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Der Jugendbund · 1926-03-25 · 4 (25.3.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
4 (25.3.1926)
Date
1926-03-25
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Kuliur P u n k t. Jüdisch« Jugend in moderner Kultur Fr a gern e i c h e n. Jüdische Jugend in moderner Kultur Ausrufungs 7. eichen. Zurückversetzen müssen wir uns in die Zeit der Aulklärung, in das Zeitalter Mendelssohns. Die Mauern des Ghettos kommen ins Wanken. Die moderne Kultur läLtt auch ihre Strahlen in das finstere Ghetto (allen. Die Staaten verheißen Linderung des äußeren Druckes, je nach dem Grade .der Aneignung der Kultur der Umwelt und nach dem Lossagen vom alten Talmudjudentum. Die Machthaber legen nicht umsonst ihre Leimruten aus. Aber auch innerhalb des Ghettos regen sich Kräfte, die erkennen, daß das jüdische Leben unbedingt frische Luft von draußen erhalten muß. Mores Mendelssohn unternimmt es, durch seine Pentateuch-Uebcrsetzung das Fenster ins Freie zur modernen Kultur hin zu brechen. Er selbst schreibt von seinem Vorhaben: „Nach einiger Untersuchung fand ich, . daß der Ueberrest meiner Kräfte noch hinreichen konnte, meinen Kindern und vielleicht einem ansehnlichen Teile meiner Nation einer, guten Dienst zu erweisen, wenn ich ihnen eine bessere Uebersetzung und Erklärung der heiligen Bücher in die Hände gebe, als sie bisher gehabt. Dieses ist der erste Schritt zur Kultur, von welcher meine Nation leider in einer solchen Entfernung gehalten wird, daß man an der Möglichkeit einer Verbesserung beinahe verzweifeln möchte." Der Darsteller, der Haskalah, der jüdischen Aufklärungsbewegung, die, von Moses Mendelssohn ausgehend, über die Grenzen Deutschlands übergriff und im Osten sich weiterentwickelte. Joseph Meisl, sagt von jener Tat Mendelss..',ns: „Sic ward eine fruchtbare Etappe auf dem Wege zur Aufklärung und europäischen Bildung, zugleich aber das Grab des alten Judentums, an dessen Stelle sie keine neuen, fruchtbringenden Keime in den morschen Boden des Volkslebens zu tragen vermochte. Jüdische Jugend; hinein in moderne Kultur Ausrufungszeichen, heraus aus dem alten Judentum: das war die Losung dieser Epoche. Und bald sollte auch die Formel gefunden und angewandt werden: „Die Taufe ist das Entreebillett zur europäischen Kultur." (Heine.) In schöngeistigen Lesegesellschaften, in den Silons jüdischer Damen traf sich ein Kreis von Juden, der für die Regungen deutscher Kultur das feinste Verständnis aufbrachte. — 1797 schreibt ein Freund an Schiller: „In den gebildeten Berliner jüdischen Kreisen, den einzigen, wo man von Literatur .spricht, wird behauptet usw. — ein Kreis, dem das Judentum ein Leichnam, e"inc Mumie war." Und erst auf ihrem Sterbebette bekennt Rahcl Levin: „Mit erhabenem Entzücken denke ich an meinen Ursprung und an den Zusammenhang der Geschichte, durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechtes mit der neuesten Lage der Dinge durch Zeit und Raumesferne verbunden sind. Ich, eine Flüchtige aus Aegypten, bin hier und finde Hilfe. Was Zeit meines Lebens meine größte Schmach war, möchte ich jetzt um keinen Preis missen.*) Unter der Parole: „Jüdische Jugend, hinein in moderne Kultur", verlor das Judentum wertvolle Kräfte, einen Heine, einen Börne und andere, die in Zeiten stärkeren jüdischen Bewußtseins in positiveren Bahnen ihr Leben gestalteten. Und wie war es um die Generation bestellt, die dem Judentum nach den stürmischen Zeiten der Taufe und Mischehe . etwa in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts folgte? Das Zeitalter ■ des Liberalismus hatte vorübergehend den Judenhaß zum Schweigen gebracht. Der Jude hatte das Bewußtsein: Jüdische Jugend in moderner Kultur: Punkt. Es war für diese Generation eine Selbstverständlichkeit, daß in erster Reihe moderne Kultur den jüdischen Menschen ausfüllt. Das Judentum selbst wurde in zwei Stunden Religionsunterricht verwiesen, auf die man namentlich deshalb stolz war, daß sie innerhalb des Schulbetriebes die gleichmäßige ' Behandlung des Judentums mit den christlichen Bekenntnissen dokumentierte. Jüdische Jugend in moderner Kultur: Fragezeichen. Das ist die dritte Frage, in der wir selbst stehen. Sie bedeutet keine Abkehr vom Deutschtum, und es wäre ialsch im Hinblick auf die Beziehungen des deutschen Judentums zu seinem Vatcrlandc das Fragezeichen hier zu setzen. Denn die Fragestellung ging nicht von jüdischer Seite aus, sondern kam aus Kreisen, die *) Angeführt bei 'fcibnaw, Neueste Geschichte des jüdischen Volkes, I. S. 203. ihr Deutschtum am bewußteste« bejahen wollten. Aus der freideutschen Jugendbewegung. 