Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 2 (25.2.1926)
- Date
- 1926-02-25
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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in denen die Entlassungen ein besonders krasses Maß annehmen. Täglich treten neue Unterstützungsbedürftige an uns heran und erwarten von uns Hilfe. Der einzelne kann gar nicht all denen beistehen, die ihn täglich um Unterstützung angehen. Die öffentlichen Mittel sind sehr beschränkt und wird nur ein Teil der Bedürftigen aus ihnen befriedigt. Nach den Beschlüssen der Regierungen und Volksvertretungen sind zunächst sämtliche Ausländer von jeglicher Unterstützung ausgeschlossen. Ein großer Teil der Erwerbslosen, insbesondere die große Zahl der Ost uden, sind daher aui private Unterstützungen angewiesen. Wie beschränkt aber die Mittel der einzelnen Gemeinden sind, braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden. Es tritt da ganz von selbst an uns die Frage heran, müssen wir in den jüdischen Jugendvereinen überhaupt, und wenn ja, in welcher Form, den Unterstützungsbedürftigen beistehen? Ohne Zweifel wird das große Unterstützungswerk Aufgabe der reinen Wohlfahrtsorganisationerv sein, der Wohlfahrtsämter, der Chewros und evtl. der Logen. Aber auch in den Reihen unsrer eigenen Mitglieder wird sich hier und dort die Not infolge Arbeitslosigkeit bemerkbar machen. Unsre Jugendvereine sind in erster Linie dazu da, der Jugend geistig zu helfen, sie für das Judentum zu erhalten. Es sind Vereine für die Jugend durch die Jugend. Dennoch, glaube ich, muß uns neben dem geistigen Wohl auch das leibliche Wohl der Jugend angelegen sein. Kann sie uns nicht auch durch materielle Nute verlorengehen? Nehmen wir nur den Fall an. daß ein junger Mensch, der stets eifrig in unsren Reihen mitgearbeitet hat, plötzlich seiner Stellung verlustig geht, brot- und obdachlos wird. Fr wird natürlich, wenn ihm nicht sogleich genügende Hilfe geleistet wird, ob der Sorge um das tägliche Brot seine geistigen Interessen vernachlässigen und wird I uns vielleicht ganz verloren gehen. Bei solchen Menschen'müssen wir helfen und können wir helfen._ Ich stehe weit davom ab, zu behaupten, daß wir in dieser Beziehung auch für die Nichtjugendlichen zu sorgen haben, wenigstens nicht als Jugendorganisation. Daß natürlich jeder einzelne von uns als Mensch zum Menschen dazu beitragen muß, die Not nach jeder Richtung hin zu lindern, bedarf keiner weiteren Erörterung. Aber wir können m. E. nicht die Arbeit reiner Wohlfahrtsorganisationen übernehmen, dies wird sich mit dem Charakter unsrer Vereine nicht vereinbaren lassen. Wie können wir aber der notleidenden Jugend helfen? Die uns zur Verfügung-stehenden geldlichen Mittel sind meist derartig beschränkt, daß sie kaum zur Bestreitung der notwendigen Ausgaben zur Verfolgung unsrer geistigen Interessen ausreichen. Die meisten Vereine besitzen keine eigenen Räume, so daß diese Obdachlosen zur Verfügung gestellt werden könnten. ' - In erster Linie werden wir es m. E. versuchen müssen, Stellungen zu vermitteln. Hierbei kann unsre Verbandszeitschrift gute Dienste leisten. Ich habe es schon bei früheren Gelegenheiten angeregt, daß in unsrem Jugendbund eine großzügige Stellenvermittlung betrieben werden muß. Der Elberfelder jüdische Arbeitsnachweis hat bereits vor einiger Zeil hiermit den Anfang gemacht und alle offenen Stellen aufgegeben und ebenso Stellungsgesuche mitgeteilt. Hier müßte zunächst energisch weitergearbeitet werden. Die Anzeigengebühren können ganz gering sein, evtl. können sogar kostenlose Anzeigen aufgenommen werden, um jedem die Möglichkeit zu geben, durch uniern Jugendbund Stellung zu suchen. Die Arbeitgeber müssen angehalten werden, gegen geringes Entgelt ihre Stellenangebote in unsrer Zeitung zu veröffentlichen. Weiterhin müssen wir es versuchen, Naturalunterstützungen zu beschaffen. Die Gewährung eines ausreichenden Mittagstisches läßt sich in sehr vielen Fällen ermöglichen, ebenso die Beschaffung von Kleidungsstücken. Vereine mit eigenen Räumen müssen ihre Vereinsräume zur Verfügung stellen, um Obdachlosen Unterkunft zu gewähren. Wenn wir auch hoffen wollen, daß die Not sich nicht noch vergrößern werde, so tut es doch jetzt schon in vielen Fällen not, sofort in genügender