Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 4 (25.3.1926)
- Date
- 1926-03-25
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Fragezeichen? Wie werden wir positiver im H nblick auf unser KulturbewuBtsein, im H nbtick auf unser Judentum? V/as Wunder, daß diese jungen Leute, von den Kameraden vertehmt, von ihren Lehrern und sonstigen Erziehern nicht für volh-angesehen, »ich mit ganzer Inbrunst der Religion ihrer Väter Tn die Arme werfen und mit ihr auf eine nc ic Zukunft ihres Glaubens und ihres Volkes hoffen. Wenn M rtin Ruber einmal gesagt hat: „Die grundlegenden Ideen de ■ jiidr-ichen Religion seien die Ein\cit, die Tat und die Zuki r.ft", so kann man diese Worte besonders auf die jüdische Ji £end 'anwenden: Das ganze religiöse Leben, geeint durch ci cn Gejdanken, den Gedanken an die große, göttliche Tat, di eine neue, herrliche Zukunft hcraufiühren wird. Diese bc sondere jüdische Richtung stellt gewiß in der großen Gesa ■n'.Tcit der Jugendbewegung nur eine kleine und abseits Iii gende Provinz dar; sie verdient aber trotzdem genaue und 10 rgfjilligc Beachtung und reicht in ihren Wirkungen' vielfach über die geringe Zahl ihrer bewußten Anhänger nicht uncrh( büch hinaus." Vi ir wollen es dem Verfasser nicht verübeln, daß er etwas kl l eine Tatsache ansieht, was wir erst als Hoffnung hegen. E ist kider noch nicht richtig, daß die jüdische- Jugcndbi wegung, „ich meine, ihr Leben und nicht ihre Programme, ihre Praxis und nicht ihre Theorie", diefSchaffung des jüdischen f>' en^chen durch Kenntni'se und Eirlc&en und Verwurzelung ir der Gedankenwelt des Judentums sich zu eigen macht. E ist ein schmerzlicher Mangel-unserer Jugend", sagt Marlin B iber in seiner bekannten Rede über Jugend und Religion „' ihcruth", „daß sie an die Dinge der jüdischen Religion1 zu c nem Teile ohne Ehrfurcht und zu einem andern ohne Unbcf: ngenheit herantritt." Er fordert: „Zum Gegenstand einer ehrfi rehtigen und unbefangenen Erkenntnis muß uns unser relig öses Schrifttum werden. Wer vor allem die Bibel solcher- 11 aßen best, aus dienendem 'Wissen um die urhebräische Sprachscele, aber nicht als Litcraturwcrk, sondern als des Wirkens des Absoluten am jüdischen Volksgcistc fundamentale Urkunde, dem wird sie heimliches Gut offenbaren, ein Walten c er Urkräite, daraus sichder Kern seiner Religiosität ernähren und aufbauen kann. Ein ernstes Studium des späteren' und späten Schrifttums muß sich anschließen." Wenn jüdische Jugend als ihre erste und fundamentalste Aufgabe das Jüdischerwerden ansieht, dann wird sie, was Hans Schlemmer schon jetzt in seinem Buche feststellen zu können glaubt, ihre eigene Note hineintragen können in die deutsche Jugendbewegung und damit einen eigenen Faktor innerhalb der deutschen Kultur darstellen. Nur wenn sie selber vom Judentum erfüllt ist, wird sie Zeugnis ablegen können für den kulturschaffcnden Wert des Judentums, wird in Wahrheit sein eine heilige Schar, die in neues Land alte Kultur trägt, ver sacrum, heiliger Frühling. Die jüdische Jugend muß erkennen, daß sie zunächst einen festen Halt im jüdischen Wesen selbst gewinnen muß, sie muß ihren jüdischen Mittelpunkt wiederfinden. Denn mit dem Aligenblick, m dem er, sich nicht mehr um die Heranbringung voki Wissen von außen her, sondern um die Erfassung von innen ncr handelt, muß so etwas wie innerer Fonds auch vorhanden sein. Wie das Wandererlebnis dem jungen Menschen geholfen haU, einen neuen Zugang zur Bildung zunächst im Hinblick auf die Natur sich zu schaffen, wie man gelernt hat, bescheiden ein Blatt und eine Blume zu sehen, so müssen wir auch die Haltung ablegen, die besonders drastisch jene oft erwähnte legende wiedergibt, in der zu Hillel ein Heide kommt und von ihm fordert, das Judentum kennen zu lernen, solange er auf einem Fuße stehen könne. Dieses Verlangen, nur die groCen Gesichtspunkte kennen zu lernen, sich rasch zu orientieren, ist auch eine der Unarten der modernen Zivilisation, die man höchstens den Tageszeitungen nachsehen kann. Wie auf der Wanderung sich dem nicht die Natur erschließt, der in ihr Sensationen sucht, so kann der nur den Zugang zum Judentum v.icderiir.dcn, der nicht breitspurig bald nach dem Wesen des Judentums fragt, sondern der