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Der Jugendbund · 1926-03-25 · 4 (25.3.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
4 (25.3.1926)
Date
1926-03-25
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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Und die Kehrseite? Beilüden solche Einrichtungen, die es iVn jüdischen Studertten ermöglichten, rituell zu leben, die, der wirtschaftlichen No! der Studierenden Rechnung tragend, für wenig Geld ein kräiiiges Essen verabfolgten, dann konnte man atsch ern .th^ft hofien, die Abscitsstchenden heranzuziehen. ,Die'c Einrichtung, die, rein äußerlich gesehen, äußerliche Zwecke verfolgt,- könnte, tiefer betrachtet, jüdischen Interessen un„ch.!uer dienlich sein. Denn jene Tatsache, daß selbst in kleineren Universitäten viele jüdisch« Studenten kaum AI inrifä haben umihren jüdischen Kommilitonen, wo viele »ici absichtlich von jüdischen Dingen, fernhalten und ganz im anderen Lager aufgehen, gibt zu Bedenken Anlaß. Aber durch die jüdischen Mensen erhalt man die jüdischen Studenten dem Judentum und gewinnt die Flauen wieder für jüdisches Leben. Es ist eigentlich eine so selbstverständliche Pflicht der jüdischen Organisationen, solche jüdischen Studententische zu gründen, daß es fast müßig ist, ihre Notwendigkeit noch lange begründen zu müssen. Man sagt gewöhnlich: „'Wo Notwendigkeit, dn ist nur ein Schritt zur Wirklichkeit." Die Notwendigkeit ist brennend genug — — die Wirklichkeit?! Jünirerenarbeit Von Walter Ho Die Haitptursaehc der Krisis. in der sich die jüdische Jugendricv. cgung in Hcvtschland befindet, ist die des Mangels an Nachwuchs. Aber alle Bemühurg..n, um aus dieser Krimis herauszukönnen, werden Min keinem oder nur von Augenblicks» rfrt!« sein, wenn man nicht auf die Ursache eingeht. ' Wieso werden die Jüngeren bis zu 13 Jahren <<t ni'-ht oder nur zu geringem Teil von den jüdischen Jugendbünden, sowohl den politischen als auch den nc itralen, erfaßt? Der Hauptgrund ist meiner .Meinung nach der, daß die Bünde einerseits zu «ehr problematisch eingestellt sind, andererseits zu sehr von mechanischen, technischen Arbeiten belastet sind, und kaum noch eingehen auf das Interesse der Jüngeren. Die politischen Jrgendbündc sind zu technischen Hilfstruppen der entspreche..iicn Organisationen geworden, und durch diese Belastung mit technischer Arbeit ist das Krzichun'Kwerk bei ihnen vollkommen vernachlässigt worden. Sodann beschäftigt' man sich mit Problemen, die den Jüngeren vollkommen fernliegen.' deren Erörterung sie uninteressiert läßt und von dem GnippcnlcScn abschreckt. Auch sehr viele neutrale Bünde sind zu Dehattic rkbihs und Gcselligkeitsvereine geworden, v.r.d \ crnachla- 'igen ihre wichtigste Aulgabe, die Jüngerenerzichung. Zur Abhilfe des N'achwuchsm.ingels muß man aber wieder -Gruppen »cha'fn. die dem Leben der Jüngeren entsprechen. Die Richte:..< die Curt Friedmann in seinem Artikel über dieses Thema im Januarheft zeigt, geht von einem falschen Standpunkte aus. Sie basiert auf der Stellung des Erwachsenen zum Kind. Wohl dürfen die Gruppen keine ..Einstellung'' haben, wenn mar. darunter eine politische Festlegung versteht (was aber natürlich nicht die „politische Erziehung'' ausschließt). Sie müssen aber ausgehen von dem Leben und den Eähi;kcilen der Jüngeren, denn nur dann kann wirklich Erziehungsarbeit geleistet werden. Wir dürfen den Ir.'.ercssenkreis der Jüngeren nicht unberücksichtigt lassen, "sondern müssen denselben für unsere Arbeit zu verwerten suchen. Wir müssen eine Form finden, die ihren Neigungen und Wünschen-entgegenkommt und gleichzeitig erzieherisch wirkt. Wir dürfen aber nicht von der Einstellung der Schule ausgehen, in diesem Sinne keine „Ergänzung der Schule" schaffen. Denn diese drillt (wenigsten» n-->ch in ihrer heutigen Form) Kenntnisse den Jüngeren ein, während wir darauf ausgehen müssen, in ihnen den Wunsch zu erwecken, selber zu lernen. Wir dürfen sie r:cht vor dem Kino und der Schundliteratur „beschütze i.", sondern müssen ihnen etwas Besseres geben, daß, sie gar nicht mehr diese Dinge gebrauchen wollen. .. Was ist es denn, was sie ins Kino und zur Schundliteratur treibt? Nicht zum wenigsten ihr Hang zum Romantischen und ihr Trieb zt:m ,.S e I b s t m a c h c n". Denn alle ihre „Helden" können nur durch eigene Kraft ur.d eigenes Können al'.e Situationen beherrsche* Selbst etwas zu machen und die pri«r.::-.