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Der Jugendbund · 1926-03-25 · 4 (25.3.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
4 (25.3.1926)
Date
1926-03-25
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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und brachten es bei mancher Gelegenheit zum Ausdruck. Hier und da führte der entartete Familier.stolz zur'Herrschsucht, zur falschen Auffassung vom Sinn der Gemeinschaft, und die familienehre wurde zu einer Krankheit nrid Verbitterung, die die FrcuJe am Gemeinwesen verkümmerte. Es cntstarden Fkoulicofehdcn, ewige Feindschaften werfen wirklicher oder vermeiater Verl izurg der Familienehrc. Man schaute, manchmal mit Unrecht, von oben herab auf neue Elemente, und lieli s:a tretz a'.len ehrlichen Strebens nicht aufkommen. I i ronderte sich ab und hielt sich reserviert, um nicht mit den niedrigen Stufen in Berührung zu kommen Dies« Auswüchse nützten der eigenen Familie rieht und schadeten der Ertwicklung der großen Ccmeirsch.-.ft. Das sind Schattenseiten, die otit-jedem Adeisge'bilde verbunden sind. AI r >cn die-em Familien stolz ging eine Kraft aus, die der QesanUheit zum Segen gereichte. Denn der höchste Stolz war, durch wiss.. "schaftliches und gemeinn:r.z:j!es Wirkeberühmt au werden und der Familie zürn Ruhme zu gereichen. Und hinter der Eitelkeit stand meistens ein gesunder Idealismus. Dieser Fanrlienlolz lohte in-drfn jüdischen Reihen, freilich nicht immer, in derselben Form, bis in die letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts hinein, und die jüdische Geschichte hat ihm viei zu verdanken. Ein edler Stolz ist imer eine Quelle gesunden Empfindens und ein Schutz vor Entwürdigung. Mar. war in der Judenheit stolz auf seine Vorfahren und bemühte sich, in ihrem Geiste zu leben und seine Kinder zu erziehen. Man vermied viel Häßliches aus Fami!ien*to!7 und nahm ein Martyrium auf sich, weil man in sich die \X ü-de seiner Vorfahren h-ug und steh als Repräsen- ' tant des jüdischen Idealismus fühlte. Man war wohltätig weit über seine Kräfte, lebte zu Hause bescheiden, ja dürftig, um r.ur der Familicr.v. ürde im Wohltun treu zu bleiben. Das war starker Idealismus, gekleidet in aitromantische Formen. Dies« in sich starke Familie W2r unser Glück. Sie erhielt uns die jüdische 7^higkeit im Glauben und Hoffen. Die Vergangenheit war Icherdig durch die Erinnerung, die Zukunft t?e:criert durch die Hoffnung. Die Gegenwart war nur die Brücke. Das ist der geschichtliche Weg Israels. Die Gemeinde war irr. Grunde eine erweiterte Familie, verv/andT und »erschsv'gerf und mit vielen Fäden verbunden. Die Religion, die zugleich Weltanschauung, Kultur urd Lebensgesetz war, umscMx.rg den Kreis.mit eiserne". Reifen. Hier erschöpfte sich alles Sehnen urd Streben, hier wirkte sich alles Kümpfen urd Rintfen um persönliches Glück, um Ehre und Ruhm, um nMfaSrt der Gemeinschaft, um Gegcrv-art irr.d Zukunft aus. Die jüngste PesehirVe scheint diese Gesellschaftsform Giberwiirden z t haben. Mit der Nivellierung der Neuzeit l"-ten s^ch \:<"a h Far-:'ie urd Gemeinde auf, und auch wer nicht sentimental der alten Romantik nachhängt, wird diese neue Erscheinung, die keine natürliche Entwicklungsstufe bedeutet, bedauern. Denn viel Schönes ist uns damit verloren gegau^ n. Famiiienstolz und Familienehre sind heute stark verblaßt und damit ist vielfach eine innere Unsicherheit im Leben und Denken verbunden. Die Zersetzung, der Verlust der 'rdividualilät, die Schwächung der Religiosität, die innere und äußere Flucht aus dem Judentum sind direkte oder indirekte Folgen dieser gewaltsamen Loslösung vom engeren Kreise, von seiner Gedanken- und Empfindungswelt. Die Familie war die feste Burg, mit ihrer Zerstörung wurde man innerlich heimatlos und man irrt umher, neue Ideale, neue Ziele suchend. Hätten wir es verstanden, beim Zusammenbruch des Ghettos Famiiienstolz und Familienehre in das neue Gebäude hinübcrr.urctten und ihnen neue Lebcnsnahrung zu geben, es stände heute besser um die westeuropäische Judenheit. Wer Familienstolz hat, höhnt nicht über die Sitt seiner Väter, auch wenn