Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 12 (1921)
- Issue
- 4 (Sept./Oktober 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 120 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4926451-6352301-6352434--2130-4928209- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
120 fragen" — das aber gerade sind die auch zeitlich ersten! — könne man durch Vernunft nicht beantworten, das fei Elaubenssache: und Oberhaupt: Zdeale — um die allein es einem ja zu tun ist! — feien ja doch unerreichbar ... (Vergleiche die Philosophiegeschichte: frühe Denker: auf Endgültigkeit bedacht, späte: KrMzisten und — Pathetiker). Solche aus Erschöpfung geborenen Unternehmungen führen alsbald wieder zur Erschöpfung: wofür die ewigen Klagen jeder auf Pathos gegründeten Bewegung über Stagnation, Mangel an Arbeit ufw. Beispiel sind. Keineswegs also braucht der über Philosophemen Grübelnde und scheinbar „den Alten" Gleichende ein schlechtes Gewissen zu haben, — sofern er allerdings auf endgültige Lösungen aus ist. Denn die Wurzel des typisch jugendlichen Pathos ist das Ernstnehmen der Problematik für das „persönliche" Leben. Das aber ist auch Vorbedingung wahrer Philosophie. Die erste Folgerung aus der Forderung der intellektuellen Rechtschaffenheit ist also: cs darf nicht versucht werden, die Problematik des Lebens durch pathetische Lebensäützerungen oder gefühlsmäßige Forderungen zu ersetzen. Gegen Probleme Hilst nur Denken. Die zweite Folgerung ist diese: wer Überzeugungen irgenv welcher Art hat, wer Ziele irgend welcher Art verfolgt, also z. B. wer irgend eine Einstellung zur Gemeinschaft hat, mutz in jedem Augenblick bereit und imstande sein, alle seine Meinungen im letzten Grunde wieder zu prüfen, mutz in jedem Augenblick bereit sein, alles ausjugeben und von vorn anzufangen. Das sind die zu erfüllenden Vorbedingungen, um dem Begriffe der „Metapolitik" einen Inhalt zu geben, der persönlich im Tiefston ernst genommen und intellektuell unter Endgültigkeitsverspcktive stichhaltig begründet ist. „Das ist diejene Einstellung, die ein Maximum an Hoffnungslosigkeit enthält: aus allen Elementen und Faktoren der gegenwärtigen oder vergangenen politischen Erfahrung jemals eine ethisch befriedigende Ordnung menschlichen Zukammendaseins entstehen zu sehen — ohne den Anspruch darauf uufzugeben oder (was dasselbe ist) in die Ferne zu vertagen." Mit diesen Worten charakterisiert Erich kl n g e r in seiner Schrift „Politik und Metaphysik" *), die Grundlage, von der aus er versucht, dem Begriffe einer „Metapolitik" einen letzthin befriedigenden Inhalt zu geben. — Von dem genannten schöpferischen Grundsatz steter Kritik (heuristischem Prinzip) geführt, ist Unger zu einer philosophischen Begründung der politischen Einstellung gelangt, die nicht nur wegen ihrer Neuheit und Einzigartigkeit verblüffend, sondern auch, wie uns icheint, von der gröhten philosophischen und politischen Bedeutung ist. Wenn der Haupteinwand sich mit Tagespolitik befassender Menschen einerseits und der von persönlicher Problematik erfüllten anderseits der ist, dah man nicht abwartcn könne, bis die Philosophie die Antwort auf alle Fragen gefunden habe, so beweist Unger, datz nicht *) „Die Theorie", Versuche zu philosophischer Politik. 1. Veröffentuvung. Erich Unger. Politik und Metaphysik. Verlag David. Berlin 1921.