Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (8.4.1926)
- Date
- 1926-04-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sehr geehrter Herr Dr. ich danke Ihnen für Ihren ausführlichen Brief. Es freut mich, daß der Verband so eingestellt ist, wie ich es gern wollte. Aber ich glaube, daß die Ansicht über Neutralität, die Sie mir mitteilten, nur die der Verbandsleitung ist. Der Verband, die vielen Menschen, die ihm angehören, haben durchweg eine andre Meinung von Neutralität. Nicht nur in Essen ist es so, ich habe mich genau informiert, fast überall. Wissen Sie, Herr Dr., der Durchschnitt der Jugend ist faul, richtig fauL Warum auch nicht, es wird ihr ja so leicht gemacht. — Der Jugendverein ist eine willkommene Einrichtung, weil man sich in ihm ausruhen kann vom Kampf des Alltags, weil er „neutral" (in deren Sinne) — weil dort einem 'die jüdische Bildung so richtig wie im Schlaraffenland zugeilogen kommt. Ein Arbeits-, ein Kampfwille ist nicht da. Mit den Dingen, die dort angeregt werden, beschäftigt man sich nur so lange, wie man in der Sitzung bzw. Heimabend ist. — Aus demselben Grunde, aus Gemütlichkeit scheut man sich vor jüdisch-politischen Auseinandersetzungen. Vielleicht konnte man von einer Richtung überzeugt werden, die gegen die Gesellschaft, gegen das Gehen in ausgetretenen Pfaden, gegen die Gemütlichkeit ist. Liegt es nun an dem Führer, der seine rrichlige Meinung nicht durchbringen kann? Will man vielleicht diese richtige Meinung, die nur ein Gut des Führers ist, nicht durchbringen, da dann der Jugendverein nicht mehr für die Masse, sondern für Persönlichkeiten sein wird. Im Verein geht es viel zu fein zu. Angreifen muß man diese Leute, die sich in ihm weiter zu Spießbürgern entwickeln, daß sie wanken. Nicht kraß genug kann man ihnen ihre Lage vor Augen führen, sie rütteln, angrcifenl Wenn das nicht bchagt, laßt ihn fallen auf dem Wege zur Persönlichkeit. Herr Doktor, daß Sie dem Gcfühlsmomcnt gar keine Berechtigung im Judentum zulassen, das verstehe ich nicht. — Es gibt neben Verstand etwas, Herr Doktor, das werden Sie nicht abstreiten, was den Menschen bestimmt, ihn führt, und von dem er sich sogar führen lassen darf. Ob wir es Herz, ob wir es göttliche Stimme, ob wir es Gefühl nennen, es ist etwas da. Und dieses Etwas hat seine Berechtigung, da zu sein. Glauben Sie, Herr Doktor, daß ein unreligiöser Mensch kein Jude sein kann? — Ich kann es sein. Ich fühle mich als Jude, ob man es mir erlaubt oder nicht. — Warum Unklarheit? Ich bin eben Nationaljude. Wie viele Menschen würden ob ihrer Unreligiösität, und ob ihrer doch stark empfundenen Zugehörigkeit zu diesem Schluß kommen? Wenn Sie es für richtig halten, veröffentlichen Sie bitte auch diesen Brief. Mit herzlichem Gruß Ihr M. R. ✓ Lieber Freund! Ihren Brief kann ich nicht ohne Erwiderung lassen, weil er Unrichtigkeiten enthält, die ich unmöglich unbeantwortet lassen kann. Sie haben also wirklich die Parteibrille! Zunächst einmajl Sie sagen, Sie hätten sich genau informiert. Mit Verlaub, w viele unserer 120 Vereine und unserer vielen Tausende Mi; glieder kennen Sie denn? Wie viele unserer Führer haben S gesprochen? Bestimmt nicht so viele, daß Sie mit Recht b<: haupten könnten, meine Ansicht über Neutralität sei nur d der Verbandsleitung und fast überall hätten die Menschen im Verbände eine andere Meinung darüber. Ich behaupte, nach meiner langjährigen Erfahrung und meiner persönlichen Kenntnis einer sehr großen Anzahl der Vereine das Gegenteil: Das Wollen des Verbandes ist durch die intensive Arbeit der Führer den meisten in Fleisch und Blut übergegangen. Ihre Frage, woran es liege, daß die Meinung der Führer nicht durchdringe; zu beantworten, erübrigt sich dadurch. Daß es überall, in jeder Bewegung, Menschen und ganze Teile gibt, die die Intentionen der Führer mißverstehen, i->t eine Binsenwahrheit. Daß wir etwa wollten, daß