Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 4 (25.3.1926)
- Date
- 1926-03-25
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Da* Judentum verstand es, zwischen der heidnischen Ziellosigkeit und dem christlichen Zölibat die Mittellinie zu ziehen durch eine weise Sexualethik. ( Der Staat war eine erweiterte Familie. Daraul ist die Lehre Mosis aufgebaut, und mit kluger Abmessung wurde verhindert, daß Familie und Sozialismus, die von Haine aus heterogen sind, zu Gegensätzen wurden. Man trug viel Soziales in die Familie hinein und lief) im staatlichen Gefüge weiten Raum für individuelle Entfaltung. So wurde die Nivellierung vermieden und der Staat war eine feingegliederte Familienmehrheit. Später, wo der Staat aufhörte und die Retigion alle Bande ersetzte, verinnerlichte und vertiefte sich die Familie noch mehr. Auf die Erhaltung der jüdischen Familie in ihrer Eigenart und der Gptteslehre in ihrer- Reinheit war alle Psychologie und alle kluge Taktik zugeschnitten. Durch die immer mehr ausgebaute Moral die Familie stark zu machen, damit sie Trägerin der Lehre, Bewahrcrin der Verheißung werde, — das war die ziclbcwußle Weisheit der Führer des Volkes im Exil. Daher baute man die Erotik zu einer Kunst aus, daher schmückte man die Ehe mit allen Farben, sang das Lob der Frau und gab ihr alle Reize der Phantasie. Man umgab die Fami'it; mit Mau?-", gestaltete sie aber nach innen gemutsreich und anziehend Das 'iel war, die jüdische Insel mitten im brausenden Meere wilöcr Entartungen zu erhalten und alles Unreine und Zukunf'sgef.:;hrdcnde durch aufgerichtete D?mme fi rrzukiltrn. Und das Ziel wurde erreicht. Im Ghetto Hieb das Familienleben mu-terhaft, während draußen die mittelalterliche sinnliche Brutalität hemmungslos tobte und, namentlich in der Barockzeit, aus den Leben einen großen Sumpf machte. Das jüdische Familienleben erhielt sich bis fast in [die jüngste Vergangenheit in seinem eigenartigen Charakter, patriarchalisch eingeengt, aber rein und von einem Schimmer alter Romantik ur.istrathlt. Dazu trug nicht wenig d'.r Umstand bei, daß die Frau im jüdischen Lager nicht stumpf und passiv, sondern seelisch aktiv war. Sie war im Ghetto die eigentliche Trägerin der Poesie des Hauses. Während der Mann, vom schweren Kampfe um die Existenz ganz in Anspruch genommen, jeden Sinn für Sc;-, mheit verlor und sich nur noch?i gehirnreizenden und kunttsinntötenden Pilpulismus crg;>'.;te, schmückte die Frau das Heim, erzählte den Kindern Märchen und Sägen und trug in das nüchterne, prosaische Leben Romantik unid Schönheit hinein. Wenn das jüdische Haus auch in schwerer Zeit kür stierisch nicht verkümmerte und nicht ohne Licht.und Wärme blieb, so ist das ihr Verdienst. Aus dieser Einheit und Geschlossenheit der Familie mußte sich mit innerer Konsequenz ein Famililenstolz entwickeln. Und nirgends wurde das „Tictus" so hoch geschätzt wie bei uns. Dieser Stolz beruhte darauf, daß man die Eigen» art der Familie zur Tugend erhob, daß man schon in der langen Existenz der Familie allein etwas Großes sah. Das ist ja die Psychologie des Adels. Man betrachtete alle Differenzierung als Auslese, alle Gebundenheit als Hoheit. Meine Familie ist anderes, unvergleichlich, — ich bin stolz darauf. Wie man in der Religion von Traditionen lebte, so entstanden auch Familicntraditionen, auf die man stolz war. Jede jüdische Familie war ein besonderer Adel, wobei es natürlich, wie in jeder Aristokratie, Abstufungen gab. Aus diesem Familienstolz floß die F a in i 1 i e n c Irre. Noblesse oblige! Wenn ich mich rühme, etwas Besonderes zu sein, muß ich auch eine Fülle besonderer Pflichten auf pich nehmen. Meine Familie steht hoch, also muß ich eine besondere Vornehmheil, eine größere Opferfreudigkeit bekunden. Man nahm für sich gewisse Privilegien gesellschaftlicher ur.d synagogaler Natur, in Anspruch, nan zeichnete sich aber durch besondere Wohltätigkeit und Freigebigkeit aus, weil die Familientradition es gebot. Es. konnte natürlich nicht ausbleiben, dal! die wahre oder v ermeirtliche Ehre einer Familie mit der andern kollidierte, — jfesaa wie bei den Adelsgeschlech'.ern drauüen. Nur, daß die Kämpfe hier rieht mit Waflen ausgetragen wurden. Die jüdische i'.'