sie nicht mehr die seinen sind. Wer Familienstolz besitzt, läßt, auch wenn er areligiös ist, nicht seine Kinder taufen, damit ihre Nachkommen das Andenken ihrer Ahnen schänden. Wer Familienehre besitzt, schwelgt nicht in Nach* ahmung fremder Formen, betrachtet nicht alles Fremde als modern und alles Jüdische als tot und überwunden. Wer Familienstolz besitzt, ringt nach dem alten stillen Glück, das der jüdischen Seele entspricht, und zersplittert sein Wesen nicht im Leben des Scheins. Wem die Familienehre ein kost, bares Erbe ist, tut nichts, was seine Vorfahren im Grabe beschämt. Wer Familienehre besitzt, dem ist auch die Ehre der jüdischen Gesamtheit hoch und teuer. Wie soll man bodenständig im großen Kreise werden, wenn man es im kleinen nicht ist? Juden, die nicht geschichtlich denken, die nicht ahnen, daß das Beste in ihnen jüdischen Ursprungs ist, werden nie zu einer abgeklärten, harmonischen Weltanschauung gelangen. Nicht das Alte verneinen, soridern es neu gestalten! muß die Parole sein. Kleine Epigonen eines großen Geschlechts zu sein, ist die höchste Schmach. Wirklichen Naturgesetzen müssen wir uns beugen, auch wenn sie hart sind. Aber die modernen Menschen neigen leicht dazu, künsi'.tch Gesetze zu konstruieren, die sie Naturgeselze nennen. Was jegliche Lebenskraft verloren hat, muß sternen. Aber was nach Leben schreit, gewaltsam zu töten, weil man sich keine Mühe gibt, es zu verstehen, ist ein Verbrechen. Nur der Dilettant glaubt, Natur und Geschichte korrigieren zu körnen. Sucht man ihren Lauf zu unterbrechen, dann gibt es Katastrophen. Das Große im Judentum lebt und muß leben, weil es der ewige Jungbrunnen der Judenheit ist. Die adäquaten Formen wird es sich selber schaffen. Gedanken zu dem Thema 5~»< ...Jüdische Jugend und Demokratie Von Eugen Roth, Cöthen. I. ..Der Jude ist V:on .©rvativ", so hört man oft und nicht ohne Berechtigung! Ein Blick in die Geschichte unserer Gemeinschaft: Im alten Juden iat M .r.arrhic, bevorzugte Kasten der Priester und Leviten, die Ausschließung der Frau von der tätigen Tcüra! i e am Gottesdienst usw. Und heute? Von der Ghettf iclt her war J:e Achtung vor dem Adel des Gejs'es, aber fa^l noch meur d;e Ehrfurcht vor dem Gelde, der Kotau vor dem Reicbt-.-m. Auch jetzt noch fehlt dem j'idischen Dürchschniit'hür'ier, dem ..Baalbos", c:n tieferes, soziales Verständnis, man ist ,.i:t" zum Angestellten, zum Arbeiter, aber man s>tht auf sie herab!;"■■;'.■*' IL Ein ariderer Blick: Begeisterte arbeiten am Aufbau Palästinas. Zwar «puken in ihren Köpfen sozialistische, kommui i tische, dcrrtckrat''.;he Ideen herum, aber in der Wirklichkeit sieht man mit Erschrecken chauvinistisches Gebaren, Herabblicken auf den auf "einer tieferen Kulturstufe stellenden Araber — anstatt Demokratie! HL X^ch ein anderes Bild: Die Verfassung der deutschen idemo- "kratischen Republik wird von dem Juden Preuß in def Idee geschaffen, jüdische Politiker und Staatsrechtsichrer arbeiten mit hohem Verständnis am Aufbau der deutschen Demokratie, ebenso wie der Jude anderer Länder an dem Aufbau des Völkerbundes, am Pancuropagedanken usw. Und auch der jüdische Durchschnittsbürger in Deutschland ist in seiner grüßen Mehrheit Mitglied der Demokratischen ParteL IV. Was baue ich hier auf? Ein System von Widersprüchen? Nein, ein Mahnzeichen für uns, für die jüdische Jugend, auf daß wir keine Baalbattim mit Konservatismus im Herzen werden, die sich Demakraten schimpfen — wie so viele, viele andere deutsche Volksgenossen — und es doch gar nicht sindl V. Und wie steht es denn mit unserer jüdischen Jugend? Zwar finJc! man sie — so:;ar zahlreich — im „Reichsbanner"' und in der Jugendbewegung der Demokratie, aber ist wenigstens sie mit der Zeit wirklich mitgegangen, hat sie genügendes Verständnis für das Soziale und Demokratische in sich hineingesogen? Die Antwort auf diese Frage finden wir, wenn wir uns die Vortragsthemen unserer Verbandsvereine daraufhin ansehen. Da lesen wir Vorträge und Diskussionen über alle möglichen, ja gewiß auch hochwichtigen Dinge, aber wie selten, 10 —

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