unsere Meinung nicht durchdringe aus irgendeinem Grunde, ist eine Vermutung, die ich entrüstet zurückweisen muß. Sie machen sich wohl nicht klar, daß Sie damit den Vorwurf der Unwahrhaftigkeit gegen uns erheben! — Ich muß immer wieder betonen, Ihre Vorwürfe, die, Sic von Ihrem bißchen Erfahrung aus erheben, treffen nicht allgemein zu und verpuffen deshalb. Ich kenne im Verband sehr viel Jugend, die nicht faul ist, die nicht in ausgetretenen Pfaden geht, sondern sucht und ringt. Ihren Angriff gegen die „Gesellschaft" nehme ich Ihnen nicht übel, er gefällt mir, er paßt zur gärenden Jugend: Aber glauben Sie nicht, daß unter denen, die Sie Spießer nennen, nicht so manche feine, innerlich starke Persönlichkeit ist, die vielleicht auch einmal so war, wie Sie jetzt? Diese schönen Jahre gehen, ach so schnell, vorüber, wir haben sie alle erlebt. Darum dürfen wir aber die nicht verachten, die älter geworden sind. Nun aber zu dem letzten und wichtigen. Wo habe ich behauptet, daß das Gefühlsmoment gar keine Berechtigung im Judentum habe? Ich habe von „vagen Gefühlen" gesprochen, von unbestimmten Gefühlen, die jedes Wissen ausschließen, wie es bei Ihnen z. B. In bezug auf Judentum der Fall ist. Sie sagen selbst, Sie kennen die religiöse Seite des Judentumsnicht, wahrscheinlich wissen Sie überhaupt wenig vom Judentum. Wenn Sie sich so stark zugehörig fühlen, müßte da nicht die notwendige Konsequenz sein, möglichst das Ganze kennen zu lernen? Sie nennen unsere Jugend faul; ist da nicht auch bei Ihnen eine gewisse Bequemlichkeit vorhanden? Haben Sic einmal sich wirklich klar gemacht, warum Sie Nationaljude sind? Ob Sie damit Ihr Judesein erschöpft haben? Aber das sind Dinge, die man brieflich nicht erledigen kann. Vielleicht ist es möglich, daß wir uns gelegentlich aussprechen. Möglich, daß wir dann einmal feststellen, auf welcher Seite das stärkere, tiefere Gefühl ist. Mit herzlichem Gruß Ihr S. K. Zum Wochenabschnitt Schemini Von Rabbiner Dr. Klein, Düsseldorf. Im Mittelpunkt des Thoraabschnittes, den wir in dieser Woche lesen, steht neben der Schilderung des ersten feierlichen Gottesdienstes in dem vollendeten Stiftszelt der er» schütternde Bericht von dem plötzlichen Tode der beiden Söhne des Hohepriestcrs Aharon, Nadab und Abihu. In jugendlichem Feuer, von dem Eindruck der Stunde fortgerissen, „ergriffen sie ein jeglicher seine Rauchpfanne, taten Feuer hinein, legten Räucherwerk darauf und brachten vor Gott fremdes Feuer, daß Gott ihnen nicht geboten. Da ging Feuer aus vor dem Angesichte Gottes und verzehrte sie, und sie starben vor Gotf. Wahrlich, ein furchtbares und zunächst unbegreifliches Ereignis. War nicht die Tat der Jünglinge aus frommem Herzen heraus geboren und in der besten Absicht vollführt? Wer könnte wohl diese Tat besser begreifen' als gerade Vnsre Jugend, die in jugendlichem Ueberschwang, ohne nach Irgendwelchen Bindungen zu fragen, allein dem Zuge ihres Herzens folgend, ihren Weg gehen will. Aus dieser Erzith Iung lernen wir den Kern jüdischer Anschauung klar erkennen. Das Judentum verlangt von seinen Bckcnnern unbedingte Einordnung und strengste Unterwerfung unter das lückenlose Gefüge, das ihm gegeben. Die Söhne Aharons brachten „fremdes Feuer" dar, darum vergingen sie sich aufs schwerste gegen den Geist des göttlichen Gesetzes. Das muß uns beständig die Richtschnur für unfer Handeln als Juden sein, daß wir nicht fremdes Feuer, das unserm Judentum und unserm Menschentum fremd ist, unserm Tun zugrunde legen. Das höchste Gesetz müßte gerade für unsr« Jugend das soziale Empfinden, d. h. der beständige Gedanke an die Erfordernisse der Gemeinschaft sein. Deshalb ergeht immet wieder der Ruf an unsre jungen Freunde: Lernt die Grund» lagen eures Judentums kennen, nur dann könnt ihr wahrhaft jüdisch fühlen und handeln und euch hüten vor fremdem Feuer, das euch verzehrt, wie Aharons Söhne. — 3 —