.re war ja nie klirrend und von Wappensprüchen dijkticrC In der Kcfcl aber waren cie GcsclbchalUstufen abgcgtcr.zt und auch jede Familie hatte ihr kleines Reich, Reibung "ächen geh es nicht a'lzuhäufig. Die h chste Stufe war die Gelehrten weit. S:c »ai vom h^hen Nimbus der Thoraautoritüt und der liefen Frömtr - keit umgeben. Meistens entstanden RabbinerJ/rastien, i nicht seilen ihre rabbinische Abstammung durch 15 1 20 Generationen nachwiesen Aber'es war.keine Kaste, in dal man nicht eindringen konnte. Es war gar nicht selten, daü einer aus der niedrigsten Stufe durch große Begabung und Fleiß zum berühmten Gelehrten wurde. Dann kam die Stufe der Gemeindevorsteher ur.d p o 1 i t i s c he n Führer (Parnassim und Stadtlar.im). Etwas niedriger stand die Sclücht der R c i c h.e n , die sich durch Wohltätigkeit und Förderung gemeinnütziger Institutionen auszeichneten Es folgten die Elcmcntarlehrer (Melamdim) und Handwerker. Ei war ein Stolz, in die Familie eines berühmten Rabbiners hineinzuheiraten, das ist ja der höchste Adel. Dadurch kam Gl..uz in die Familie, und mancher Emporkömmling ließ es sich viel Geld kosten, um dieses Ziel zu erreichen. L überall stand Gelehrsamkeit obenan, in der Synagoge, in der Ccmeindeberat -ig wie in der Gesellschaft. Die Handwerker wurden wegen der mit ihrem Berufe verbundenen Unwissenheit gewöhnlich gering geschätzt, sie selber aber waren stolz auf ihre Zunft Die spärliche Literatur für unsere ganz Jungen ist um ein hübsches Buch bereichert worden, ein Buch, so| recht für unsere Kinder, weil es Fröhlichkeit verbreitet und dabei unauffällig belehrend ist. Wenn auf diere Weise die jüduchc Jugend über jüdische Dinge, Bräuche, Feste und Geschichte unterrichtet wird, so wird ihr das Judentum lieb werden. Die Kinder dürfen nicht merken, daß man sie belehren' will, sonst ist von vornherein der Widerwille da. Hier aber ist in lustiger, kindlicher Form manches, was gewöhnlich Kindern fremd und trocken bleibt, ihnen nahe gebracht, so Jom Kippur-Bi Suche in der Erzählung „Josis Frömmigkeit", die Feste, die als gro!!c und kleine Feste einander gegenüberstellt werden, das Chanuk1 afest in der hübschen Geschichte von „Chane und ihre sieben Kinder". Wie man biblische Geschichte vermitteln soll, zeigt die Erzählung „Das rote Meer". Das schönste erscheint uns das gemütvolle Märchen „Das Trendel mit Kopf und Fuß". „Notizblatt der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler", Nr. 16, 1926, Frankfurt am Main, Fahrgassc 146. "^iesc Gesellschaft verdiente auch von unseren Vereinen mehr Unterstützung. Sic verwaltet das Miseuni jüdischer Altertümer in Frankfurt und tut sehr viel f ir die Erhaltung jüdischer Altertümer. Ihre Veröffentlichungen, die der verdienstvolle Erich Töplitz besorgt, sind sehr wertvoll. Das vorliegende Notizblatt behandelt die Synagoge in Heidingsfeld bei Wiirzburg, mit hübschen Abbildungen. Die Gemeinde wird schon 1298 im Nürnberger Memoircbu'ch erwijhnt Die jetzige Synagoge ist 1780 errichtet und als Bau und in den Details sehr bemerkenswert. Auch frühere Publikationen der Gesellschaft sind noch zu haben, so: „Ueber Bau und Ausschmückung aller Synagjgen", „Uebcr alte Kultusgegenstände in Synagoge und Haus", „Verzierte hebräische Schrift und jüd. Buchschmuck", „Deutsche, böhmi-c!-e und polnische Synagogcnlypcn vom 9. bis zum Anfang des 19. Jahrhundert", „Die Menorah de« C'nnukkafestcs", „Sederr'cräle und illustrierte Haggadoth", ,.Menorah", Jüdisches FamMicnblatt für Wissenschaft, Kun;t und Literatur, Wien, Frankfurt a. M., 4. Jahrgang, Nr. 3, März 1926. Unter den jüdischen Zeitschriften rmml die Menorah einen ganz besonderen Platz ein. In gediegener und doch verständlicher Weise behandelt sie wir.scri chafliiche, künstlerische (solche mit besonderer Liebe) und literarische Themen. Die Illustrationen sind durchweg wertvoll, jedes Heft bietet eine Fülle von Anregungen. Die letzte Nummer ist ein Sonderheft zum Jubiläum des Wiener Sladttcmpcls, das zugleich ein Bild des Wiener Judentum.! überhaupt bietet. Der bekannte Wiener Rabbiner Dr. Grunwald schreibt? höchst anschaulich über die Wiener Juden 1S26—1926, die bedeutenden Rabbiner Mannheimer, Jcllinck und G''dcmann, ihr Wirken in Wien und lür das Judentum überhaupt, stellt Dr. M. Rosenmann dar. Sehr instruktiv ist ein Aufsatz über „100 Jahre sakralcx- Kunst im Wicr.or, StadtterapcTV mit gulen Bildern, und „Wiens Dichter aus dem Judentum". Die Menorah dürfte in keiner Vcrcinsbibliuthek fehlen. S. K. — 9 —