Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 2 (25.2.1926)
- Date
- 1926-02-25
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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allem, da wir an unsrer Arbeit zu deutlich haben spüren müssen, wohin Interesselosigkeit in dieser Beziehung führt. Die Arbeitsgemeinschaft wird bei geschickter Leitung und dem nötigen Ernst der Behandlung sicher auf großes Interesse rechnen können, sie kann noch beliebig erweitert werden durch Vertiefung in Spezialgebiete "und bietet Gelegenheit, im Verlauf der Aussprache auch andre damit zusammenhängende Probleme zu behandeln und zu klären. Nebenbei hat .'sie den Vorteil, meist mit keinen geldlichen Aufwendungen verbunden zu sein, denn für die Behandlung dieser Themen wird sich in jeder Gemeinde jemand finden, vieles kann auch so von Mitgliedern erarbeitet werden. Der sichtbare Erfolg allerdings liegt vielleicht in weiter Zukunft, in dem hierdurch der Anstoß gegeben werden kann zu einer vernunftgemäßeren Erziehung als heute oft üblich, und damit Heranbildung eines aufrechten,- selbstbewußten Geschlechts, das auf sein Judentum stolz ist. Eine neue Bibelübersetzung Von Rabbiner Dr. Hahn, Essen. Uebersetzer stehen bei uns in nicht besonders hohem Ansehen. Man meint im allgemeinen, das Uebcrtragen eines Werkes von einer Sprache in eine andere sei im Grunde genommen eine recht leichte Arbeit. Gibt es doch Wörterbücher genug, bei denen man sich Hilfe holen kann. Weil man gewöhnlich selbst in seiner! Schulzeit fremde Größen auf diesem und anderen Wegen ins „geliebte Deutsch" versetzen mußte, hat man vor diesem Handwerk keinen allzuhohcn Respekt. In Wirklichkeit ist die Ucbersetzungskunst eine — Kunst und darum schwer' zu meistern, wie jede Wahre Kunst. Man konnte zu der gegenteiligen Ansicht nur kommen, weil man vergessen hatte, daß die Sprache kein Mechanismus, sondern ein Organismus ist, weil man den Buchstaben für Int hielt, während er mit zu dem lebendigsten unseres Lebens gehört. Dem Uebersetzer ist die ungeheure Aufgabt Destel!:, uns das Leben eines anderssprachigen Schriftwerkes zu vermitteln. Die Ucbcrsetzung foll uns nicht nur das geben, was wir gemäß unserer eigenen Struktur leicht verstehen können, sie soll uns vielmehr ein klares Bild gerade auch von den Sonderheiten, den eigentümlichen, bfi ans nic.ht vorhandenen Denk- und Gcfühlsrichtungen des fremden Werkes übermitteln. Einer meiner Lehrer hatte deshalb nicpl so unrecht, wenn er einmal meinte: Solange jemand nur eine zusammenfassende Ucbcrsich't über ein fremdsprachiges Wer;k gibt, oder ein Buch über die Weltanschauung eines fremden Dichters oder Philosophen schreibt, könne man nicht immer' mit Bestimmtheit sagen, ob der Bearbeiter das Original ganz erfaßt hat. Der Uebersetzer aber verrät mit jedem Wort, wie weil er sich' d:is fremde Gut angeeignet hat. Hier gibt es kein Hinwcghüschcn und kein Hinwegtäuschen über unangenehme Schwierigkeiten. Hier muß Farbe bekannt werden bjci jedem Wort, bei jedem Buchstaben. Der Uebersetzer hat di£ tiefgehendste Verantwortung gegen den Autor, dem er sich verschreibt. Damit soll nicht gesagt sein, daß die sklavische Uebersetzung die beste* ist. Itji Gegenteil: der Uebersclzcr muß das Original so in allen Einzelheiten des Sinn- und Sprachgchalts beherrschen, daß man in jeder seiner übcrtiagencn Silben den Pulsschlag des zugrunde liegenden Werkes verspürt. Der Uebersetzer hat das Wort, aber nur um seinen Autor zum Reden zu bringen.! Nicht nur was e r kann, sondern was der Schöpfer des eigentlichen Werkes konnte, soll uns der Uebersetzer zeigen. Je iwahrheitsgetreuer, daher die Ucbcrsetzung ist, desto besser ist sie. Das wird aber nur möglich sein, wenn der Uebersetzer sich so in -das Original nach der sprachlichen und inhaltlichen Seite hin eingelebt hat. dnß der Autor, wie der Geist des Bräutigams bei dem Mädchen im „Dybuk'" durch den Uebersetzer nochmals zu Wort kommt. Die echt» Ucbcrsetzung ist daher etwas sehr Hohes: sie ist dienendes Schöpfertum. Soll dieses Ziel bei uns durchgeführt werden, so ist nicht zu leugnen, daß manchesBuch, das schonübersetzt ist, seiner wahren Ucbcrtragung noch harrt. Große Uebersetzer sind «ehr selten. Sie sollen daher um so mehr beachtet werden. Vielleicht haben wir das Glück, die Entstehung eines wirklichen