Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 2 (25.2.1926)
- Date
- 1926-02-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachfolge." Rabbi Mosch« Ltib erzählt, daß er mehrere Bauern,miteinander reden hörte. Und einer, der ernst und voll Leid lange schweigsam mit den andern gesessen hatte, fragte einen zweiten: „Bruder, liebst du mich oder liebst du mich nicht?" Der ander« antwortet«: „Ich lieb« dich gar sehr." Aber dar erst« sprach wieder: „Du sagst, du liebest mich und weißt doch nicht, was mir fehlt. Liebtest du mich in Wahrheit, du würdest es wissen." Da schwieg der Bauer. „Ich aber", so fährt Rabbi Mosche fort, „verstand: das ist die Liebe, zu den Menschen, ihr Bedürfen zu spüren und ihr Leid zu tragen." Menschlichkeit Nur mißmutiges Fragen, hochmütiges Achselzucken haben heute viele noch übrig fjür den Begriff Menschlichkeit. Nicht die Vielen der Masse, nein, auch diejenigen, die sich auf eine exklusiv geistige Einstellung oder ihre Zugehörigkeit zur Jugendbewegung berufen^ glauben trivial zu werden, wenn sie dieses Wort in den Mund nehmen. Die einen werden mien fragen: „Wozu sich mit dieser Sache beschäftigen, über die wahrhaftig genug geredet worden ist?" „Wir sind uns vollkommen klar darüber, schweig', das* alles ist Phrase!" Die anderen werden mir ihre Enttäuschungen aufzählen, die sie erlitten haben, indem sie Menschlichkeit als Grundlage ihrer Taten wählten. Es ist nun unverständlich, wie Menschen scheinbar besten Willens, stärksten Tatendranges, solche Zweifel oder abfälligen Urteile üljcr eine Selbstverständlichkeit äußern können. Die Erklärung liegt ganz einfach darin, daß gefühlsmäßig über Menschlichkeit geredet wurde, daß man sie in allen Tönen lobte; als jedoch Hindernisse sich zeigten, Kampf gefordert wurde, schwand sehr rasch das Gefühl, und der Verstand sah vin, daß es bequemer sei, zur Tagesordnung überzugehen. Man verschloß sich vor dem Leid und der Tragik des Menschengeschlechts und spintisierte. Langsam haben'wir uns wieder den Abgründen genähert, in den?n das Grauen der Vergangenheit ruht. Zarte Bluter sind zerstört, und vieles muß neu begonnen werden. Not tut vor allem Klarheit über den Begriff Menschlichkeit. Wir gebrauchen oft statt des deutschen das tremde Wort „Humanitä " und verbinden damit gewisse Vorstellungen von voraussetzungsloser sozialer Betätigung. Wenn man von der früher herrschenden Idee der Humanität als dem Prinzip der Erziehung zum harmonischen Menschen absieht, so ergeben sich für viele heute bei» der Erwähnung des Wortes Menschlichkeit die Vorstellungsbilder vom Schutz der Schwachen, Heilung der Kranken,- Sieg des Rechts und ähnliche auf der Linie des Soziologischen liegende Reflexionen, Bilder — um konkret zu werden —, wie die Krankenpflegerin, der „im Namen der Menschlichkeit" fordernde Kämpfer, der Barmherzige, Mitleidige. Das hier Geschilderte kann aber niemals „Menschlichkeit" darstellen, — das beweist schon, daß man in diesen speziellen Fällen die Worte Wohltätigkeit, Opfersinn, Nächstenliebe, Mut usw. setzen kann —, sondern Menschlichkeit ist ein schon im Unterbewußtsein vorhandener menschbildender Faktor. Das will-besagen — und hier können Skeptiker ruhig den Kopf schütteln! —, Menschlichkeit ist keine Angelegenheit des persönlichen Glaubens oder Unglaubens, sondern eine Tatsache im Menschen, wie Liebe, Haß, Neid. In zwei Etappen ist Mcnschlickeit zu b'egrenen: Im Menschen, dem Subjekt, jund in der Beziehung unter den Individuen als Objekten. j Vorhanden ist Menschlichkeit elementarster Art als Gefühl der Gattung. In der Familie bildet sie das Bestreben, aus der Erkenntnis von deren Charakter die Erhaltung und gesunde Entwicklung innerhalb dieses Kreises zu bewirken. — Und das ist das Fundamentale der Menschlichkeit, daß sie auf der Erkenntnis des Menschlichen schlechthin beruht. So sehr Kriege, Revolutionen, überhaupt Kämpfe von Mensch gegen Mensch einer tatsächlichen. Menschlichkeit zu widersprechen scheinen, so sehr beweist das Verhalten der Menschheit an wichtigen Zeitpunkten der Kultur- und Sozialgeschichte (Rotes Kreuz, Völkerbundstreben), daß eine aus dem starken Ahnen der Gattung geborene Erkenntnis der Notwendigkeiten im menschlichen Zusammenleben die Linie des Fortschreitens beherrscht und so Menschlichkeit im Völkerleben zur Wirklichkeit, zur Tat führt. Das; Vorhandensein dieser grundlegenden Erkenntnis — und es Jst besser, hier von „Verstehen" zu