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Der Jugendbund · 1926-03-25 · 4 (25.3.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
4 (25.3.1926)
Date
1926-03-25
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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I mus, als eise Gedenk- und Auferstehung ifeier jenes Geistes der Freiheitskämpfe, zu dem wir uns bekennen." Und ohne Halle und Festtafel fand an 11. Oktober 1913 auf den HohenmeiOner dieser Jugendtag statt Und Jugend gelobte: „Aus eigener Bestimmung, vo. eigener Verantwortung in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben zu gestalten." Rein bleibe« und reif werden, lautete die Losung. Auch außerhalb der Jugendbewegung hatte man die Schäden der Zeit, rnaa denke an Rathenau, gründlichst erkannt. Aber am beachtenswertesten von allen Stimmen, die wir vernehmen, ist das Wort des indischen Weisen, Rabirdranath Tagore, an gleichfalls Außenstehende, besser gesagt, roch Außenstehende, an Japaa. Im Januar 1918 veröffentlichtendie Preußischen Jahrbücher einen Aufsatz Tagores, betitelt: „Der Geist Japans", in dem das Feinsinnigste zu lesen steht, was über die europäisch« Kultur und ihre Schäden in len jüngsten Jahren geschrieben wurde. Er sieht Japan im Begriffe, sich europäische Kultur anzueignen. Er sagt: „Wir wollen uns wohl die Maschinen Europas aneignen, doch nicht mit dem Herzen, sondern aar mit dem Hirn. Wir werden sie ausprobieren und Schuppe« für sie bauen, doch in unser Heim und unsere Tempel lassen wir sie nicht ein. Ich bitte euch, habt die Kraft des Glaubens und die Klarheit des Geistes, einzusehen, daß der schwerfällige Bau des modernen Fortschritts, der durch die eisernes Klammern der Nützlichkeit zusammengehalten wird und auf den Rädern des Ehrgeizes rollt nicht lange halten kann. Ea werden sicher Zusammenstöße kommen, denn er muß auf dem Schienen der Organisationen laufen, er kann seinen Weg nicht frei wählen, und wenn er einmal entgleist, entgleist mit ihm der ganze Wagenzug. Es wird ein Tag kommen, wo er in Trümmer fallen und zu einer ernstlichen Verkehrshemmung ta der Welt werden wird. Meine Brüder, wenn die roten Flammen dieses gewaltigen Brandes prasselnd ihr Gelächter zu den Sternen schicken, setzt euer Vertrauen auf die Sterne und nicht auf das vernichtende Feuer." Aber gerade der Aufsatz Tagores zeigt uns, daß mit der Erkenntnis der Irrwege, den die moderne europäische Kultur gegangen ist, nicht die Verwerfung ihrer wehren Werte gemeint ist. Und wo Jugend sich interessant zu machen glaubt, durch diese kulturfeindliche Pose, da muß man s e an das Wort eines warmherzigen Freundes der Jugendbewegung, Eduard Sprangers, erinnern, das er in seinem Werke „Lebensformen" 'geschrieben hat. „Manche Kreise der Jugendbewegung tvheinen auf dem Standpunkt zu stehen, ich kenne die Kultur nicht, aber ich mißbillige sie." Zu solcher Jugend muß man in ähnlicher Weise sprechen, wie Tagore, der in dem genannten Aufsatz weiter schreibt: „Der Osten hat durch seine Abneigung hindurch instinktiv gefühlt, daß er viel von Europa zu lernen hat, nicht nur in bezug auf die materiellen Mittel seiner Macht, sondern auch auf ihre inneren Quellen, die dem Geist und der Europa hat in jahr- Banncr der Freiheit sittlichen Natur des Menschen angehören, hundcrtelangen Leiden und Kämpfen das hochgehalten, der Freiheit des Gewissens, der Freiheit des Denkens und Handelns, der Freiheit für seine Ideale in der Kunst und Literatur. Und weil sich Kuropa unsere tiefe Achtung erworben hat, ist es so gefährlich für uns geworden da, wo es schwach und falsch ist. Es gibt eine Rettung für uns, auf die wir hoffen können: Wir können Europa selbst als Bundesgenossen anrufen im Kampf gegen; seine Verführungen und gewaltsamen Uebergriffe, denn da es immer sein sittliches Ideal hochgehalten hat, an dem wir es messen, und seinen Abfall ihm nachweisen können, so können wir es vor sein eigenes Gericht fordern und es beschämen, und solche Scham ist das Zeichen wahren Adelsstolzes." Auch die Jugend darf durch ihre Kulturkritik nichts anderes fordern, als daß der moderne Geist sich auf seine wahren, idealen* Grundlagen wieder besinnt. Jedoch ist die Kritik an den unerfreulichen Seiten der modernen Kultur nur das eine Kennzeichen der Jugendbewegung. Das andere ist das Wandern. Hier liegen die Ansätze zu einem neuen Zugang, zu den wahren Werten der Kultur, se