Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 22 (17.12.1925)
- Date
- 1925-12-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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losen: „Wir Juden.von heute haben uns fast vollkommen von dar Tradition losgelöst", und die Folgerung hieraus wird dann »verschwiegen. Fast klingt es wie ein Widerspruch, wenn derselbe sagt: „Es genügen uns so viel jüdische Kenntnisse, daß wir mühelos dem Gottesdienst folgen können." Weiß Herr Friedmann, wieviel Kenntnisse hierzu nötig sind? Ich glaube, daß auch Herr Dr. Simon hiermit, als erstem Schritt, vollkommen zufrieden sein würde. Es wäre ein Zeichen de« wiederkehrenden Interesses am Leben im Judentum, wenn das erstrebt und erreicht würde. Die Gesundung des Judentums muß von innen heraus kommen. Jedoch fehlen uns leider noch die nötigen Vorbedingungen, die heißen: Mehr Interesse, mehr Zeit, mehr Wille für die Religion! Zurück zum Judentum durch das Lernen! Vom Wesen des Verbandes Von Ludw. Löwenstein, Grevenbroich. Wir geben dieser Antwort von Ludwig Löwenstein Kaum, wenn wir auch der Ansicht sind, daß sie „zum Wesen des Verbandes" entscheidende Gesichtspunkte nicht bringt. Wir werden diesen Artikel aber zum' Anlaß einer Abhandlung über das Verhältnis des Verbandes zu den jüdischen Parteien in einer der nächsten Nummern nehmen. Die Schriftleitung. Felsenthal verkennt den Kern meiner Ausführungen. In Nr. 17 dieses Blattes hatte Lehrer Nußbaum einen Mahnruf an die jüdische Jugend gerichtet, in dem er diese vor Einseitigkeit der Auffassung und geistiger Blindheit warnt und von ihr die gemeinsame Arbeit im neutralen Jugendverein neben ihrer Mitarbeit in ihren besonderen Bünden fordert, damit sie „neutral", d. h. im Sinne Nußbaums, objektiv bleibe. Ich habe diese Grundsätze theoretisch — was ist theoretisch schließlich nicht richtig — anerkannt. Bekämpft habe ich sie, I weil in ihnen unter Verkennung der wahren Situation des Judentums das Schwergewicht unserer Erziehung gelegt wer-, den soll. Unser Verband soll gewissermaßen das „Kol Jisroel" werden. Diese geistige Einstellung kann ich nicht mitmachen, weil sie einem Gefühl der Leer« und nicht der Stärke des jüdischen Gedankens entspringt. Ich habe ihre Unrichtigkeit logisch nachzuweisen versucht, obwohl ich mir bewußt war, daß es hier Dinge gibt, die nicht beweisbar sind. Um zu zeigen, daß dies Programm der Ausgleichung der Gegensätze den gegebenen Verhältnissen nicht Rechnung trägt, habe ich darauf hingewiesen, daß das Judentum nicht an der Gegensätzlichkeit der Juden, sondern an deren Uninteressiertheit krankt. Ferner habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß tatsächlich gerade unsere Mitglieder zum größten Teil zu den Unentschiedenen und Verantwortungslosen gehören. Nirgendwo habe ich eine Beschränkung der Vereinssubjekte gefordert, was Felsenthal irrtümlich zum Motto meiner Ausführungen macht. Ich habe auch, wenn ich von Juden ohne jüdisches Selbstbewußtsein und Verantwortungsgefühl sprach, nicht an „geistig minderbemittelte und zurückgebliebene Jugend" gedacht. Gerade die Intellektuellen der Judenheit habe ich im Auge gehabt. Unzählige Literaten und Professoren könnten als Beispiele einer solchen Einstellung zu jüdischen Dingen angeführt werden. Jedoch auf all diese Einzelheiten kommt es weniger an. Der Wesensunterschied zwischen den Ausführungen Felsenthals und den meinigen besteht in der verschiedenen Be- Wertung der jüdischen Parteien. Felsenthal spricht ironisch P von der sogenannten Weltanschauung, die man mit 20 bis 25 Jahren behaupte zu haben; ich sehe in der Erziehung zu dieser jüdischen Weltanschauung das Wesen des Verbandes. Warum? Felsenthal erkennt richtig, daß die heutigen Gemeinden lediglich ein technischer Begriff sind. „Die Verbundenheit dieser Menschen fehlt oder sie ist außerhalb der Gemeinde gegeben." Er forscht aber nicht nach der Ursache dieses- Niedergangs. Diese muß man aber gefunden haben, wenn man einen kranken Körper heilen will. Es gibt keine Verbundenheit der Verbundenheit wegen, wie es keine Einigung der Einigung wegen gibt. Die Verbundenheit mit der Sache schafft die Bindung der Menschen. So sehe ich auch den Grund des jüdischen Niedergangs in der mangelnden Verbundenheit mit jüdischen Dingen. Das Judentum steht außerhalb der Weltanschauung der einzelnen. Warum anders