sprechen —, ist Voraussetzung zur Menschlichkeit der Tat auch beim Einzelmenschen. So viel Haß gegen, so viel Liebe haben Menschen für den [Nächsten schon aufgebracht. Und da Liebe ja nur aus dem engsten Zueinandergehörigkeitsgefühl, aus tiefstem Verstehen des anderen entsteht, so ist klar, daß sie aufs stärkste in Menschlichkeit verwoben ist. Das Zueinandergehörigkeitsgefühl, und sei es nur eins der Not, des Mit-Lcidcns birgt schon ein, wenn auch nicht vernunftmäßiges, so doch ein „herzliches" Verstehen des Nebenmenschen in sich. Wilhelm Schmittbon sagt einmal in einem Schauspiel: „Ich weiß nicht, wer da Recht, wer Unrecht hat. Doch ich weiß, daß einer leidet, und ich muß ihm helfen." — Das ist eine aus dem Innersten bis zum Acußcren in gerader Linie sich erweisende Menschlichkeit des Herzens. Oder aber es tritt zur menschlichen Verbundenheit noch eine durch Tradition, Erziehung und Selbstformung geschaffene geistige, besser, verstandesmäßige Einstellung, ein soziales Verantwortungsbewußtsein hinzu und gibt dem Menschen eine ge-<, staltendc Wirkung der Menschlichkeit. Als ein vom jähzornigen Schammai ob seiner herausfordernden Bitte, ihm die Lehre des Judentums beizubringen, solange er auf einem Beine stehen könne, verwiesener Heide mit derselben Bitte zu Hillel kam, antwortete ihm dieser: „Nächstenliebe und Rücksicht-Verständnis für den anderen ist Wesentlichstes im Judentum. Gehe hin und lerne!" — Das ist eine aus gefühlsmäßigem Unterbau über vernünftige „Erkenntnis der Notwendigkeiten menschlichen Zusammenlebens" gewordene Menschlichkeit. .Ist dieses Grundlegende als richtig erkannt, dann sind alle sich daraus ergebenden Folgerungen selbstverständlich, und hier verweise ich auf unsere jüdische Lehre. Werktätige Menschenliebe (Gemilulh Chescd), Recht (Din), Frieden (Scholaum) werden von unseren Weisen als Säulen dir Weltordnung bezeichnet. Grundlage zu alledem ist aber Verstehen des Nebenmenschen: Vorurteile müssen schwinden, Urteile dürfen sich nicht in Verdammung wandeln, in sich tragen muß der Mensch inbrünstige Liebe und den Willen zum Dienst der Menschlichkeit in Demut. Dann ist er dem Ideal am nächsten. Zwei Beispiele, wie sehr gerade viele Menschen der offiziellen Jugendbewegung den Gedanken der Menschlichkeit vernachlässigen, mögen hier erläuternd sr«hen. Als in Bad Kreuznach kürzlich Dr. Waas in einem Vortrag „Jugend und Kultur" die Frage der praktischen Auswirkung von Kulturgcdanken auf die breiteren Volksschichten anschnitt, erklärte ich, um einer unerquicklichen, grundlos problematischen Diskussinn ein Ende zu bereiten: „Ihr werdet Wunder wirken, wenn Ihr in Demut (und nicht trotzig-stolz auf , Eure Zunft) aus den Tiefen—der Menschlichkeit mit Liebe und Verständnis für den Menschen vomeinen zum andern schafft." Ich glaubte, damit für 'bewegte Jugend ganz Alltägliches gesagt und gefordert zu haben', die mir erteilten Antworten bewiesen aber, daß ich zu einer Phalanx von Ungläubigen, der Idee verständnislos Gegenüberstehenden gesprochen hatte. Eine Antwort: ,tDu hast gut reden. Ich stehe zwischen Arbeitern. Wenn ich denen von unserer Sache erzähle, dann nennen sie mich einen Idioten." Dieses Sprechers Opfermut, seine starken Gefühle hörten also auf, als man ihm eine * nichtssagende Schmähung zurief. — Ein zweites Bild aus unserem Lager: „Als ehemaliger I. I. W. B'er erhalte ich des öfteren Besuche von Freunden aus dem Bund. Wenn ich dann gesprächsweise meine Ansichten äußere, dann lächeln sie zumeist etwas spöttisch, heben die Schultern und meinen, Menschheitsideen, Friedenswille, Verbrüderung u. a. Dinge seien ganz schön, aber --man müsse doch ein „festes Ziel" haben, Aufgaben, die mit realem Maßstab zu messen seien, z. B. Palästina-Aufbau, Renaissance des Judentums; kurz, ich werde dann von der Wucht der Tatsachen, zumal ich es mit ehrlichen Menschen zu tun habe, sehr erschüttert, um am Ende doch zu erkennen —, daß alle diese Aufgaben ja nur gelöst, befriedigend zu Ende geführt werden können auf der Basis der Menschlichkeit. Ich beleuchtete oben ganz kurz das Thema vom jüdischen Standpunkt und zeigte so, wie das Allgemeine des Themas auch seinen vollkommenen Ausdruck im Judentum gefunden hat. So können wir jungen Juden aus dem noch nie zerstörten Tempel der jüdischen Lehre den Weg zum Allmenschlichen finden. Und wenn wir alle, die wir, wie ich, keine Wissenschaftler, sondern einfache Menschen mit Willenskraft und