daß mit Recht jede Gemeinschaft erst als Jugendbewegung anzusprechen ist, wenn sie . die Fähigkeit zum Wandererlebnis besitzt, denn Wandern darf nicht mit Frischerluftschöpfca verwechselt werden. Das Wandern in der Jugendbewegung ist mehr als eine Sache der Erholung, es will Sinnbild sein für ein natürliches, seelisches Wachsen, Sinnbild sein für Schlichtheit und Einfachheit, Sinnbild sein für seelische Verwurzelung. „Wandern ist", sagt Charjotte Lütkens in dem obenerwähnten Buche, ,,der ( deutschen Jugend Weg und Ansatz zu eigener Lebensgestaltung geworden, Ausdruck n«o> erschlossener Lebensfülle". Ein Gedicht Hermann Claudios' gibt diesem Empfinden wundervollen Ausdruck. Wann wir schreiten Seit an Seit Und . die alten Lieder singen, Und die Wälder widerklingen, Fühlen wir, es muß gelingen: Mit uns zieht die neue Zeit. _ Einer Woche Hammerschlag, Einer Woche Häuserquadern Zittern noch in unseren Adern, Aber keiner wagt zu hadern,. Herrlich lacht der Sonnentag. * . Birkengrün- und Saatengrün. — Wie mit bittender Gebärde Hält die alte Mutter Erde, Daß der Mensch ihr eigen werde, Ihm die vollen Hände hin. Wort unjd Lied und Blick und Schritt, Wie in uralt ew'gen Tagen Wollen sie zusammenschlagen Ihre starken Arme tragen Unsere Seelen fröhlich mit. Die Kenntnisse, die beim Wandern der jugendliche Mensch - sich aneignet, sind kein angelerntes, sondern erlebtes Wissen, nichts Beigebrachtes, sondern innerlich Gewachsenes. Und nur dasjenige dürfen wir als Kulturwerle ansprechen^ was wir auf diesem Wege uns zu eigen machen. Und deshalb bezeichnete ich das Wandern als Sinnbild des Emlebens in eine Kultur. Un-cre Väter lebten in der Stadt, in den hell- . erleuchteten Straßen und geschlossenen Häusern. Die Jugend zieht hinaus in den dämmernden Abend. Die Eltern machen Badereisen nach wohlgepflegten Kurorten, die Jugend durch» zieht den düstern Wald. Die -\bkehr vom Bildungsbetrieb bedeutet nicht Abkehr von der Kultur. An Stelle des unfruchtbaren Vortragswesens, in dem der Vortragende über seinem Publikum steht, muß die Arbeits- und Lerngemcihschaft treten, in der es nur Lernende und Strebende gibt. Eine Stimmung, wie sie einst in der Väter Tagen das alle jüdische Lehrhaus, die Jeschiwah, sah. Und jüdische Jugend wird zeigen, wie unberechtigt jenes Wort von Charlotte Lütkens in ihrer sonst so lesenswerten Schrift ist, daß in der Ablehnung des kapitalistischen Systems und Betriebes auch zum größten Teil die Judengegnerschaft begründet ist, die von früh an in gewissen Gruppen der Jugendbewegung auftaucht. Denn die jüdische Jugend horcht nicht nur hinaus und empfängt ihr Stichwort von der allgemeinen Jugendbewegung, sondern lauscht zugleich" in sich hinein und fühlt sich als Nachkomme jener großen Männer, die, wie die Propheten es getan haben, jede scele llose Zivilisation bekämpfen. Die jüdische Jugendbewegung befindet sich allerdings gegenüber der allgemeinen deutschen Jugendbewegung in schwieriger Lage, und liebevoller als Charlotte Lütke is schreibt Hans Schlemmer in seinem 1923 erschienenen Buche i.Der Geist der deutschen Jugendbewegung" von ihr, „denn d is wird jeder, mag er im übrigen zu dem Problem des Judentums und des Antisemitismus stehen, Wie er will, zugeben müssen, daß sich ein großer Teil unserer jüdischen Jugend, und zw ir gerade der beste, innerlich in einer geradezu furchtbaren Laiie befindet. Die starke judengegne-rische Welle, die zur Zc it durch Deutschland geht, hat ja weder vor der Jugenderziehung, noch vor der Jugendbewegung halt gemacht, und sie muß für den feinen, tief empfindenden jungen Juden eine entsetzliche Folter bedeuten. Deshalb enttäusche ich vielleicht manche, wenn ich in meinem Vortrag nicht davon spreche, was Juden für die moderne Kultur geleistet haben. Ist doch die Darstellung von Themen, wie sie die ältere Generation noch liebte, die Juden und — sämtliche Stichwörter des Konversationslexikons, durchaus unfruchtbar und Zeitvc.-schwendung." Auch jüdische Jugend muß sich die Erkenntnis der Meißnerjugend zu eigen machen, daß es sehr einlach ist, sich die Taten der anderen mit großen Worten anzueignen, ohne sich zu eigenen Taten verpflichtet zu fühlen. Denn wichtiger als dex Katalog der Verdienste der Juden um die moderne Kultur ist die Frage: Wie kommen wir aus der Epoche heraus „Jüdisch* J u gend in moderner Kultur — — 3 —

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