sind im vorigen Jahrhundert und jetzt noch immer lausende unserer wertvollsten Elemente dem Sozialismus zugelaufen upd dem Judentum völlig verloren gegangen! Weltanschauung ist das Bekenntnis zu einer Idee, die mein ganzes Handeln und Fühlen beherrscht. Eine solche' Weltanschauung hat mehr oder minder intensiv jeder intellektuelle. Mensch, wenn er sie auch nicht begründen kann. Daß sich diese Weltanschauung mit den Entwicklungsjahren des jungen Menschen ändert, vor allem realer wird, bedarf keiner Erörterung. Daß die den jungen Juden beherrschende Idee aber eine jüdische wird, muß unsere Erziehungsaufgabe sein. Dies Ziel ist nicht damit erreicht, daß man die Bibel und sonstige jüdische Geschichte kennt und schätzt; das kann auch ein katholischer Priester. Anderseits ist auch der Jude, der unter Ablehnung aller anderer^ jüdischen Verpflichtungen sich einer angeblich von jüdischem Geist getragenen Idee (Pazifismus. Sozialismus) widmet, geistig aus dem Judentum ausgetreten. Die Weltanschauung wird erst dann zu einer jüdischen, wenn man innerhalb der engen Grenzen der jüdischen Religion oder Nation deren Forderungen als für sich bindend betrachtet. Wir müssen uns nun mit der Tatsache abfinden, daß man innerhalb der Judenheit über diese Forderungen uneins ist. Die vielgehaßten jüdischen Parteien sind demnach ganz im Gegensatz zu den Interessenparteien des politischen Deutschlands nichts anderes als Gruppen, die aus verschiedener Auffassung und Zielrichtung heraus andersartige Forderungen an ihre Mitglieder stellen. Aber es hieße, den' Teufel durch den Beelzebub vertreiben, wollte man diese gewiß bedauerliche Erscheinung dadurch vermeiden, daß eine äußere Gleichheit hergestellt wird, indem man die Gruppen derer vermehrt und unterstützt, die keine jüdischen Forderungen an sich stellen. Man wird mir wahrscheinlich hier entgegenhalten, „es bliebe des Gemeinsamen genug"; wir könnten genügend neutrale Arbeit leisten, wie soziale Tätigkeit, Hebräisch, jüdische Geschichte, Bekämpfung des Antisemitismus u. a. Aber selbst dieser Arbeit fehlt die nötige Grundlage, der Antrieb, wenn sie neutral betrieben wird. Jede jüdische Tat entspringt der Weltanschauung des Handelnden und trägt auch deren Stempel, wenn sie nicht durch rein äußere Gründe oder aus Sentimentalitäten entstanden ist. So wird aller Voraussicht nach auch die Mahnung Ernst Simons in Nr. 19| Hebräisch zu lernen, ohne wesentlichen Widerhall verklingen. Dieser Forderung, die Simon von seiner orthodox-zionistischen Anschauung aus stellt, fehlt in der neutralen Jugend die Voraussetzung, die Idee, die sie wie Simon dazu antreibt. Die jüdische Weltanschauung oder, mit anderen Worten, die jüdische Partei, muß der jüdischen Tat vorangehen. Erst diese Begrenzung gibt dem jungen Juden' die Kraft, am Aufbau des Judentums mitzuhelfen. Kundgebung der deutsch-jüdischen Studenten Für den Rechtsgedanken gegen völkische Verhetzung. Der geschäftsführende Ausschuß des KC. übersendet uns nachstehenden Bericht: Die dem Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens (KC.) angeschlossenen Korporationen veranstalteten am Sonntag, den 15. November 1925, vormittags 11 Uhr, eine Kundgebung jm alten Herrenhaus, um die Blicke der Oeffentlichkeit auf den Kampf für Recht und Gleichberechtigung der jüdischen Studenten zu lenken. Dr. Hermann B e r 1 a k als Vertreter der studentischen Jugend wies darauf hin, daß die in der Vorkriegszeit zwar gegnerische, aber durchaus ritterliche Stellung gegenüber den jüdischen Kommilitonen einer schmachvollen Verhöhnung und Aechtung in der Nachkriegszeit gewichen ist. Die bewußte Zurücksetzung und Beleidigung der jüdischen Studenten bei öffentlichen Anlässen seien eine Folge der Alleinherrschaft der völkischen Korporationen in der deutschen. Studentenschaft. Das deutsche Volk. darf diese Ereignisse nicht stillschweigend übergehen. Nicht die Frageder Gleichberechtigung der deutschen Studenten jüdischen Glaubens, sondern vor allem die Sabotage der Grundsätze der Verfassung durch die völkisch-antisemitischen Korporationen und die verhängnisvolle politische Betätigung des scheinbar unpolitischen Hochschulrings erheischen mit gebieterischer Notwendigkeit die Aufmerksamkeit aller ehrlichen Vaterlandsfreunde. In Würdigung dieser Ausführungen beleuchtete der zweite Redner. Herr Dr. Bruno Weil, die dadurch geschaffene