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Der Jugendbund · 1926-03-25 · 4 (25.3.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
4 (25.3.1926)
Date
1926-03-25
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Krieg und zu Vernichtung, der Sozialismus vermochte seine nach dem soeben Durchlebten doppelt lockenden Verheißungen des auf sozialer und internationaler Gerechtigkeit gegründeten Friedens sieht zu erfüllen, dem Pazifismus gelang es nicht, sich durchzusetzen, der Bolschewismus kehrte die furchtbare Kriegsgeißel gegen das eigene Volk. Was Wunder, daß somit die Volk««' sehnsüchtig sich dem zuwandten, das ihnen Heil versprach vom Jenseitigen her, daß die Transzendenz der Religion wieder stärksten Einfluß auf die Menschheit gewann. Andererseits kann die Enttäuschung über die menschlichen, immanenten Systeme und die Hinwendung zur Transzendenz in der heutigen Zeit eine völlige Abwendung vom Diesseits bedeuten; dafür haben sich die Fragen der Tagespolitik und der Wirtschaft als zu brennend erwiesen. Was die Menschheit vielmehr sucht, ist nur ein Maßstab, ein Zcntralpunkt im Außer- und Uebermenschlichen, eine Sonne, die durchaus die kleinen Diage de- Irdischen und Menschlichen beleuchtet und auch in der Tagespolitik Leiterin und Führerin sein kann.' Unter den mancherlei Erscheinungsformen der Religion war es nun, besonders in Deutschland, die katholische, die diese Art von Religionskonjunktur — man verzeihe den blaspheraischen Ausdruck — am besten auszunutzen in der Lage war. Einmal kam dem Katholizismus ein Mittel zugute, das er stets als stärkste Waffe in dem Ringen um die Beherrschung der Seelen iae Feld führen konnte: die Institution der Kirche. Andere geistige Bewegungen müssen schon einen großen Vorsprung an Stoßkraft vor dem Katholizismus voraus haben, wenn sie den Kampf mit dem „Wunderbau" der katholischen Kirche, gart diesem Meisterwerk geistiger Disziplin aufnehmen Wollen. Und nicht nur diese Institution als solche ist es, die dem Katholizismus d:c?e Macht verleiht, sondern — und das Est gerade für die Geisteslage der Nachkriegszeit entscheidend — die Freiheit von nationaler Gebundenheit, die die römisch-katholische Kirche den mit Nationalismus übersättigten Kriegsmeaschen so nahe bringt. Dit .katholische Kirche ist nirgends Staatskirche und blieb deshalb durch alle Zeiten unabhängig vea Sc.'vcksa! einzelner Nationen. Sic ist universal Uttel deshalb , modern" im besten Sinne des Wortes. — Auch der Notwendigkeit, das Leben in Politik und Wirtschaft zu berück lichtigen, trägt der Katholizismus in neuerer Zeit Rechnung. Die Zeiten des unbedingten Antimoderni.-mus, wie er noch ins Anfang dieses Jahrhunderts unter dem Papst Pius X. herrschte, sind vorüber, in vielerlei Strömungen drängt der KathotizicsBus wieder mit Macht in das Leben der Gegenwart hinein, daß der ehemalige badische Staatspräsident Hellpach mit Reeht von einer „katholischen Kulturoffensive großen Stils" sprechen kann (Hellpach, Die kath. Kulturoffensive und der politische Katholizismus in „Der N?ue Merkur", 5'25). Die Organisation des katholischen Volksteils Deutschlands, das Zentrum, kennte deshalb in der Politik der Nachkriegszeit eine so überragende Stellung einnehmen, weil es bald mit Links, bald mit Rechts zusammen zu regieren in der Lage war, und dieses wiederum ist eine Folge der Eigenschaft des Zentrums als religiöse Partei: die Religion, das Transzendente, ist das Primire, die Politik ist das Sekundäre, sie? hat es nur mit „zweiten Werten" zu tun, die sich dem Religiösen zwar unterordnen, aber gerade deshalb nicht ohne Verbindung mit ihm sind. Diese Erfahrung, die sich dem Beobachter des politischen Lebens der letzten Jahre aufdrängt, widerspricht in hohem Maße der gerade in der jüdischen Literatur weitverbreiteten Ansicht: „Das Christentum steht unter der Idee der Dicsscitsverneinung. Es sieht das Göttliche im Bilde einer Negation' des Diesseits" (M. Brod, Heidentum, Christentum, Judentum, I, S. 11). Durch seine Fähigkeit zur Politik und seinen Uni- \crsalismns hat der Katholizismus vielmehr die Aussicht, zu einer Stellung im geistigen und politischen Leben zu gelangen, die derjenigen zur Zeit der Romantik wenig nachstehen, ja sie vielleicht übertreten wird. In eine ganz andere Lage hat die geschichtliche Entwicklung den Protestantismus gebracht. Seit seiner Entstehung ist er, durchaus im Gegensatz zur universalistischen katholischen Kirche, in die engste Verbindung zum Staat getreten, aus der er sich in Preußen-Deutschland bis zum Umsturz nicht zu lösen vermochte. Die Augsburgische Konfession (1530) schuf eine protestantisch« Kirche, die in ihrem Verhältnis zur weltlichen Macht beispiellos in der Geschichte dasteht. Das war eine logische Felge aus der lutherischen Lehre, die, nach Luthers eigenen Werten, resigniert