bescheiden aus den Quellen zu schöpfen sii_h bemüht, bescheiden und dankbar annimmt, was die weihevolle Begehung eines Freitagabends, eines Pflichtgebotes ihm an Gefühlswerten gibt. Und das gleiche gilt auch im Erfassen der Kulturwerte aus den Quellen schöpfen und die großen Gesichtspunkte sich nicht anlesen, sondern selber erarbeiten. Der Staat, die heutige Wirtschaftskrise und die Aufgabe der Jugend Dr. Gustav Löffle r. Seit Jahr und Tag stehen wir alle inmitten einer immer f ichr sich steigernden Notlage \der deutschen Volkswirtschaft. I üe auslösenden Momente sind offenkundig genug undoft dar- ) elegt: Dem Zusammenbruch der Währung folgte die Kata-! trophe des „Mittelstandes" auf dem Fuße; Bctricbscinschränungen und Entlassungen von Arbeitern und kaufmännischen Angestellten reihten sich an. Abbau au? der ganzen Linie und »eiigehende Sparsamkeit vermochten den durch allgemeine Geldknappheit, durch stark verringerte Kaufkraft der breiten •lassen und durch die Schwierigkeiten des Exports bedingten Uickgang selbst der großen und größten Unternehmungen nicht m entferntesten auszugleichen. Wir sind schmerzlich bewegte -engen des ins Riesenhafte gewachsenen Heeres der Arbeitlosen und Kurzirhtiter und der sich täglich mehrenden ZaSl icr völligen Betricbscinstellungen. Der Staat hat zweifellos das klare Bewußtsein einer gewaltiger» Aufgabe, die ihm aus der Not des Volkes erwachsen ist und müht sich, ihr gerecht zu werden. Planmäßig betriebene Preissenkung und I.ocke.ung der Steuerschraube — das sind im Wesentlichen die Zauberworte, 'von denen man Wunderwirkung erhofft. Aber die Stirr.ircn mehren sich, die das Unzulängliche dieser Gegenmaßnahmen aussprechen und davor warnen, der Hofinung auf ra-:che Entspannung Raum zu geben. Der Staat und i'ie kleine Gruppe der in ihm verantwortlichen Persönlichkeiten erhalten durch die Dringlichkeit einiger bedeutsamer, außenpolitischer Fragen einen ihnen sicherlich nicht unerwünschten Aufschub für eine gründlichere Lösung des verwickelten \Virt'cru".:tsprcHenis^ Aber dadurch wird die endliche Inangriffnahme nicht erleichtert. Die auf längere Dauer unmögliche, mit gewöhnlichen Mitteln nicht zu behebende Lage erfordert, so gewinnt es: täglich mehr den Anschein, ungewöhnliche und vielleicht im ersten Augenblick unmöglich erscheinende Gegenmaßnahmen. Die große Stunde naht, wo es sich zu erweisen haben wird, ob die „Volksgemeinschaft", ob der von ihr getragene und repräsentierte Staat ganz anderes ist als nur ein durch die materielle Macht einer kleinen Oberschicht zusammengehaltenes und ihrer Selbstsucht dienendes Zwangsgefüge im Sinne Franz Oppenheims, ob auch mehr als ein' lediglich durch Verstandesgründe bedingtes Vertragsverhältnis (Scho'penhaucr), dem man bestenfalls Steuern und Wohlanständigkeit zu zollen hat. Es wird sich zeigen müssen, ob der Staat wirklich — wie es Menschen starken und reinsten Willens meinen — geballtes! Leben vom Lebensstrom durchrauschtcr Menschen ist, dessen Sinn die entfaltete Sittlichkeit und darum die gegenseitige Hingabe des ganzen, ungeteilten Ich bedeutet, und dessen Ziel das Wirken „am Mantel der Gottheit" heißt. Solcher lebendiger Staat, gespeist und gelabt aus der Idee, muß bald ' Wirklichkeit werden, wenn nicht die verfallende Wirtschaft ragender Meilenstein auf dem Wege zum Zerfall des Staates selbst werden soll. Freilich — nur starke, unverbrauchte Menschen können diesem notwendigen Slaatsorganismus Glieder mit nährendem Saft und Ncrvcngcflecht mit gestaltendem Willen sein. Und darum könnte die Notwendc die wahre „Stunde der Jugend'' werden, wenn diese Jugend wahrhaft ist, was sie beim großen Aufbruch vor anderthalb Jahrzehnt verhieß. Vor zwei Monden rief ich. aus solcher Scheu, den „Ausschuß der deutschen Jugendverbände", dem unser.,.Jüdischer Jugcnd.verband" seither als einr.ige jüdische Jugendorganisation zugehörtc, dazu auf, sich schnell und ernsthaft mit seinen Millionen ihm angeschlossenen junger Menschen um das Wirtschaftsprüfern zu sorgen. Man zögerte aber einstweilen in der Leitung des „ADOJ/'^rdie doch seit etwa Jahresfrist den rechten Schritt hier zum Leben der Gestaltung am Ganzen tat, indem sie soziale Arbeit als Aufgabe der Jugend feierlich -4 —