Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 3 (11.3.1926)
- Date
- 1926-03-11
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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K, >bu£ilosd; -iy[gax< arbeiten, selbst zu erleben und selbst Stellung zu den Problemen zu nehmen. Wir mögen uns tausendmal Vorträge von älteren Damen und Herren halten lassen — mögen die einzelnen Vorträge noch so gut sein, selten wird etwas Positives dabei herauskommen, denn wir sind an dieser Arbeit nicht innerlich interessiert. Wir haben gar nicht das Bedürfnis, selbst in die Dinge hineinzudringen, einmal selbst zu arbeiten. Vorträge halten lassen ist ja viel bequemer. Wir haben keinen Erfolg mit unsern Diskussions- und Leseabenden, weil wir von dem Wissen und der Autorität ies Vortragenden erschlagen werden. Weil uns Ergebnisse vorgesetzt werden, und weil wir nicht den Weg zu diesen Ergebnissen kennen, -denn wir haben ihn uns nicht durch Selbstarbeit erkämpft. Das ist der. Sinn der Jugendbewegung, daß die Jugend selbst unter eigener Führung erleben und gestalten will; aber man muß ihr die Möglichkeit dazu geben und ihr nicht immer die Autorität der Erwachsenen vor die Nase setzen. Upter uns, der Jugend, wollen wir uns aussprechen, nicht unter der Leitung der Aelteren, die, bewußt oder unbewußt, uns die Lösungen der Probleme aufdrängen, ohne daß wir uns selbst innerlich damit befaßt hatten. Nur durch Selbstarbeit können wir die Tiefe und Erhabenheit unsres Judentums erfassen lernen, nur durch Selbstarbeit können wir fähig werden, positiv zu den Problemen der .Gegenwart Stellung zu nehmen. Arbeitet selbst und hütet euch davor, euch immer etwas vorsetzen zu lassen. Seid nicht Juden, weil eure Eltern Juden sind, sondern werdet Juden, weil ihr den Sinn des Judeseins begrifien habt. Sammelt die wenigen Menschen, die auf demselben Standpunkt stehen. Setzt euch einmal oder mehrere Male in der Woche zusammen, wählt aus eurer Mitte einen jugendlichen tr Menschen/ der etwa* Organisation*- and; Führert«le*lt hat und versuchf salbst zu arbeiten. Lest jüdische Bücher und sprecht euch darüber aus, haltet Vorträge über jüdische Gegenwartsfragen, diskutiert darüber, wenn anch zunächst nicht viel dabei herauskommt. Allmählich und langsam werden eilte Diskussionen fruchtbarer werden, eure Stellungnahme klarer, wird euch der Sinn eures Judeseins offenbar werden. Gehl nicht an den Problemen der Gegenwart (Liberalismus, Zionismus, Ostjudenirage) vorüber. Versucht, euch auch mit ihnen auf neutraler Basis, ohne daß der einzelne seinen Standpunkt aufgibt, auseinander zu setzen. Aber glaubt nicb,t, daß Neutralität gleichbedeutend mit Farblosigkeit ist. Beschäftigt euch planmäßig mit jüdischer Geschichte des Altertums, des Mittelalters der Emanzipation und der Gegenwart, aber hallet die Vorträge und Vorlesungen selbst. Laßt euch in der Diskussion nicht durch die Autorität, die beim Vorstand sitzt, beeinflussen, sondern schaltet sie aus, indem ihr in eine Gemeinschaft junger jüdischer Menschen nur Mädels und Jungens bis zu einer gewissen Altersgrenze — sagen wir einmal 15 bis 22 Jahre — hineinlaßt. Was älter ist, gehört nicht mehr zur eigentlichen Jugend. Mag sich der einzelne Mensch noch so jung fühlen. Die Jugendvereine in Deutschland sollten Jugendbewegung sein, sind heute aber nur noch Jugendpflege und werden auf diesem Wege nie die wertvollen Elemente der Jugend erfassen, denn es fehlt ihnen die Hauptsache, die Jugendlichkeit. Wir haben hier in Elberfeld den Versuch der A.-G., wie ich sie mir denke, gemacht, und der Versuch ist gelungen. Seit IM Jahren kommen einmal in der Woche 20 bis 25 Menschen, auf die wir uns verlassen können, zusammen. Das Niveau unsrer Abende beweist den Erfolg unsrer Arbeit und den Fortschritt des einzelnen. Zur Arbeitsgemeinschaft von Ernst Marx Von Referendar Karl Salomon, Elberfeld. ■ ,;Und sie bewegt sich doch," möchte man mit Kopernikus sagen, wenn man die vorstehenden Ausführungen liest. Haben wir dies alles nicht vdP'S bis 6 Jahren, als wir noch in demselben Alter waren wie der Verfasser des Aufsatzes heute, mit demselben Eifer und demselben Nachdruck immer wieder hervorgehoben? Warenwir nicht ebenso iugendbewegt? Ist denn aber der einzige Zweck unsrer neutralen jüdischen Jugendvereine, junge jüdische Menschen im Alter von 15 bis 22 Jahren.in