<,: '. e hältalsse herbeizuwünschen, in denen man auf die cini.-i. isten Mittel seiner eigenen Kraft verw iesen ist —, das bewegt jeden jungen Menschen, und gerade einen in der Stadt aufv. e^'.^endcrj, wenigstens eiaraaL . Aach diejudischen im Alter von zolin bis vierzehn, fünfzehn Jahr. .! ij.n aHe etwas hiervon, auch die, denen man es auf d?n ersten Bück nicht anmerkt, die schwerfällig und schwer.-.uü ' erscheinen. Jeder Jüngere von diesem Alter lebt in einer Wei', die immer etwas Märchenhaftes hat, die jedenfalls nicht die ..wirkliche Welt" Ut. Daher kommt sein Hang zu allem, «2s nicht alltäglich ist, daher seine Lust, zu „spielen ", bicli in '. ine Kalle hi.-.cmzudenkeo, oine sich dabei rn, Göthen (Anhalt). als Schauspieler vorzukommen. Sicherlich ist bei unseren Jungen alles, Akzent, Ideen, Ausmaß, anders als bei deutschen oder englischen Jungen. Aber auch für sie ist der Indianer, der Räuber usw. eine Wirklichkeit und kein Trugbild, über d.is man am Ende nur lächelt. Als Baden-Powell den Roy Scout schuf, halte er dieses allej erkannt, und auf diesen kindlichen Trieb sein Werk aufgebaut. Das Boy-Scout-Leben ist ein einziges Spiel. Das ist es überall, nicht nur in der Angleichung des Klubsystems an das Leben der Wölfe und des Dschungelbuches, nicht nur in den Spielen selbst. Ein Junge, der sich um das Abzeichen des Tischlers oder Bootsmannes bewirbt, wird dadurch doch nicht zum Handwerker oder Matrosen, sondern er zimmert sich seine eigene Welt, zu der er die Bausteine aus dem wirklichen Leben nimmt, wo immer es ihm gefällt. Nur weiß er, daß auch die eigene Welt richtig und festgebaut werden muß und nicht als schwebendes Gebilde in der Luft verschwimmen darf. Dauer das ernsthafte Verlangen, etwas wirklich zu lernen, um es zu können und zu gebrauchen, wozu er es will ... Es ist nur das Außerordentliche an der Dov. Scout-Bewegung, d-.ll der Rahmen, in dem sich ihr Leben „abspielt", immer von neuem praktische Möglichkeiten, Anregungen und Anstöße in großer Zshl bietet, die den Willen und die Phantasie eines jeden dazu drängen, sich um ganz bestimmte Fertigkeiten zu bemühen. Alles, wozu es einen Jungen zieht, erhält im Leben der Gruppe (Patrol). des „Troops" und der ganzen Scoutgemeinschaft einen deutlichen und deutlich sichtbaren Ort; alles, was er kann und weij, wird verwendet, alles, was er fühlt und empfindet, lebt sf:h aus. Daß auch wir Juden uns das Boy-Scout-System zunutze machen können, zeigen die jüdischen Scmiti?ruppen, die sich überall gebildet haben. In einem Aufsätze „Die Juden in der englischen Jugendbewegung'', von Dr. Brinnitzer*) wird darauf hingewiesen, daß diese Gründungen nicht durch einen Antisemitismus der übrigen Boy Scout bewirkt wurde, der ja ihrer Weltanschauung widerspricht, sondern durch die Besonderheiten des jüdischen Lebens i;nd der jüdischen Einstellung bedingt wurde. Auch in Deutschland hat sich vor ctw-.s länger als einem Jahr ein „Bund jüdischer Pfadfinder" gebildet, der sich stetig ausbreitet und selbst iu kleinen und kleinsten Gemeinden Fuß faßt. Denn das Boy-Scout-System braucht nicht die Resonanz eines städtischen Lebens, und kleine Gruppen von fünf bis sechs Menschen können schon gut arbeiten. Die Einheit der ganzen Scoutgemeinschaft, das Patrol, ist ja im Durchschnitt nie größer. Seine jüdische Aufgabe sieht der BJP. darin, Menschen zu erziehen, die auf Grund ihres jüdischen Wissens fähig sind, ihre jüdisch-politische Entscheidung zu treffen, nach welcher Richtung sie auch sich entwickelt haben. Der Berliner Jugendbund ist seit Oktober 1925 mit dem dortigen BJP. fusioniert auf der Grundlage, daß einerseits dem „Bund jüdischer Pfadfinder" alle Jugendarbeit überlassen bleibt, andererseits sämtliche Mitglieder des BJP, über sechzehn Jahren auch Mitglieder des JJB. werden und an dessen Veranstaltungen teilnehmen müssen. Wir müssen unsere Jüngcrcnarbeit umstellen, müssen sie „verjüngen" und auf den vorher entwickelten Grundlagen aufbauen. Dann wird es uns vielleicht gelingen, die jüdische Jugend wieder in größerem Umfange in unseren Kreis hineinzuziehen und das zu schaffen, wofür eine Stetigkeit unserer Arbeit nötig ist, nämlich: Nachwuchs! *) In Nr. 5 der „JüdUchcn Zeitung für Ostdeutschland" vom 29. Januar 1926 (Dresden). — 12 —

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