Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 12 (1921)
- Issue
- 4 (Sept./Oktober 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 102 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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102 gesetze, auch wenn wir hier die Gründe der Verbote nur teilweise oder gar nicht kennen. Und wenn manche dieser „Zeremonialgesetze". wie das Gebot der Schaufäden oder das Verbot des Schweinefleisches, nur gegeben find, um den Menschen zu läutern und zu stärken, wie edles Metall im Feuer geläutert und erhärtet wird, spricht das etwa irgendwie gegen diese Gesetze? Wenn heute z. P. F. W. Foerster voi, seinem Standpunkte aus sagt: Wir müssen den Kindern in junge» Fahren manches verbieten, auch wenn sie den Grund der Verbote nicht begreifen, damit die Fugend im Entwicklungsalter eiserne Widerstandskraft besitzt gegenüber Wünschen und Begierden, bei denen sie selbst noch nicht zu entscheiden vermag, ob deren Befriedi gung zulässig ist oder nicht, dann hat jüdische Fugend den traurigen Uebermut,- die UnerLahrenhcit und Ueberhebung, sich zu vermessen, auch ohne das läutetkide und stärkende Feuer des Zeremonialgesetzes. stets den rechten Weg und die richtige Tat im Leben zu finden? Ter wahrhaft Gebildete, auch unter der jüdischen Fugend, must doch durch drungen sein von der Erkenntnis der Relativität und des Eintagscharakters aller menschlichen Wissenschaft, gemessen an dem Ewigkeitscharakter der göttlichen Lehre, must wissen, dast gerade die gröhten Mathematiker und Physiker selbst die Lehren eines Kopernikus oder Newton nur als die derzeit bequemsten Hypothesen auffassen. dast wir aber von absoluten Wahrheiten hier nirgends spreche» körinen. Und wenn dann schlicstlich wirklich einmal unsere - an Eintagskenntnis und Eintagswissen orientierte - Vernunft dieses oder jenes Gebot nicht begreifen könnte, sollte dann die Autorität der göttlichen Vernunft nicht ausreichen, um die Erfüllung des gött lieben Gesetzes zu erreichen? Run wird man vielleicht einwenden: Gewiß, wir geben zu, die jüdischen Ehe- und Sittlichkeitsgesetze sind sehr wertvoll und solle» beobachtet werden, gewiß, der jüdische Kaufmann. der aus der Reise seine Speisevorschriften überall strenge einhült, zeigt auch sonst ein großes Mast von Selbstbeherrschung im Leben. Aber warum soll ich den Sabbath gerade in der v o r g e s ch r i e b e n e n Weise halten, kann ich nicht das Andenken an die Befreiung aus Aegypten, an die Offenbarung am Sinai feiern, wie es m i r beliebt? Vermag ich nicht die innere Einkehr und Buße, deren Berechtigung ich cinräume, in meinem Fnnern vorzunehmen in neuen, völlig anders gearteten For men? Fch gebe zu. ein Eeschäftsbrief-am Sabbath ist eine Versündigung an der Fdee, aber ein Brief an einen Freund, der mich befriedigt, sollte doch einem modernen Menschen erlaubt sein? Darauf ist tu erwidern: Auch hier ist die Anmaßung des gewöhnlichen Menschen geistes zurückzuweisen. Niemals hätte Menschengeist das wunderbar harmonische Gebäude der Sabbathfeier, das doch aus zahllosen kleinen Steinchen gefügt ist. künstlich zurechtzimmern können. Man braucht