Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1926-03-25 · 4 (25.3.1926) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
4 (25.3.1926)
Date
1926-03-25
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492456-6352473-6352477--0052-4928264
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Begeisterung, die das Hohe durch seinen inneren Gehalt unbedingt erwecken wird. Leitwort dieser Politik ist das Fichte- Wort: „Denn immer und ewig singt die Begeisterung über den, der nicht begeistert ist." Bei der Stellung des Jugendlichen zur Politik möchte ich einen entscheidenden Unterschied festlegen: Es gibt keine .Politische Jugend", aber es gibt „Jugendliche Politik". Eine Politische Jugend", wenn es eine selche gäbe, müßte Politik reiben im Sinne des Machiavcllisraus, und das widerspricht, KM ich oben schon ausiührtc, der Psychologie des Jugendlichen. Man könnte einwenden: Selbstverständlich gibt es ..Politische Jugend". Jede politische Partei hat ihre Jugendgruppen. Aber eine solche Jugendgrtippe ist gar keine politische Jugend, sondern es ist ein Zusammenschluß junger Menschen, die in gemeinsamer Arbeit ein gemeinsames politisches Ziel erstreben. Und das ist „Jugendliche Politik", Ideenpolitik, die von der eigentlichen Staats- und Parteipolitik grundverschieden ist. Die „Jugendliche Politik" erstrebt ein Ideal, und dieses Ideal muß erreicht werden auf idealem Wege, durch ideale Mittel. ' Es sollen durch diese Politik der Jugendlichen keine materiellen Vorteile und Gewinne erzielt werden, sondern die Idee ist immer das Ziel, das durch ehrliche', gemeinsame Arbeit auf geradem Wege erreicht werden soll. Natürlich gibt es auch in den politischen Jugendgruppen solche Elemente-, die schlauestc, oft recht schmutzige Parteipolitik treiben. Diese Tatsache ist aber nicht im Wesen der „Jugendlichen Politik" begründet, sondern sie wird hervorgerufen durch einzelne unedle Mitglieder, die-sich in jeder Vereinigung finden werden. — Politik bedeutet letzten Endes: Wille zur Macht. Dieser Wille zur Macht ist in jedem Menschen, in jedem Jugendlichen lebendig, und dic-cr psychologische Grundzug der Politik gibt einen wichtigen Berührungspunkt zwischen ,'ugend und Politik. Das Geltungsstreben' des Jugendlichen, sein Wunsch, sich durchzusetzen, seine "Kampfinstinkte liegen in dieser Richtung. Diese sich jetzt ausbildende primitive Politik des Jugendlichen trägt einen durch die seelische Einstellung des Jugendlicher, bedingten typisch revolutionären Charakter. Der naturnotwendig vorhandene Gärungsstoff im Jugendlichen kann auf politischem Gebiet alj rohe Gewalt, aber auch als ideelle Macht auftreten. Die erste Erscheinungsform kann man beim proletarischen Jugendlichen beobachten, die zweite in den gebildeten Kreisen, besonders bei dem politirch unruhigen Element der Studentenschaft. (Womit natürlich nicht gesagt sein soll, daß nicht in beiden Kreisen beide Erscheinungsformen auftreten könnten.) Der Wille zur Macht führt den Jugendlichen der Politik zu, aber er wird sich sofort wieder von ihr abwenden,,wenn die Macht, die er erreichen will, umgekehrt zu einer Macht wird, die auf ihn ausgeübt werden Soll, die sein Tun und Handeln beherrschen will und seinem persönlichen Individuum eine überindix iduelic Willensrichtung geben will. Ein solches Einfangen und Einspannen für bestimmte politische Zwecke läßt sich die Jugend nicht gefallen, sie will sich selbst ein Ideal errichten und diesem dann freiwillig dienen. Einer echten, idealen politischen Führung wird die Jugend immer zugänglich sein. Sie ist fähig und bereit, große Ziele der Politik, die der reifen Welt entstammen, in Leben und Begeisterung umzusetzen. Der Ideenpolitik wendet sich der Jugendliche zu mit all seiner Begeisterungsfähigkeit und Kampfbereitschaft. Für alles Ideale in der Politik, wofür der Jugendliche sich einmal begeistert hat und was er als gut erkannt hat, wird er stets ohne weiteres freudig sein Selbst, sein individuelles Leben hergeben. Alles, was mit Menschheitsrechten und Menschheitsidecn auf politischem Gebiet zusammenhängt, liegt dem Jugendlichen sehr nahe, urld dafür wird er auch stett leicht zu gewinnen sein. Die Jugend ist radikal in all ihren Empfindungen, und diese radikale Einstellung äußert sich auch in ihrem Verhältnis zur Politik, die in der Jugend immer dea typischen Charakter des Radikalismus und Fanatismus trägt and sich