Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 11 (1920)
- Issue
- 3 (8.1920)
- Date
- 1920-08-01
- Page
- Seite 71 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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71 Ruboir Steiners Dreiglieberüng des foziahzn Organismus. Von Erich L e tyy, Frankfurt a. M. - . Wer aufmerffam den politischen und wirtschaftlichen Kampf der heutigen Zeit verfolgt, wird deprimiert von der Ideenlosigkeit der Parte i-Schlagwörter, die die Massen verwirren und diese, wie die letzten Wahlen gezeigt haben, von rechts nach links und von links nach rechts hin und her pendeln lassen. Es fehlen offenbar im politischen Leben überragende Ideen, die in diesem Zustande der allgemeinen Ratlosigkeit riclsiunggebende und grobe, Mut treckende Ziele iveisen. Gespannt nimmt man daher Bücher in die Hand, die versuchen, durch neue Vorschläge uns aus diesen stagnierenden Zuständen herauszuführen. Zweifellos gehört zu den ernsthaftesten, die größte Aufmerksamkeit fordernden Vorschlägen dieser Art die Idee der Drei»! gliederung des sozialen Organismus von Rudolf Steiner, der in der Schrift: „Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft" seine Ideen ausführlich erörtert. Es handelt sich hier nicht um ein sogenanntes neues nationalökonomisches, streng wissenschaftliches System, das die Einzelheiten einer neuen sozialen Ordnung entwirft, sondern Steiner will nur große Richtlinien geben, die die Menschen veranlassen sollen, sich mit diesen neuen Ideen zu befassen. Steiner will nur Anregung 311 einem neuen Wyge nach sozialen Zielen geben, die den gegenwärtigen Lebenswirklichkeiten und Lebensnotwendigkeiten entsprechen, ohne alle Einzelheiten festlegen zu! wollen. Er glaubt, daß, je mehr Menschen von diesen Gedankengängen, von denen er hofft, daß sie den wahren Lebensbedürfnissen entgegenkommen, erfüllt werden, desto eher die Gesellschaft aus den allen, versahrenen Geleisen hcrauskommt. Mit tiefenr Verständnis erörtert Steiner im ersten Abschnitt seiner Schrift die eigenartige Lage des Proletariats und die richtunggebenden Kräfte der proletarischen Bewegung. Wie hypnotisiert ist alles auf das rein wirtschaftliche Leben gerichtet, man spricht nur von Kapital, Arbeitskraft, Waren, Lebensverhälknissen und materiellen Leistungen. Wer tiefer sieht, erkennt aber, daß es eine große Sehnsucht nach Erhöhung der Menschenwürde ist, nach der der Proletarier sich, vielleicht unbewußt, mehr sehnt, als nach wirtschaftlichen Reformen. Gerade das Ansgeschlosfensein von den geistigen Gütern, das Fehlen eines gemeinsamen Geisteslebens hatte als Folge dieses Herabblicken auf die reine „Ideologie" der Wissenschaft, die von Staatswegen heute protegiert wird, und diese ungeheure Vertiesimg der Klassengegensähe. Und tvenn Steiner tveiter ausführt, daß die Einspannung der Arbeitskraft ass Ware im Wirtschaftsleben als Erniedrigung empfunden wird, so hat er auch hier sehr tief in die Impulse gebenden Kräfte der heurigen proletarischen Bewegung gesehen. Steiner will die Arbeitskraft des Charakters als Ware entkleiden und sie in den Bereich eines von jdem Wirtschaftsleben unabhängigen zweiten Gliedes des sozialen Organismus gestellt und dadurch vor Ausbeutrmg geschützt sehen. ,