Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 12 (1921)
- Issue
- 4 (Sept./Oktober 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 103 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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bloß einen Augenblick die Soimtagsgottesdienfte der modernen Juden zum Vergleich ins Auge zu fassen. Und mag auch vielleicht auf anderem Gebiete die oder jene Satzung, die von den erleuchteten Weisen des Talmuds oder ihren Nachfolgern festgelegt wurde, künftig einmal von anderen erleuchteten jüdischen Lehrern und Weisen ge ändert, erschwert, erleichtert oder aufgehoben werden, so gilt dock .auch hier das Wort des deutschen Dichters: „Der Meister kann die Fprm zerbrechen, _ Mit weiser Hand, zurrechten Zeit. ~ Doch wehe, wenn in Flammenbächen Das glüh'nde Erz sich selbst befreit!" E i n Problem vor allem vermag menschlicher Geist niemals befriedigend zu lösen: den richtigen Ausgleich zwischen den Forderungen der Ethik einerseits-«nd den Ansprüchen der Sinne und des tatsächlichen Lebens andererseits zu finden. An der kantischen und nachkantischen Philosophie spielt das Problem der Notlüge, der piu fmus, eine gewichtige Rolle. Wenn eine schwerkranke Wöchnerin, deren Kind nach der Geburt gestgrben ist, sich nach dem Befinden dieses Kindes erkundigt, und der gefragte Arzt weist, die Wahrheit mutz der schwerkranken Mutter deck Tod bringen» nur die Lüge vermag ihr Leben zu retten, dann msttz nach Fichte die Wahrheit gesprochen werden, die das Mutterherz zu ewigem Stillstand bringt. Der Gedanke, datz Wahrheit unter ckllen Umständen über Leben geht, ist im ersten Augenblick etwas Bestechendes. Aber dieser Gedanke steht nur auf dem Papier, im Leben ist niemals nach diesem Satz gehandelt worden, nie ist dieser Gedanke verwirklicht worden. Und eine jede Ethik, die nicht verwirklicht worden ist und von Menschen von Fleisch und Blut nicht «erwirklicht werden kann, ist nach jüdischer Ansicht keine Ethik. Des jüdische Arzt würde bei einer solchen Wöchnerin nach ernstester Ueberlegung die Notlüge sprechen, weil das Leben der Mutter schwerer wiegt. Das Judentum lehrt: Lediglich zur Vermeidung von Unsmtlichkeit, Blutvergietzen und Abgötterei darf und soll der Jude sein Leben opfern. Diese Ethik steht aber nicht nur auf dem Papier, sie ist verwirklicht worden, wie der jüdischen Geschichte blutigrote Lettern ergreifend lehren. Und bei der Feier des Sabbath, wie wunderbar ist hier das richtige Matz eingehalten zwischen den^ Ansprüchen des Gebets, des Lernens und Lehrens auf der einen Seite, und dem ästhetisch Schönen, aber auch sinnlich Ansprechenden auf der anderen Seite! Niemals hätte eines Sterblicken Geist dieses Ebenmatz izu schaffen vermocht. Schwächen auf der ">nen oder Härten auf der anderen Seite wären unvermeidbar gewesen. Wer aber jemals einen Freitagabend in einer gutjüd'schen Fnmi'ie mite<-testt hat, mutz, wie selbst nichtjüdische Denker, zugeben, datz stier tatsächlich die Vereinigung zwischen dem himmlischen Gold und der Erde bzw. Israels Kindern, deren Füße-