in demokratischen, sozialistischen und kommunistischen Ideen äußert. Im allgemeinen hat die Jugend selbst den richtigen Instinkt, zur eigentlichen politischen Aktivität noch nicht reif zu sein. Der Sinn für politisches Handeln fehlt, besonders in der Zeit zwischen 14 und 17 Jahren, fast völlig. Andererseits aber müssen wir feststellen, daß die Jugend als solch«, ohne ihr bewußtes Dazutun in der Politik eine große Roll« «pielt, denn die besondere Eigenart der Jugend und ihre geistige Einstellung, besonders zum politischem Leben, wird ia späteren Jahren die politische Zeitrichtung bestimmen. So steht die Politik zur Jugend unbedingt in einer gewissen Abhängigkeit, die für die politische Entwicklung des Staates eine liefgehende Bedeutung hat. — Ich möchte zum Schluß noch ganz kurz auf die heyondere Stellung der jüdischen Jugend itur Politik eingehen. Es wird oft behauptet, Juden und auch jur-^e Juden hätten besonders viel politisches Talent. Die Tatsache ist auch nichi zu verkennen, daß fast in allen polnischen "Parteien jüdische Führerpersönlichkeiten vertreten sind. Auch jonge Juden zeigen meist ein viel regeres Interesse für politi-ehe Fragen, als dies durchschnittlich bei der deutschen Jugend der Fall ist. Dieses besonders lebhafte politische Interesse der jüdischen Jugend hat seinen Grund zunächst in einer seelisch»« Eigenart des jüdischen Jugendlichen. Es ist der Ehrgeiz, der besonders bei jungen Juden sehr heftig treibend auftritt und den heißen Wunsch nach einer fahrenden Machtstellung in dee.1 jungen Menschen erweckt. Die Politik bietet weitestgehende Möglichkeiten zur Erlangung einer einflußreichen Machtstellung und ist somit dem jungen Juden eine willkommene Gelegenheit zur Befriedigung seines ehrgeizigen Geltungsstrebens. Andererseits ist das starke politische Interesse des jungen Juden begründet in seinem Verhältnis zur Umwelt. Jeder Jude nimmt von vornherein notwendig eine Kampfstellung, minde^ens eine Sonderstellung gegen seine Umgebung «in. Junge Juden werden dadurch früh auf Menschenbeobachtung und Selbstverteidigung hingelenkt. Die Kampfstellung der jüdischen Minorität inmitten einer vitKach übelwollenden gesellschaftlichen Umgebung erfordert frühere Anspannung der Kräfte des Wettbewerbs. Die Folge ist eine gesteigerte Intellektualität und Kraftanspannung im Dienste dc'r Selbstverteidigung und Durchsetzung. Durch ihre seelische Eigenart und den Einfluß der Umwell steht die jüdische Jugend der Politik sehr nahe. Natürlich weist auch sie den Machiavellismus ab, wendet sieb aber mit desto größerer Begeisterung der Ideenpolitik zu und stellt sich gern und freudig mit aktiver Tätigkeit in ihren Dienst. Ein typisches Beispiel für das Verhältnis des jüdischen Jugendlichen zur Politik ist der junge Jude Ferdinand Lassalle, in dessem Tagebuch und anderen Büchern immer wieder die Begeisterung für ideale Politik und das daraus entstehende tatkräftige Handeln für dieses Gebiet zu finden ist. — Diese Ausführungen sollten eine psychologi che Darstellung des Verhältnisses von Jugend und Politik sein. Wenn ich an diese theoretische Untersuchung einen realen Wunsch anknüpfen darf, so ist es der, daß in der gesamten jüdischen Jugend Sinn und Verstehen für ideale Politik erwachen möchte, woraus dann freudige politische Arbeit erwächst im Sinne Fichtes: „Denn immer und ewig singt die Begeisterung über den, der nicht begeistert ist." Der Wettstreit des Judentums mit den christlich-religiösen Bewegungen der Gegenwart Von Rudolf Edler. „Zwei Mächte' werden in diesem Kriege Sieger bleiben: \der Katholizismus upd die Sekten." So prophezeite im Jahre \' 1914 der bekannte protestantische Religionssoziologe Ernst \Troeltsch, und er hat in einem Maße Recht behalten, das seJbst diejenigen in Erstaunen setzt, die im Katholizismus von jeh£r eine lebengestaltende Kraft und eine Macht sahen, die auch diesseits der religiösen Sphäre Ziele und Aufgaben im ~\ täglichen Leben und im Getriebe der Politik zu stellen vermag. Die Prophezeiung Troeltschs beruhte auf Vorausberechnungen, die sich als durchaus richtig erwiesen: der Krieg and mehr noch die Nachkriegsbestrebungen, die entstandenen Verwüstungen äußerer und innerer Werte schnell wieder zu beheben, mußten die Unzulänglichkeit aller von Menschen gegründeten Systeme erweisen. Der Nationalismus führte zu — 6 "

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.