Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 11 (1920)
- Issue
- 3 (8.1920)
- Date
- 1920-08-01
- Page
- Seite 75 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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streng sittenreine jüdische Lebensführung hat keinen Ort in -er Kultur dieser „zivilisierten" Erotik einer zerpeitschten Perversität. Das Aufgehen im äußerlich Triebhaften ohne innige, weich. sehnsüchtige Zuneigung jungen Liebeslebens ift nicht mehr jüdische Kunst. Ueberhaupt kann heute ja nicht mehr von jüdischer Kunst in der Diaspora gesprochen werden, wenn man nicht das Jüdische aus den, künstlerisclien Schaffen von Juden ableiten will, weil es unendlich schwer ist, ans der Verquickung des Inden mit der Kultur seines Geburtslandes etwas typisch Jüdisches zu erkennen. Ter Begriff Kunst unischließt aber letzten Endes nur dos Produkt alles dessen, tvas die Juden als Volk in ihrem Staat hervorgebracht haben. Diese Dichtung als Lob Gottes in der Theokratie ist aber eine durchaus nationale, die das Subjektive nur im Ausdruck zulätzt, während die Ideen sich fast völlig decken. Tritt in der ferneren Entwicklung das Erlebe'» jüdischen Lebens niehr hervor, so freuen wir uns der Psalmen. der gesamten Gebetliteratur. Wird aber das jüdische Erleben stärker, führt das Ausschöpfen tiefster Gefi'ihlswerte von reinster Innigkeit zu selbstquälerischem Zweifel, verbissenem, weltverachtendem Spott. .Naturgemäß entfernt sich auch dieser Zug von der Lebensbejahung des jüdischen Wesens, so daß schließlich das jüdische Erleben des Lebens seinen Ausdruck nicht mehr in künstlerischer Form erhält, vielmehr zu einer der Philosophie vorangehenden Skepsis führt. Damit überträgt das jüdische Wesen seine Kunst der Wissenschaft, der Betonung des rein Geistigen aüs einer Lust stir bestimmte, gesetzmäßige Gedankengliederung hergus (Talmud, Religionsphilosophie), des Intellekts vor dem Erfühlten, aus deren innigem Vernxichsensein wahre Kunst nur schöpfen kann. Tenn tritt nun das Gefühlsmoment zu stark oder^allein hervor, so ist das Gedicht ein Sich-Ansseben des Gefühls in Worten, aus dem das Bedürfnis nach musikalischem Ausdruck hervorwächst. Der Verdichtung des Gefühls kann die immerhin nüchterne Tarstellnng in Worten nicht mehr genügen. Sie offenbart sich im Unmittelbaren, im Hunger nach Tönen, im Lied, im Gesang, in der Musik. (Davids Gottesdienst.) Ihre Rückwirkung cuif_ das Seelische und Körperliche des mitfühlenden Hörers führt zur Belvegung, zur rhythmischen Belvegung, zum Tanz, zum Spiel, zur Darstellung von Gefühlen, Temperamenten, schließlich zur Darstellung von Personen und Ideen. Auf diesem Wege qlso gelangt man zu der Bedeutung des Juden in der reproduktive^ Kunst (Schauspieler. Sänger, Regisseur), wo er infolge seiner Anpassungsfähigkeit an eine gegebene Lage völlig in der darzustelleni en Gestalt aufgeht und sie in der großen Beweglichkeit seines äußeren Ausdrucksvermögens auswirkt. Das jüdische Erleben jüdischen Lebens erzeugt den künstlerischen Chassidismus, der in dem Erfassen eines starken Gottvatergedankens sich in einen Ausdruck hineinforisit, der sein Ringen und Suchen auch in seinen Worten verkörpert. Tie dunkle Tiefe seines gedanklichen Pfadsuchens offenbart sich in der starken Verdichtung und Hinführung der Idee zu dem sie voll wiedergjebenden Wort. So schwimmt in der