und Kunst sind untrennbar. Das reine, kindlich naive Erleben muß geweckt werden, und das ist es, was unser großer Dichter Richard Beer-Hofmann in „Jaakobs Traum" unserm Stammvater Jakob sagen läßt: Als der mürbe und gedrückte Sklave Idnibaal zu ihm sagt für all sein Mitleid und Verstehen: „Wer bist du, noch so jung, im Reichtum geboren, und dennoch alles verstehend, alles fassend?" erwidert Jaakob schlicht: „Ein Knabe bin ich, der, fürchte ich, nie aufhören wird — Knabe zu sein." Denkt an die Fördererliste des Verbandes! — 2 —