Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (8.4.1926)
- Date
- 1926-04-08
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ä'aruro soll ein junges jüdisches Gemeindemitglied nicht vertraut gemacht werden mit den Satzungen seiner Synagogengemeindc? Warum soll er den Haushaltsplan seiner Gemeinde nicht kennen lernen? Warum soll er nicht erfahren, was im jüdischen Gemeinde Parlament beschlossen worden ist? Er hat -ein Recht dazu, über alle diese Dinge Aufschluß" zu erhalten; denn er ist auch ein Steuerzahler — oder wird einer werden. Gerade solche Vortrage über die verschiedensten Gemeindeangelegcnheiten werden bei den Mitgliedern der jüdischen Jrgcndvereine auf fruchtbaren Boden fallen. In der Aussprache werden die Herren erfahren, was die jungen Menschen auf dem Herzen haben, sie werden -aber auch die freudige Erfahrung machen, daß in diesen werdenden Menschen ein großes Interesse für die jüdische Gemeinschaft schlummert. Dieses Interesse zu wecken, ist des Schweißes der Edelsten wert. Das Gebiet der jüdischen Gemeindepolitik ist noch Oediar.d. Dieses Oedlard fruchtbar zu machen, muß die Aufgabe aller in Erage kommenden Körperschaften sein. Ein* Gemeindeleben kann nur blühen und gedeihen, wenn in die Herzen der Mitglieder Liebe zur Gemeinde gesät wird, wo solche Liebe fehlt, da kann man nur von einem Vegetieren sprechen. Nur durch die freudige Anteilnahme aller Gemcindemitgfreder am Gemcindeloben wird ein neuer Gemeindegeist geschaffen. Ist er nicht da. ..dann, jüdische Jugend, schaff dir ihn' 1 Ein Briefwechsel Aus der umfangreichen Korrespondenz, die wir nicht allein offiziell mit Vereinen, sondern erfreulicherweise .1 :ch mit einzelnen Freunden zu führen haben, veröffentlichen wir nachstehend den Briefwechsel mit einem Schiller, der prinzipielle Fragen behandelt und deshalb sicherlich für weitere Kreise Interesse hat. Wir hoffen, . dadurch für viele Anregung und Stoff zu Nachdenken und Aussprache zu geben. Die Schriftleitung. Dauernd lesen wir in unserem.Blatt Aufsätze über neutrale Erziehung, über Neutralität und deren Einfluß auf die Erziehung, und noch nie las ich einen Aufsalz, in dem irgendwie die Jugend, das zu erziehende Objekt, näher behandelt wurde. Ich konnte dadurch zu dem Schluß kommen: entweder kennt ihr, die ihr uns erziehen wollt, uns noch nicht genau, oder es ist etwas bei der neutralen Erziehung, über das ihr euch nicht gern auslasset. — Ich bin selbst noch einer von jenen, an denen ihr eure Erziehung üben wollt, und gerade deshalb fühle ich in mir das Verlangen, euch die Gedanken fühlen zu lassen, mit denen wir uns beschäftigen, und die doch auch regen Anteil haben an den Fragen, die augenblicklich im Bund so akut sind. Wenn ich in den Bund eintrete, als 13jähriger Junge, nehmen wir an als Junge aus einem Milieu, das wir schlechthin judisch nennen, wcü es eben so heißt, so merke ich auf einmal etwas, was mich zieht, was mich hält und nicht los läßt, ich fühle, es bindet mich mit diesen Menschen etwas, es bindet mich mehr mit ihnen, als es mich bisher mit m6inen christlichen Kameraden band. Ich fühle es deutlich. Und das Gefühl der Zusammengehörigkeit wird so stark, so kraß erkenne ich meine Wandlung gegen früher, daß die Frage in mir laut wird: Was ist es, was mich bei euch-»hält? — Die Religion? — Ich kenne sie kaum, Was ist es? — Ich merke: Im Bund sucht man mich zu bilden, trägt man an mich Kultur, weckt man in mir Interesse an allen jüdischen Dingen. Ich misse nur eins. Ich weiß, es gibt Parteien unter uns Juden. Ich weiß nicht genau, warum sie sich bekämpfen. Da gibt es sogenannte C. V.cr — Zionistcn — und der Kampf tobt hart über uns, neben uns. Wir fühlen ihn, sehen, wie unsere Führer sich, dabei betätigen. — ■ L'nd wir merken: Ihr» die ihr uns möglichst allseitig jüdisch bilden wollt, haltet uns bewußt fern von der Politik. Und wir merken: Es ist so etwas wie eine verbotene Frucht. Und wir lugen heimlich unter den Scheuklappen nach links und rechts und sehen, was sich dort abspielt. Sehen, daß es Juden gibt (unter Juden verstehe ich alle Leute, zu denen ich mich durch, jenes Gefühl hingezogen fühle), daß es Juden gibt, die verneinen, daß uns etwas anderes bindet als Religion, daß es