Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 12 (1921)
- Issue
- 4 (Sept./Oktober 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 106 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 106 — Der Führer und die Menschheiisidee. Bon Alfred Kahn, Dortmund. Wie aus einer öden Landschaft eine Baumgruppe, wie aus sei toten Fläche des Ozeans ein frischer Segler auftaucht und den, suchenden Auge wohltuende Ruhe bietet, so glitzert aus der unend lichen Zeitenspanne der Geschichte hier ein Licht und da ein Licht auf. welches trübe Epochen erleuchtet. Geister waren es, welche die Nor des Augenblicks oder der stille Gedanke aus der dunklen Masse cmporgewirbelt hatte, Köpfe, in denen sich ein neues, anderes und besseres Weltbild inalte, Herzen, welche in allumfassender Liebe süi die Menschen schlugen: es waren die Führer. Wer heute ruhig auf die verflossenen Zeiten der Geistesgeschichte der Völker zurückblickcn kann, vermag dem zwiefachen Nutzen zu ent nehmen: die lebensvollen Fdeen der Vergangenheit aus die Gegen wart zu beziehen und dem, was da im Geistigen werden will,'ver ständnisvoll gegenüberzustehe». Das gilt als Gebot besonders für eine Gemeinschaft, in der Fugend zu Fugend sich gefunden hat, für Gemeinschaften, deren behrste Aufgabe cs sein soll, ihre Mitglieds zu sittlichen Menschen zu erziehen. Vor allem aber verinnerliche sich derjenige die Pflicht der Rück- und Vorschau, welcher Mittelpunkt einer Gemeinschaft ist: der Führer. Aber nicht nur ein weiteres Blick keld muß sein Auge durcbblitzen, sondern Erkanntes und Gewolltes vorzulcben, zu verwirklichen in seine höchste Pflicht. Der Bcgeistc rung Feuer enklodere ihm. um die Kühlen mitzuenfflammen. Durch glüht von Wahrhaftigkeit seien seine Taten und Worte, denn dir Fugend merkt gar bald, was wabr und echt, was falsch und ge künstelt ist. Das Amt des Führers, im weitesten und allgemeinsten Sinne ge faßt. ist: die Verwirklichung der ^.Menschheit" zur Aufgabe des Menschen zu machen. Fn der Erfüllung dieses uralten Gebotes mutz seine Arbeit sich vollziehen. Das Wort von der „Menschheit" umfatzi da, wo es nicht leerer Schall und Klang ist, tiefstes und heißestes Seh nen der Fugend,' es ist das Sehnen, datz einmal alles, was auf Erden ist, sich in liebender Lust zum ewigen Völkerfrühling finde. Aber der Wille, diesen Fdealgarten Wirklichkeit werden zu lassen, ist das Wesentliche, sonst ist die Fdec nur ein blasses, blutloses Schemen, das in der Unendlichkeit entschwebt.-? Wer den Denkinhalt der Menschheitsidee in sich ausgenommen Hai, wer an ihren.aus Welk und Wissenschaft entspringenden Quellen getrunken hat, und ganz von ihrer Hoheit durchdrungen ist. wird in die Seele des jungen Menschen Keinie senken können, die köstliche Früchte tragen. Ueber dem Getön und Lärm des Tages soll der stehen, welcher Führer ist, und sein ruhig blickendes Auge überschaue ,die weiten Gefilde des Lebens,! Nur wenn sein Herz die große Linie des ewigen Geschehens kennt, vermag er in ruhiger Milde die Dinge zu betrachten und der Abglanz seines Schaucns wird auf die zurück - strahlen, welche zu ihm aufblicken. i