Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 4 (25.3.1926)
- Date
- 1926-03-25
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492456-6352473-6352477--0057-4928269- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
daß man sich einmal mit den Grundprinzipien der Demokratie und des demokratischen Staates auch nur beschäftigt. Unser verehrter Freund Dr. L 6 f f 1« r hat schon an anderer Stelle*) hochbeachtenswerte Ausführungen darüber gemacht, daB auch des Juden Seele dem Dienst am Staate offen stehen soll. Unser heutiges Deutschland ist eine Demokratie. Drum, jüdische Jugend, sei demokratisch sei sozial und arbeite tätig mit am Aufbau und Ausbau der deutschen demokratischen Republik, dann dienst du auch dem Fortschritt der Welt! Beherzigen wir die Worte Waller Rathenaus, welcher das Wesen der Demokratie in das Mahnwort kleidete: Weniger Rede — mehr Gedanken, Weniger Interessen — mehr Gemeinsinn, Weniger Wissen — mehr Vorteil, Weniger Zwiespalt — mehr Charakter!^ *) Februarheft 1925 von „Das junge Deutschland-. 3. 4«. Jüdischer Jugend Wille und Weg zum Staat. Ein Gesprach. Ebenfalls Gedanken zu dem Thema »Jüdische Jugend und Demokratie'4 Von Rabbiner Dr. Klein, Düsseldorf. L - Ein Blick in die Geschichte unserer Gemeinschaft: im alten Judenstaat wohl Monarchie, aber keine konservative, absolute, sondern zunächst Wahlmonarchie (siehe Bücher Samuel), geregelt durch die Institution der „Aeltesten", stark sozial beeinflußt später durch das Gesetz, das die Gleichheit aller Menschen erstrebte, den Begriff des Nächsten schuf, Achtung vor der Menschenwürde predigte, dem Armen ein Anrecht gab auf sein Existenzminimum (Feldeckc, Zehnter), dem Arbeiter seinen täglichen Lohn sicherte, Zins und Ausbeutung verbot. Gegen Auswüchse gingen große, furchtlose Männer, die man Propheten nennt, mit Einsetzung ihrer ganzen Persönlichkeit vor. Die Priester und Leviten sind keine bevorzugte Kaste, sondern Menschen ohne Besitz, denen außer den Zufluchtsstädten kein Land zugeteilt wurde, die von bestimmten Opferatficfccfl ihr Leben fristeten und sich ganz dein Diensie Gottes weihten. Die Frauen sind die „Priesterir.nen des Hauses" und hochgeehrt (vgl. die Stammütter, Mirjam, die Töchter Zclaphchads) zu den höchsten Stellen zugelassen (vgl. die Richterin Deborah, die Königinnen Athalja und Salome Alexandra, die gelehrte Beruria). Der Adel des Geistes ist der einzige Adel von aliersher in Israel. Der Prophet Arnos v/ar ein Rinderhirtc, wie Rabbi Akiba, die Geistesheroen des Talmud waren zumeist Handwerker. Bis heute gilt es in den Zentren starken jüdischen Lebens als ganz besondere Ehre, die Töchter mit Gelehrten zu verheiraten. — Und heute? Gewiß fehlt es in jüdischen Durchschnittskreisen vielfach an sozialem Verständnis, aber nur in solchen, die nur äußerlich jüdisch sind. Sie teilen das mit anderen eng-hür^e'Iichcn Kreisen. Sie sind so, nicht weil sie Juden, sondern trotzdem sie Juden sind. Die Besten sind wahlhaft sozial, und viele haben sich in allen Zeiten aufgeopfert für die Gemeinschaft, lsit es nötig, Beispiele zu nennen? D. Ein anderer Blick: Der Aufbau Palästinas. Man maj darüber denken, wie man will. Die Chaluzim sind junge Menschen, die höchste Achtung verdienen, sich aufopfern für eine Idee, für eine Gemeinschaft. S i e blicken sicherlich nicht herab auf den Araber. Chauvinismus wird nach Palästina getragen durch andere, nicht junge Menschen, durch verblendete Parteimenschen, die über der Partei ihr Judentum vergesse« haben. III. Warum stelle ich dies Eugen Roths Ausführungen gegenüber? Nicht um ihm in der fache zu widersprechen, sondern, um zu betonen, daß die jüdischen Durchschnitts-B»albattim nicht das Judentum verkörpern, daß wahrhafter Demokrat sein heißt w a Ii rhaftcrJude sein. Jude sein heißt Kämpfer «ein. Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit und — Menschentum. Kämpfer aber ist der satte Bürger nicht, wohl aber soll es die Jugend sein. IV. Darum hüte sich die Jugend davor, „alt" zu sein'und zu werden, die jüdische Jugend zumal. Unser Verband will den „Gemeinschaftsgedanken" pflegen. Er will in den Vereinen den— geistigen Kampf, der zu -wahrem Verständnis und zur wahren Persönlichkeitsbildung führt. Er verwirft das Phrascn^eklingel der Parteien, das in der Jugend die Meinung erweckt, schnell und mühelos sich die Weltanschauung Hilden zu können, ihr einen ungesunden Dünkel anerziehen, sie in f»(schein Stolz herabhlicken läßt auf Andersdenkende. Wir wollen arbeitende Menschen, die sich ihr« Anschauuni; erwerben, und darum Achtung haben vor anderen, mitfühlen mit ihnen und für sie schaffen. Ist es im Verbände vielfach noch nicht so, so setz' eure ganze Kraft ein, daß es so werde. Versteht euer Judentum, so werdet ihr dem Vaterlande und der Men c ' cit dienen, ver- < steht die Idee des Verbandes, dann werdet ihr Juden .sein! Jüdische Mensen in Mittelgemeinden Von Stud. W. S t Herr Rabbiner Dr. Auerbach, Göttingen, sendet uns nachfolgende Ausführungen eines jungen Studenten zu. Er bemerkt dazu: „Die hier behandelte Frage erscheint mir für die Zukunft der deutschen Jndenhcit außerordentlich bedeutungsvoll, und der Jugendbund sollte nicht eher ruhen, als bis eine Lösung gefunden, deren Fehlen bereits verhängnisvoll gewirkt. Sie ist ohne Zweifel bei gutem Willen und bei Zurückstellung vieler weniger wichtiger Aufgaben, die jedoch Unsummen verschlingen, unschwer möglich." Jene einmal von Herrn Rabbiner Dr. Auerbach im Israel. Familienblatt angeregte Frage ist denn doch zu wichtig und grundsätzlich, als daß die Diskussion darüber abgetan wäre. Die Not der Stunde zwingt dazu, verschiedenen jüdischen Organisationen den Vorwurf einer ungeheuren Kurzsichtigkeit zu machen, die da ihre Aufgabe in sozialer Hilfeleistung an einzelnen Bedürftigen und in politischer Aufklärungsarbeit erfüllt sehen. Man vergißt über jene — zugestandenermaßen notwendigen — Dinge das Nächstliegendsle: Ueber den Abwehrkampf die Aufbauarbeit I Man richtet sich mit allen zu Gebote stehenden geldlichen und geistigen Mitteln an Nichtjuden, um sie aus ihrer Kampfstellung gegen uns herauszubringen; ist es denn da, so frage ich laut und deutlich, nicht mindestens ebenso wichtig, zunächst einmal jene Juden, die ihrem Judentum aus Gründen der Bequemlichkeit untreu geworden sind, ans ihrer Dumpfheit herauszureißen und alle die, die aus Verstandesgründen sich abwandten, im Judentum nur eine „leere Formenwelt" oder „ein antikes Denkgebäude" e r n, Güttingen. sehen, mitzureißen im Strome des lebendigen Judentums! Jene Skeptiker und jene Interessenlosen, die sich in so großer Zahl gerade in der geistigen Schicht, in studentischen Kreisen finden, gilt es für unsere Gemeinschaft wiederzugewinnen, denn die Erziehung des jüdischen Akademikers, der nun einmal in Dingen des Geistes sowohl wie in Dingen der Mentalität „tonangebend" ist, wächst sich immer mehr zu einer Lebensfrage für das Judentum aus. Gelingt es, den jungen jüdischen Studenten eine ticfverwjrzcltc Liebe für jüdische Dinge einzuflößen, so braucht man um die Zukunft des Judentums nicht zu bangen. Doch die traurige Erfahrung versetzt uns einen Fau.(schlag ins Gesichtl Nicht, daß man es in den kleineren Universitätsstädten seitens der jüdischen Körperschaften versäumt, die jüdischen Studenten in dieser Hinsicht zu umwerben, ist das so arg Niederschmetternde, man stößt, so unglaublich das auch klingen mag. die in Treue an jüdischen Lebensgewohnheiten Hängenden zurück, man wehrt ihnen geradezu die Ausübung ihrer religiösen Wünsche. Kann man es denn anders benennen, wenn man all die, denen rituelle Haushaltung Herzenssache ist, dazu verleitet, ihren Gewohnheiten zu entsagen, es ihnen unmöglich macht, ihre religiösen Pflichten zu erfüllen! Mit dem Aufgeben der Speisegesetze beginnt meistens die Verfiachung in jüdischen Dingen, und leider allzu oft hat uns die Er* fahrung gezeigt, wie erschreckend rasch der Weg dann abwärts führt. Will man sich noch länger dieser Erkenntnis verschließen, sich noch länger dieses ungeheuren Leichtsinns schuldig machen? — 11 —