Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 11 (1920)
- Issue
- 3 (8.1920)
- Date
- 1920-08-01
- Page
- Seite 80 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Bräuche erst Wunschobjekt vieler bedeuten, und wenn dos Fühlen selbst doch nicht gerade jüdischer Art eigen ist?" Me jüdischreligiöses Fühlen sich in eigenen, starken Formen zeige, dies und die Beziehung von Gefühl und Brauch bleibe heute unerörtert. Wie ich Ihnen schon verhieß, soll geistige Kraft eines berufenen Freundes hierfür beste Prägung suchen. Aber das lassen Sie mich jetzt mit der Kraft der 1leberzeugu.ng sagen,- daß nicht erst die Ausdrucks form des religiösen Empfindens den Juden vom Nichtjuden unterscheidet, sondern dieses Fühlen selbst. Tie.Richtigkeit dieser inneren Sicherheit zu erweisen, muß ich zur Sprack)e des „Gleichnisses" greifen, die allein der Vergänglichkeit des Gefühls gerecht zu werden vermag. Religiosität als Grundgefühl, als latente Energie, mag dem Blicke, der am Oberflächlichen lmftet, als gleichartig, als „allmenschlich" erscheinen. Doch ist's nicht minder bedingte Gleichheit wie — die des menschlichen Blutes. Wir wissen heute durch Experiment und Empirie der Heilkunde, daß diesem, für das geschärfteste Auge gleichartigen „Safte" Unterscbiedlichkeiten biologischer Natur anhaften, die Blut schon verschiedener Familien als biologisch nicht gleich auffassen lassen. Mit sinngemäßer Uebertragung trifft gleiches für das religiöse Gefühl der Menschen zu. Versuchen wir uns an der „Biologie" des religiösen Gefühls; man verzeihe mir diese naturalistische, methodisch^aber vielleicht wertvolle Begriffswahl. Drei Wegstrecken durchmißt religiöser Drang: Im Unterbewußten, aus geheimer Quelle hebt er an und schwingt sich, unser ganzes Sein umstimmend und in Spannung versetzend, rasch über die Schwelle des Bewußtseins und von da hin zu religiösem Brauche; von ihm aus eilt er, Lu religiössittlicheni Willen geworden, zu Werk und Tat. Oft durchläuft auch religiöses Fühlen die Etappe des Kultischen und wirkt sich ohne Verzug in werkhaftem Handeln aus. „Formen", Riten sind also keineswegs, wie Sie meinten, zwingender und gar letzter Ausdruck religiösen Empfindens! Jüdische Religiosität erhält heute wie vor Hunderten von Jahren Richtung und Schwungkraft über Brauch hinaus durch jenes Wort aus prophetischem Munde „Wer hat das von Eurer Hand verlangt, meine Vorhöfe zu zertreten...! Lernet das Gute tun, erforschet Verwirklichung des Rechts, bringt zu -Heil Gährendes, schafft Recht der Waisen, kämpst für die Witwe." (Jesaja.) Indessen — das ist nicht ausschließliche Wesensart jüdischreligiösen Lebens. Religiosität des Juden erhält und bekundet aber für mein Empfinden ihre spezifische Tönung bereits auf der ersten Spann« We^es, die wir das Fühlen durcheilen sahen, im Unterbewußten, und