Arbeitsgemeinschaften zu sammeln? Sind wir, die wir ganz wenige Jahre mehr auf dem Rücken haben, denn tatsächlich keine Jugend mehr? Haben wir nicht mehr das Recht, uns jung zu fühlen? * Der Gedanke der Arbeitsgemeinschaft ist schon ein recht alter, und mit großem Erfolg ist in vielen unsrer Vereine der Arbeit in den Arbeitsgemeinschaften das meiste Interesse zugewandt. Dürfen wir uns aber hier, wie es der Verfasser des Aufsatzes als den obersten Grundsatz aufstellt, tatsächlich voll und ganz jeglichen Einflüssen älterer und bewährter Führer verschließen? Ich habe bereits vor nunmehr Jahresfrist mit Ernst Marx und seinen Freunden über diese Frage diskutiert. Auch heute wieder muß ich betonen, daß es schließlich gleichgültig ist. ob man selbst aus dem Munde der Führer die Anleitungen bekommt oder ob man sich seine schriftlichen Niederlegungen zunutze macht. Aus nichts wird nichts. Die heutige Jugend weiß meist von Juden und Judentum recht wenig. Was ist aus dieser Jugend herauszuholen? Wie kann man sie, wie Ernst Marx ausführt, zu Liberalismus, Zionismus und Ostjudenfrage Stellung nehmen lassen, wenn sie nicht einmal mit dem Wesen dieser Dinge vertraut ist? In der Bibel, dem Talmud oder der alten jüdischen Geschichte können wir hierüber nichts finden. Es sind Gegenwartsfragen, mit denen sich die Führer der Gegenwart beschäftigen. Wer schafft aber die Grundlagen für die Stellungnahme der Jugend, wenn es nicht jene älteren berufenen Führer sind? Auch Ernst Marx wird mir sagen müssen, man greife zum Buch und informiere sich. Was ist aber das Buch andres als der Vortrag des älteren Führers. Also wozu diese Ablehnung. Wenn ich nun speziell auf die von Ernst Marx geleitete Arbeitsgemeinschaft zurückkomme, so kann ich mir schlechterdings nicht vorstellen, wie man mit jungen Menschen v.on 15 bis 22 Jahren in einer Anzahl von 20 bis 25 in einer Arbeitsgemeinschaft positive Arbeit leisten kann. Zunächst das Alter. Ein Mädel von 15 Jahren betrachtet die -Dinge ganz selbstverständlich von einem anaern Standpunkt als die 22,ährige; ihr muß auch ganz andres geistiges Brot vorgesetzt werden. Dann aber die Zahl. Ich lasse es angehen. Wenn in einer Arbeitsgemeinschaft 6 oder 8, jaauch 10 junge nahezu gleichalterige Menschen zusammen arbeiten, aber 25 erscheint mir recht bedenklich. Werden u.iter diesen 25 nicht etwa 15 bis 20 sogenannte Hörer sein und nur 5 bis 10, die tatsächlich die Arbeit leisten, die von den Mitgliedern einer Arbeitsgemeinschaft gefordert wird. Wie aber wird wohl die Arbeit geleistet? Man wird von irgendeinem der arbeitenden Mitglieder über ein bestimmtes Thema referieren lassen und die übrigen bitten, sich über dieses Thema in großen Zügen zu informieren. Der Referent wird zunächst bei den alten Führern anfragen, d. h. er wird ein Buch zur Hand nehmen und wird an Hand dieses Buches die Ansicht des Verfassers (des älteren Führers) zum Teil mit seinen eigenen Worten kundtun. Man wird diskutieren, Stellung nehmen zur Ansicht des Verfassers des Buches und wird durch den Mund' des jungen Referenten die Antwort des älteren Führers zu den in der Diskussion auftauchenden Fragen erhalten. Was also anders, als wenn der ältere direkt spricht und vielleicht noch im persönlichen Konnex eine größere Verständigung versucht.' Ist das etwa unjugendlich, hindert das die Jugendbewegung? Wir bedürfen der Führer dringend und können uns freuen, daß wir sie haben. Gerade daran kranken eben unsre Jugendvereine, daß es uns an bewährten alten Führern fehlt. Der Impuls der jungen Jugend ist gewiß zu begrüßen, sie muß stürmen und drängen, aber dies darf nicht zur Negierung des Wesentlichen führen. Die Arbeitsgemeinschaften in der Form ganz kleiner Zirkel, die uns die Führer heranbilden, sind, darin werden wir wohl alle einig, für jeden unsrer Jugendvereine unbedingt notwendig. Sie müssen aber in bezug auf Art und Umfang immer so gebildet sein, daß eine wirklich erfolgreiche Arbeit überhaupt möglich ist. Die Gruppe um Ernst Marx mag hier in1 Elberfeld ruhig so bestehen bleiben, wie sie heute ist; sie mag sich auch ruhig weiter „Arbeitsgemeinschaft" nennen, obwohl sie eine solche in meinem Sinne nicht ist, sie wird uns wertvolle Kräfte für unsern Jugendverein heranziehen und es wird uns demnächst ein leichtes sein, aus dieser Gruppe Mitarbeiter für unsern Verein zu gewinnen.