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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1920-08-01 · 3 (8.1920) · p. Seite 72

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
11 (1920)
Issue
3 (8.1920)
Date
1920-08-01
Page
Seite 72 (sequence 18)
Language
German
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72 >i „Während das erste Glied des sozialen Organismus, das Wirtschaftsleben, nur mit all dem zu tun hat, was der Mensch braucht, aus der Natur und aus seiner eigenen Produktion heraus, mit Waren, Warenzirkulation und Warenkonsum, soll das zweite Glied des sozialen Organismus, das eigentliche politssche Leben und das Leben des öffentlichen Rechts, nur zu tun haben mit all dem, was sich aus rein menschlichen Untergründen heraus auf das Verhältnis des Menschen zum Menschen bezieht. Als drittes Glied, das ebenso selbständig sich neben die beiden anderen Glieder hinstellen muß, hat man im sozialen Organismus aufzufassen alles dasjenige, was sich auf das geistige Leben bezieht." Ohne im einzelnen hierzu Stellung zu nehmen, müssen wir ja erkennen, daß tatsächlich viele Symptome der heutigen Zeit aus eine ähnliche Entwicklung hinweisen. Wenn sich jetzt ein. besonderes Wirtschaftsparlament herausgebildet hat, so zeigt dies, daß tatsächlich das politische Parlanient diese Tinge, die wirklich nur von den Sachverständigsten bei der Kompliziertheit der wirtschaftlichen Geschehnisse gefördert werden können, nicht mehr umfassen kann. Andererseits bestätigt die Krife„ in der sich in diesen Tagen die staatlichen Betriebe, wie Post und Eisenbahn, befinden, die immer mehr um sich greifende Erkenntnis, daß die verstaatlichten Betriebe fast stets unrentabel und bureaukratisch arbeiten, daß dies nicht der Weg ist, der uns wirklich einen Fortschritt gegenüber dem privatkapitalistischen System bringt. Selbstverstündlich, will Steiner nicht eine Fortsetzung des alten Privat-Kapitalismus, sondern eine planvolle Selbstverwaltung, die die individuell Tüchtigsten in den Besitz der Produktionsmittel allmählich bringt, die Arbeiter geistig an der Entwicklung des Betriebs mit Anteil nehmen läßt und nicht die Profitgier, sondern die Freude am Gelingen des Werkes als Motiv der Betätigung setzt. Es muß auch zugegeben werden, daß nicht nur die Verquickung von wirtschaftlichen und politischen Dingen heute schon vielfach als unglücklich empfunden wird, sondern daß auch die Verquickung von Staatsmit Geistesleben und von Wirtschaftsmit Geistesleben zu sehr vielen unerquicklichen Erfahrungen geführt haben. Wie oft ist tüchtigen Leuten der Weg als Lehrer an der Universität verwehrt worden, weil sie nicht so gedacht haben, wie es der Staat gerade verlangte! Wie oft ist der Geist der Schule ganz davon beeinflußt, wie geradedie zeitige politische staatliche Richtung es gebietet! Würde es nicht einen ungeheuren Aufschwung bedeuten können, wenn das Geistesleben ganz auf sich gestellt wäre, niemals abhängig voni Staate und ganz gewiß nicht vom Wirtschaftsleben! Daß letztere Erscheinung beute durch den Ankauf von Zeitungen zu den unheilvollsten Einflüssen geführt bat. ist ja täglich wahrnehmbar. Ich glaube, soviel sagen zu dürfen: Ein jeder, der von all diesen Problemen schon bewegt worden ist, wird das Steinersche Buch, wenngleich es etwas schwerfällig geschrieben ist, nicht ohne Befriedigung aus der Hand legen.

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