Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 12 (1921)
- Issue
- 4 (Sept./Oktober 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 122 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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122 Unsere Harzfahrt. Mit einem anderen Chemnitzer Kameraden war ich zu Pfingsten zur Verbandstagung in Cassel. Hier hatten wir aus fähigem Munde unsere innersten und schönsten Gedanken in Worte gekleidet gehört. Hier hatte Menschenmund vermocht, die Gefühle wahrnehmbar zu machen, die wir sonst nur ahnen, so daß man wirklich von einem inneren Erleben sprechen kann, wie man es sonst — und auch da nicht immer — nur in der Natur und im Gotteshausc hat. Gott spürten wir in uns. Aber nun drängte es uns. die wir soviel empfangen hatten, selbst wieder zu geben. Wir, die wir glücklich waren, wollten, so verwegen es klingt, ebenfalls beglücken, Casseler Geist in Tat umsetzen. Und wir konnten es, wenn auch nur in ganz bescheidenem Maße. Uns war die Möglichkeit gegeben, produktiv zu wirken, da wir nicht sofort in den grauen Alltag zurück mußten, wo ja die Gefahr bestanden hätte, daß alles wie ein Rausch verflogen wäre. Am Nachmittag des zweiten Pfingstfeiertages fuhren wir durch das anmutige Weserbergland nach Goslar, jener altehrwürdigen Stadt, auf die Heine sicher zu Unrecht schlecht zu sprechen ist. Hier trafen wir noch zwei andere Chemnitzer Kameraden, die schon den Harz von Süden nach Norden durchzogen hatten und nun wanderten wir vier zusammen am Nordrand des Gebirges entlang. Es erinnerte uns in vielem an unser heimatliches Erzgebirge und das will bei dessen Schönheit gewiß viel heißen. Wir rasteten auf den Steinen der munter sprudelnden Ilse, statteten dem unfreundlichen, ungepflegten und eben darum so liebenswerten Brccken einen Besuch ab, bewunderten die Meisterwerke der Natur in den Tropfsteinhöhlen Rübelands, wanderten das wildromantische Bodetal entlang, bestiegen Hexentanzplatz und Rcßtrappe und zogen durch die wunderbaren Waldungen des Lstharzes. Doch so schön das alles war, so waren wir doch nicht nur Gefühlsmenschen, sondern dachten stets an die Aufgaben der Jugend bewegung, dachten stets an unsere Pflicht als jungjüdische Menschen. Wir suchten nach schöpferischen Ausdrucksmitteln für unsere Gefühle — uns verlangte nach Tat und wir fanden sie. Wenn es irgend anging, dann riefen wir des Abends im Dörf chen, wo wir unser Nachtquartier aufschlagen wollten, die Jugend zusammen, um bei der Wahrheit zu bleiben, sie kam stets von allein, um unseren freund Erwin R. beim Abkochen zu beobachtendenn der liebliche Duft unserer Suppen übte große Anziehungskraft aus. Manche warfen sachverständige Blicke in die Karten unseres Wandcrfllhrers Fritz L. und andere unterstützten Bernhard R. und mich beim Besorgen von Wasser, Holz und den anderen beim Abkochen notwendigen ^Dingen. Und wenn dann diese anfangs meist etwas schüchternen Menschenkinder gesehen hatten, dak man mit „„g ganz gut verkehren könne, dann sastgen wir ihnen schöne alte Volkslieder vor. an denen man ja immer und immer wieder seine Freude hat. Eine •°e --