Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 12 (1921)
- Issue
- 4 (Sept./Oktober 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 104 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 104 - soeben noch im Staube des Alltags versanken, verwirklicht ist, wenn an diesem Abend die Hellen Lichter auf dem geschmückten Tische er strahlen, die Eltern ihre festlich gekleideten Kinder feierlich segnen der Pater den Cegenssprnch über den Wein und die Brote spricht und Mischen d«;n Gängen des Mahls die frohen Sabbathlieder er klingen. Gewiß, es gibt mitunter Juden, deren Leben teilweise in schroffem Gegensätze zu ihrer strengen Beachtung der sogen. Zeremonialgesetze steht. Die gläubigen Juden verurteilen - aber diese Entartungs erscheinung selbst aufs schwerste. Der religiösen Form muß der religiöse Inhalt entsprechen. Zu der Stelle der Bibel: „Und es werden sehen alle Völker der Erde, daß der Name des Ewigen über Dir genannt ist," bemerken unsere Weisen, „dies sind die Tefillin des Hauptes". Bon denen, die das Gebot -er Tefillin und der übrigen Gesetze beachten, die uns kräftigen, läutern und stählen sollen, ver langen wir ganz besondere Reinheit des Lebenswandels, auf daß sie auch gegenüber den Nichtjuden als beispielgebend voranleuchten und den göttlichen Namen nicht entweihen, sondern heiligen. Und tat sächlich finden wir ja auch diese bedauerlichen Diskrepanzen zwischen religiöser Form und Inhalt nur erwachsen aus furchtbarstem Druck und blutigen Verfolgungen, wo auch keinem modernen Juden im Verkehr n^it Mördern und Plünderern stetige Reinheit der Gesinnung und Tat möglich wäre. Allüberall aber, wo Juden ihr Leben selbst zu gestalten vermögen und wo auf der anderen Seite dem Ein sluß der Assimilation siegreich Widerstand geleistet wurde, passen Form und Inhalt harmonisch zueinander, wird nur durch die Bin düng der unentbehrlichen Form die Reinheit der Idee auch im Leben dauernd verwirklicht und — vor allem — von Geschlecht zu Geschlecht durch die Jahrtausende weiter vererbt bis zu jenem Tage, da diese V e r w i r k l i ch u n g der Sittlichkeit Allgemeingut der Menschen sein wird, bis da „voll sein wird die Erde von Erkenntnis des Ewigen, wie des Wassers Fülle des Meeres Gründe bedeckt". Aber nicht nur verstandesmäßige Erwägungen über die Grenzen menschlicher Erkenntnis, nicht nur ein klarer Blick über die Jahr tausende jüdischer und allgemeiner Geschichte sind es, die von uns die Erfüllung der jüdischen Religionsgesetze erheischen; letzten Endes ist es die tiefinnerliche Ueberzeugung, daß die für Abraham und damit ganz Israel gestellte Aufgabe, „Du sollst ein Segen sein", „Und cs werden sich segnen mit Dir alle Geschlechter des Erdballs", von Gott aufgegeben ist, daß der Befehl „Und Ihr sollt mir sein ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk", von dem Heiligen, gelobt sei. Er, gegeben ist, und daß somit alle Erziehungsmittel, die uns zur Lösung dieser Aufgabe befähigen, ebenfalls von Gott bzw. von den Weisen Israels unter dem Schutz göttlicher Autorität gegeben wurden