feststellt: „Peccandum est, quamdiu lue sumua, Vita haec non est habitatio justitiae. Wir müssen sündigen, ••lange wir hier sind. Dieses Leben ist nicht die Wohnung der Gerechtigkeit". Der Fürst wurde zum Oberhaupt der Landeskirche, und die aus tiefem religiösen Erleben heraus geborene Verzweiflung an der Kraft des Menschen — „peccandum est" — wurde oft genug mißbraucht, um von den Landeskindern das zu verlangen, was des Kaisers ist; den weltlichen Bezirk sollte man dem. Fürsten überlassen, der den unverbesserlichen weltlichen Bezirk zu verwalten von Gottes Gnaden berufen war. Ein großer Umschwung vollzog sich hier nach dem Kriege. Der „summus episcopus" ist verschwunden, und die Lahdeskirche hatte die peinlichste Mühe, diesen Wegfall auch nur organisatorisch zu verwinden. Während dieses langen und heftigen Ringens um ihre äußere Umgestaltung entstand innerhalb des Protestantismus eine sehr beachtliche Bewegung, deren wesentliches Merkmal eine starke Tendenz zum Urchristentum ist. Man könnte diese Bestrebung die Reformation der Reformation nennen: wie Luther die Reinigung des Christentums von den Schlacken und Mißbildungen der katholischen Kirche, so will die neue Bewegung die Reinigung des protestantischen Christentums von den Verunreinigungen, die es im Laufe seiner Geschichte als Staatskirchentum erfahren hat. In beiden Fällen handelt es sich aber um eine Reformation, um ein Zurückgehen auf die Urquellen des vorkatholischen Christentums. In Gruppen sowohl — am ausgeprägtesten im Kreis der „Neuwerker" mit ihrem Führer Dr. Eberhard Arnold — wie in einzelnen Persönlichkeiten wird diese Bestrebung lebendig. Ein persönliches Erlebnis diene als Illustration: Ein deutschnationaler Universitätsprofessor sprach zu einer Versammlung meist evangelischer Gcmeindemitglieder und Studenten über Pazifismus. Man erwartete natürlich eine Fluchrede auf die „Feigheit der Schwächlinge". Was kam? Mit glänzender Beredsamkeit und steigender Glut, die zu Herzen drang, führte der Redner seinen Hörern die Kraft urchristlicher Menschenliebe vor Augen und preßte Schicksal, Sinn und Ideal der Reformation in die Worte: „Thron und Altar schlössen ein Bündnis auf Kosten der Bergpredigt — unsere Aufgabe aber ist es, der Bergpredigt wieder zu leben." Die Situation des Judentums in einer Umwelt, die von derartig starken religiösen Strömungen durchflutet wird, ist bedingt durch das Maß und die Intensität eigener, spezifisch jüdischer Energien, mit denen das Judentum auf den Menschen der Gegenwart einwirken kann sowie von der Qualität der Menschen, die Träger jener Einwirkungskräfte sind. Die Aufgabe dieser Zeilen ist es jedoch nur, diese Energie in ihrem Verhältnis zu den oben geschilderten christlichen Religionsbewegungen zu zeigen. Heute, erst wenige Menschenalter nach seiner Emanzipation, steht das Judentum vor der doppelten Aufgabe: den Weg zu sich zurückzufinden und gleichzeitig tätig an den großen Umgestaltungen der Außenwelt in einem' besonderen jüdischen Sinne mitzuwirken. Es ist unbestritten, daß die Judenheit Deutschlands in ihrer heutigen Form der Zurückführung an die Quel'cn jüdischen Lebens bedarf: bestritten ist nur, ob sie wieder zurückzuführen ist in das Leben der Umwelt, nachdem sie den erfrischenden, stärkenden Trunk an jenen Quellen getan hat. Viele von uns halten einen solchen doppelten Weg für zu schwer oder gar unmöglich; sie vermögen bei denen, die ihn getan, keine Veränderung zu erkennen, weil der äußere Standpunkt im Räume, in der Umwelt, derselbe is*. von dem man ausging; die innere Wandlung bleibt ihnen verborgen. Doch befindet sich hinsichtlich der Schwere dieser doppelten Aufgabe das Judentum wohl kaum im Nachteil gegenüber der gcschilderteu neuen Bewegung im Protestantismus. Auch die Neuwerkbewegung zum Beispiel will die Christen zum Urchristentum zurückführen und in dessen Sinne "flle Gestaltung der Welt unternehmen. Auch hier also ein Weg zu einer „vergessenen" Quelle und von da zurück ins Leben. Doch ergibt sich gerade aus der Art dieser Quelle eine große Gefahr für das Judentum: die ursprünglichen Lehren des Jesus von Nazarcth sind dem Judentum so nahe verwandt, daß es schwer fällt, über die äußere Zugehörigkeit zum Judentum hinaus noch besondere Kräfte aufzufinden, die uns zum Judentum im Unterschied von jenem Urchristentum hinziehen müssen. Schon vor 5 Jahren hat unser in allem so feinfühlender Führer Gustav Löffler (Rede auf der Kasseler Führertagung) gezeigt, daß sich in-der Hinneigung zum Neu- (Ur-) Christentum „eine Gefahr vor der Jüdenheit auftut, die in ihrer Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann". Es ist dies die Gefahr, daß Teile der Judenheit an der Existenz jüdischer Besonderheiten gegenüber der neuprotestantischen 7 -

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