Juden gibt, die da kSmpfcn um eine Heimat in Palästina. Und wir fragen uns: Warum macht man uns nicht mjt diesen Dingen bekannt? — Ist die Politik selbst verwerflich? — Nein, unsere Führer beschäftigen sich mit ihr. Ist sie also gut, warum trägt man sie nicht zu uns? — Und wir beschäftigen uns damit, diese Fragen zu lösen, und haben doch Furcht, diesen unseren Kampf in den Bund zu tragen, weil wir es nicht dürien. — Weil der Bund „neutral'- ist. — Gierig saugen wir alles auf, was wir über die Politik hören von Menschen, die unseren Kampf kennen und ihn ausnutzen, um uns iür ihre Partei zu gewinnen. Wer bei uns den stärksten oder auch nur den ersten Eindruck hinterläßt, wer uns zuerst in seinen Parteitaumel, in diesen gemachten Wahn zieht, gewinnt uns. — Und aus den Scheuklappen, die ihr uns anlegtet, wird ein — 2 Gefängnis, aus dem wir nur aus einer Luke nach einer Richtung schauen können. — Und ihr lehrtet uns, unserer Uebcrzcugung zu leben. Aber man kam euch zuvor, riß uns in einen Taumel. — Wir glauben, überzeugt zu sein, wo wir nur betäubt sind. Der Taumel reißt uns mit, bis wir eines Tages gehandelt haben, erwachen, unglücklich sind. Doch ich habe schon mehr als von der Bewegung der Jugend gesprochen. Ich habe schon gesagt, wohin es führt, wenn ihr, neutrale Erzieher, im Punkte Neutralität anfangt, politisch zu werden und danach handelt: Laßt sie sich nur allein die Finger an dem heißen Ding verbrennen, uns ist es noch selbst zu heiß, um es richtig anzufassen. — Herzlichen Gruß R. Lieber Freund! Ihr Aufsatz, den ich soeben erhielt, hat mich sehr interessiert, und ich würde ihn gern abdrucken, wenn unser Verband so eingestellt wäre, wie Sie ihn schildern. Denn dann wäre ich ganz Ihrer Meinung, und mit ihr ^lle Führer des Verbandes, so aber rennen sie offene Türen ein. Der unglückliche Ausdruck „neutral", den wir gar nicht füliren, und den man uns im Sinne, wie sie ihn schildern, anhängt, wäre längst gcärv'.-'t, wenn man das, was wir wollen, mit einem treffenden deutschen Ausdruck kurz widergeben könnte. Es scheint auch, als ob man in rückständiger Weise unsere Tendenz bei Ihnen so auffasse, als ob wir neutrale Menschen mit Scheuklappen erzielen wollen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Neutral soll der Boden sein, auf dem wir uns befinden. Parlcierziehur.g mit Scheuklappen, ist das, was wir bekämpfen. Frei und nach jeder Richtung hin wollen wir uns das Judentum erarbeiten, wodurch allein eine Persönlichkeit erzogen werden kann. Wenn ein Verein die Neutralität so auffaßt, daß irgend etwas zum Judentum gehört, also auch die Kenntnis des Parteiwesens, ausgeschaltet wird, so arbeitet er nicht in unserem Sinne. Wir befinden uns damit auf urjüdischem Boden, denn vage Gefühle, ohne den festen Untergrund wirklichen Wissens, hat das Judentum nie gutgeheißen. Wenn Sie z. B. die religiöse Seite des Judentums nicht kennen, haben sie, nach jüdischer Auffassung kein Recht, sich zu entscheiden. Ebensowenig, wenn sie nicht wissen, warum sich die Parteien bekämpfen. Da gilt es zuerst, sich nach allen Seiten hin zu orientieren, uni gerüstet sich entscheiden zu können. Was würden Sie z. B. zu einem Arzt sagen, der seinen Beruf ausübt, ehe er den ganzen Komplex seines Faches beherrscht? Warum soll es auf jüdischem Gebiet anders sein? — Politik ist ein heiliges, aber gefährliches Ding. Wer sich unvorbereitet hineinbegibt, den macht sie kurzsichtig und fanatisch. Deshalb arbeiten wir für unseren Verband, der uns in seiner „Neutralität", so •wie wir sie auffassen, heilig ist. Nach Ihren Ausführungen müßten Sic mich verstehen, wenn Sie nicht schon mit den Scheuklappen der Partei vorzeitig versehen sind. Wenn im Verein richtig gearbeitet wird, brauchen wir die Arbeit der Parteien nicht zu fürchten, die, wie Sie richtig sagen, die Jugend in einen Taumel reißt und sie betäubt. Also, um zum Schluß zu kommen: Ihr Artikel paßt wahrscheinlich auf Ihren Verein, was ich bedauern würde, aber nicht auf das, was der Verband wilL Es wäre deshalb richtig, das, vas Sie da ausführen, Ihrem Verein zu sagen. Ich unterstreiche das meiste davon. Ich würde mich freuen, von Ihnen eine Antwort zu erhalten und bin mit herzlichen VerbandsgrüBen S. K.