Uebersetzungswerkes mitzuerleben. Die Ucbersctzung der Bibel nämlich, wie sie von Martin Buber und Franz Rosenzweig gefertigt wird. Die Notwendigkeit einer neuen Bibelübertragung wird nicht bestritten werden können. Luther hat zwar mit seiner Ucbcrsetzung ein gigantisches Werk geschaffen, das immer seinen Sinn nicht nur für die Bibel, sondern auch für die deutsche Sprache behalten wird. Manche Forscher haben seitdem mit dazu beigetragen, den Erlrag eines eingehenden semitischen Sprächstudiums und der inzwischen ausgebauten religionsgcschichtlichen Forschung einer mit den bibelwissenschaftlichcn Ergebnissen übereinstimmenden Ucbersctzung zugute kommen zu lassen. Aber der N'ichtjude sieht das Alte Testament'immer unter einem bestimmten Gesichtswinkel und kann ihm deshalb nur sehr schwer gerecht werden. Wir Juden aber, die wir den lebendigen Gehalt der Bibel am ehesten ausschöpfen könnten.- haben seit Mendelssohns Togen nicht allzuviel für die Verdeutschung des Alten, Testament^ getan. Die Uebersetzung von Buber und Rojsenzweig. von der das erste Buch „Im Anfang* (Verlag Lambert Schneider, Berlin) vorliegt, hat den großen Vorzug, ' daß sie dem hebräischen Wort und dem jüdischen Sinngehalt so weif als möglich getreu sein will. Sic atmet die eigcntümli :he Satzfolge des hebräischen Textes in überraschender W :ise nach und vermittelt so gleichzeitig den Rhythmus des »Mischen Wortes. Die möglichst präzise Uebersetzung beeinträchtigt die Flüssigkeit des Stils keineswegs, gibt dem deutschen Wort vielmehr ein durchaus eigenes Gepräge, das sich vorteilhaft von dem „Gartcnlaubdcutsch" so mancher verwässerter Bibelübersetzung abhebt. Inhaltlich ist die Erklärung«- und Deutungsweise der jüdi- :chen Tradition in weitestgehendem Maße gewahrt, so daß der jüdische Sachgchalt aufs klarste zum Ausdruck korrimt. Wir sollten uns deshalb dies Buch anschaffen und viel in ihm lesen. Damit unsere Bünde der Bibel wied ir näherkommen, damit sie Hunger bekommen, selbst diese wänderbare Uebersetzung beiseite zu legen, um die Bibel im Urtlext selbst zu le?en. Purim Neben der Thora genießt allein das Estherbuch den Vorzug, aus einer Pergamcntrolle voröelesen zu werden. Und als im Talmud (Jer. Megilla 81) einst Rabbi Jochanan meinte, daß in den Tagen des Messias alle Teile der heiligen Schriit außer der Thora hinfällig werden würden, da fügte Rabbi Simon hinzu, daß auch das Biich Esther seine Bedeutung behalten werde für alle Zeiten. Seltsam erscheint uris diese Wertschätzung eines Buches, das nicht ein einziges Mal den Gottesnamen enthalt und dessen Erzählung so ganz natürlich anmutet. Und doch müssen wir dem alten Weisen recht' geben, wenn wir die volle Bedeutung des Purimfestes erfassen. Wird doch in ihm in jedem Jahre das Wesen jüdischer Weltauffassung uns nahegebracht. All der Haß, all die Verkennung, die wir im Laufe unserer langen Geschichte unzählige Male erfahren, werden in diesem. Buche uns vor Augen geführt. Das würde die Estherrollc nicht hervorheben vor anderen Teilen der Bibel. Doch wie reagiert das Judentum auf die Behandlung, die ihm zuteil wird? Hat Verbitterung, Menschenverachtung, Verzweiflung, Weltflucht in ihm Platz gegriffen, wie man es sonst unter Menschen natürlich gefunden hat? Nein, das Judentum antwortet auf ■den Haß mit verdoppelter Liebe! Wie feiern wir Purim? Nicht nur dadurch, daß wiruns selbst freuen, sondern vor allem dadurch, daß wir „einander beschenken und den Armen durch Gaben erfreuen". Wenn der Jude an die Zeiten denkt, die ihm Gefahr und Unglück brachten, dann — sucht er den Armen und Bcladenen ihr Los zu erleichtern. Wenn wir am Scderabend die Mazzoh, das Brot des Elends, das unsere Väter in Aegypten gegessen, erheben, dann sprechen wir: „Jeder, der Hunger hat, der komme und esse, jeder, der notlcidet, der komme und feiere Pessach mit uns." Das ist der Geist des „Lind dennoch", der Geist unendlicher, nie zu unterdrückender Menschenliebe, der den Grund-" zug unserer Lehre und unseres Lebens bildet. Leo Bäck hat es einmal ausgesprochen, daß der größte Ruhm des Judentums „die Erfindung des Ncbcnmenschcn" sei. Man komme nicht mit der Behauptung, daß das eine schwächliche, unmännliche Lehre sei. Wie viel Selbstüberwindung, wie viel wahrhafte innere Kraft gehört dazu, sich zu dieser Anschauung durchzuarbeiten. Wie viel Mut erfordert — 7 -