1 Es ist die Zeit des scheidenden 19. Jahrhunderts, so schildert Charlotte Lütkens in ihrem in diesem Jahr« erschienenen Buche „Die deutsche Jugendbewegung" den historischen Augenblick in der Entstehung der Jugendbewegung. Eine Zeit, bestimmt von der Stadt, wie kaum eine bevor, tob Technik, Rationalisierung, von Eisenbahn und Maschine, eine Zeit auch, die noch mit fragenlos stolzer Selbstzufriedenheit den „Fortschritt" der Technik, der Spczialisicrang und des Zettelkastensystems als den Fortschritt der Menschheit buchte. Eine Zeit, deren geistiges System unkompliziert, primitiv lief und funktio« liierte, weil ja auch die Maschine borniert, bequem funktioniert. Jugend gibt es nicht, nur jugendliche Arbeiter oder Schüler höherer Lehranstalten. Alles ist Anstalt, Institution und Betrieb. Jene Zeit steht verständnislos dem Staate gegenüber, der sich ihr gegenüber in Schule und Leben nur als Wachtmeister vor dem grünen Rasenplatz als immer nur verbietender, nie als Wegweiser zeigte. Sie kehrt sich ab von der Welt des Staates, achtet nicht seiner verbotenen Wege und sucht sich ihr Leben unter eigen gesetzten, leuchtenden Tafeln. Wie oft ist mir, sagt ein anderer, Wilhelm Stählin, in seiner Schrift „Fieber und Heil in der Jugendbewegung", wenn ich davon sprach, entgegengehalten worden, da3 solche Kriiik herzlich unwichtig und uninteressant sei, die Jugend habe sich immer klüger und besser gedünkt als die vorangehende Generation, und die Freude am Kritisieren sei eine ganz allgemeine, unerfreuliche, wenn auch vielleicht lebensnotwendige Begleiterscheinung einer bestimmten Stufe der Entwicklung des Menschen. Es ist sehr töricht und beweist nur die. vollkommene Blindheit und Verständnislosigkcit, wenn man sich auf dieie billige Weise mit der Kampfstellung der Jugendbewegung gegen die herrschenden Mächte ur.i angebeteten Götzen der Zeit glaubt abfinden zu dürfen. Den« hier ist der kritische Blick, den in der Tat die erwachende Jugend immer gehabt hat. zusammengetroffen mit dem halb unbewußten Ahn'en von der Kulturkrisis, in der wir uns tatsachlich befinden. Längst ehe der „Untergang des Abendlande«" zu einer Modeüberzeugung wurde, haben die lebendigsten und tiefsten unter den Menschen, die : ^n zur Jugendbewegung rechnet, geahnt, gefühlt, gewußt, daß nicht nur die vielgepriesene Entwicklung Deutschlands in den letzten Jahrzehnte« eine Fehlentwicklung war, sondern daß das geistige Leben Europas bis in seine höchsten Erscheinungsformen hinein in eise Seckgasse verrannt war, daß hier alles vergiftet und verdorben war durch eine heillo«e Umkehrung göttlicher Ordnung, nnd daf hier der junge, zu lieben sich zu begeistern und für höchste Guter zu streiten bereite Mensch überhaupt kaum etwas verfand, das ihn entflammen und dem er sein Leben weihen konnte. Hinter den großen Worten einer oft hochfahrenden Kultnrkritik verbarg sich eine erschütternde Hilfslosigkeit, das Gefühl einer bitteren Armut und Leere und eine große und ergreifende Sehnsucht. Wer das nicht spürt, der soll über die Jugendbewegung schweigen. Man schrieb das Jahr 1913. In ganz Deutschland arrangierte man die Jubiläumsfeier anläßlich der Befreiungskriege. Da rüstete sich auch die deutsche Jugendbewegung zu einer Feier ganz anderer Art. Sie lud ein zum freideutschem Jugendtag auf dem Hohenmeißner. Einen flammenden Aufruf läßt sie ergehen, in dem es heißt: „Die deutsche Jugend, bisher aus dem öffentlichen Leben der Nation ausgeschaltet, strebt nach einer Lebensführung, die jugendlichem Wesen entspricht, die es ihr aber zugleich ermöglicht, sich als einen besonderen Faktor - in die allgemeine Kulturarbeit einzuführen. Sie möchte das, und was in ihr an reiner Begeisterung für höchste Menschheitsaufgaben, an ungebrochenem Glauben und Mut zu einem adligen Dasein lebt, als einen erfrischenden, verjüngenden Strom dem Geistesleben des Volkes zuführen. Sie, die im Notfall beicit ist, für die Rechte ihres Volkes mit dem Leben einzutreten, möchte auch im Kampf und Frieden des Werktages ihr frisches, reines Blut dem Vaterlande weihen. Sie wendet sich ab von jenem billigen Patriotismus, der sich die Heldentaten der Väter in großen Worten aneignet, ohne sich zu eigenen Taten verpflichtet zu fühlen. Uns allen schwebt als gemeinsames Ziel die Erarbeitung einer neuen, edlen, deutschen Jugendkultur vor. Noch fehlt das Fest der Jugend in der Reihe der Jahrhundertfeiern, und wir wollen ec begehen in deutlichem Gegensatz zu jenem von uns verworfenen Patriolis- 2 —

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