Weise zu helfen. Wir sind dies m. E. der Jugend und dem Judentum schuldig. Erziehungsprobleme als Thema einer Arbeitsgemeinschaft Von Mine Meyer, Düsseldorf. Häufig kommt es vor. daß in Aussprachen nach Vorträgen und bei Keimabenden Erziehungsträger berührt werden. Dann zeigen sich meistens starke Meinungsverschiedenheiten, oft von. Sachkenntnis nicht zu sehr getrübt. Das ist leicht erklärlich; da die jungen Menschen bisher Erziehung meist passiv erlebt haben, fehlt mehr oder minder die Beschäftigung mit den Problemen. Wenn wir aber bedenken, daß in zehn bis ■zwanzig Jahren längstens unsre heutige Jugend Väter und Mütter eines neuen, Geschlechtes sind, so erkennen wir die Wichtigkeit der Beschäftigung mit diesen Gedankengängen, durch die IKlarheit geschaffen werden soll über den Weg der Erziehung.l der der Zeitströmung folgt. Das ist besonders heute nicht so eilnfach, wo sich oft ganz entgegengesetzte Meinungen auch hier gegenüberstehen und wo mit Schlagworten, wie weltliche Schule, konfessionelle Schule, Gemeinschaftsschule, Förderung der Begabten, viel Unheil angerichtet wird. Diese wenigen Beispiele sollen natürlich nicht heißen, daß die Erziehung .in der Schule Hauptsache sei, im Gegenteil, bei einer ErarHCTfung mit Jugendlichen ist Hauptwert auf die allgemeinen Probleme und die Erziehung in der Familie zu legen, aber selbstverständlich dürfen wir auch an den Schulfragen nicht vorbeigehen. Ich möchte versuchen, ein ungefähres Programm ' für eine solche Arbeitsgemeinschaft aufzustellen, an dessen Durchführung sich die Herren Lehrer sicher gern durch Uebernahme kurzer Referate beteiligen. Als Einleitung ist ein größerer Vortrag erforderlich, der sich mit dem Sinn und Ziel der Erziehung, den durch die Eigenart gegebenen Grundlagen und den verschredfenen Wegen beschäftigt, schon die heutigen Probleme streift, aber nicht näher erörtert. Nachdem so eine allgemeine Grundlage geschaffen ist. wäre das übrige am besten in drei Hauptabschnitte zu teilen: Erziehung im vorschulpflichtigen Alter, in der Schulzeit und im sogenannten Jugendalter. Das erste zerfiele wieder in Untergruppen, wie z. B. psychologische Charakteristik des Kindesalters, Einzelerziehung jnd Gemeinschaftserziehung im Kindesalter, verschiedene Wege der Gemeinschaftserziehung unter besonderer Berücksichtigung der Montessori-Methode. Ich weiß genau, daß das erste Thema eigentlich ein Studium für sich erfordert, doch wird es bei genügender Vorbereitung und Selbstbeschränkung möglich sein, das Hauptsächliche in den Vordergrund zu rücken. Auch die beiden andern Abschnitte müssen wieder aufgeteilt werden, zum Beispiel: Der Uebergang von der Familienerziehung zur Schulerziehung, Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus. Der Aufbau der verschiedenen Schulsysteme mit besonderer Aussprache über Grundschule und Gemeinschaftsschule. Einen ganzen Abend wird dann auch die Aussprache über „konfessionelle, weltliche oder paritätische Schule" ausfüllen, ein Problem, gerade für uns heute von ganz besonderer Bedeutung. Das schwierigste Kapitel ist dann wohl die Erziehung im Jugendalter, da geht es auch nicht ohne besonderes Referat über die Psychologie des Jugendalters, ein Thema, das eigentlich eine ganze Reihe von Heimabenden umfassen müßte, das aber vielleicht als weitere Arbeitsgemeinschaft sich als spezielles Gebiet dem allgemeinen der Erziehung anschließen könnte. Im Jugendalter tritt nun als Neues hinzu der Beruf: zweckmäßig erscheint mir deshalb ein Abend über Berufseignung, Berufswahl, Erziehung durch den Beruf, dann weiter der Jugendliche in der Stellung den Eltern gegenüber, der Einfluß von Freundschaften und Lektüre, Jugendpflege, Jugendbewegung in ihrer Bedeutung für die Erziehung der Jugendlichen, Stellung zum Arbeitsjahr als Erziehungsfaktor für männliche und weibliche Jugend, Erziehung Gefährdeter und Schwachbegabter und deren Stellung in der Gesellschaft. Das Ganze müßte dann gipfeln in der Erkenntnis, daß erste Grundlage zur Erziehung andrer, Arbeit an sich selbst ist, daß Erziehung andrer beste Selbsterziehung ist. Ich glaube nicht, noch besonders betonen zu müssen, daß Erziehung zum Judentum Mittelpunkt aller Besprechung sein so!L das ist wohl im Jüdischen Jugendbund selbstverständlich, vor — 6 -